Neues vom Turm VI Die Liebe zum Drachenstich fördern, nicht behindern!

Zwei Bilder, zwei verschiedene (Drachenstich-)Welten: Die kleine Darstellerin oben reißt der tobende Drache im Hintergrund nicht mehr vom Hocker; bei ihr siegt die Müdigkeit... Foto: Th. Linsmeier

Heute einmal Gedanken zu zwei Bildern, die am Freitagabend am Rande der Premiere entstanden sind. Zwei zuckersüße, lustige Motive. Auf dem einen Foto sind zwei Kinder zu sehen, die ganz gierig versuchen, vom Durchgang im Stehplatzbereich einen Blick durch den Bambussichtschutz (der offizielle Stehplatzbereich ist an diesem Abend proppenvoll) zu erhaschen. Dass ihnen dabei die Rücken von Statisten und die Tische des Laufstegs die freie Sicht zusätzlich erschweren, scheint sie in diesem Moment nicht zu entmutigen. Sie wollen dem Ritterpaar, dem Festspiel unbedingt ganz nahe sein.


Einen Schritt weiter auf der Drachenstich-Karriereleiter, wenn man es so nennen will, ist dagegen bereits das kleine Mädel aus dem Volk auf dem zweiten Foto. Bei der Premiere hat es vermutlich bereits zwei Haupt- und zwei Generalproben, von denen jede – ohne Vorbereitungszeit – gut zwei Stunden dauerte, hinter sich. Und nun ist die Kleine am Ende der ersten regulären Vorstellung angelangt. Die Müdigkeit scheint über das Interesse, wie sich der Ritter an diesem Abend gegen den Drachen so schlägt, zu siegen. Nervenkitzel sieht anders aus. Vielmehr scheint das Mädel froh zu sein, wenn’s vorbei ist und es endlich heim ins Bett darf.
Diese beiden Bilder sind aber unserer Ansicht nach nicht nur nett anzusehen, sie beinhalten auch eine Botschaft, gar eine Mahnung. Die kleine Volkdarstellerin ist – auch wenn das auf diesem Foto anders wirkt – mit dem Drachenstich-Virus bereits infiziert. Vermutlich wird sie in den kommenden Jahren eine „Spielschar-Evolution“ vollziehen, wie sie viele der aktuellen Hauptakteure vorweisen können. Bis weit in die Jugend hinein wird sie im Volk oder in der Schranne zu sehen sein, später einmal möglicherweise eine Sprechrolle übertragen bekommen. Und vielleicht wird sie auch eines Tages als Ritterin auf der Bühne stehen (wetten, dann wird sie ganz sicherlich in Richtung Drachen blicken…)


Wohin die (Drachenstich-)Reise der beiden Kleinen auf dem Bild darunter führt, ist schwer zu sagen. Vielleicht ergibt sich für sie mal die Gelegenheit, dass sie in die Spielschar schlüpfen, vielleicht auch in die des Historischen Kinderfestes (wenn sie ihr nicht schon angehören, wir wissen es nicht). Vielleicht aber haben sie es auch eines Tages satt, Geld zu bezahlen, um sich dann im Stehplatz-Bereich die Hälse zu verrenken, nur um einen Blick aufs aktuelle Ritterpaar, auf das Spiel zu erhaschen. Vielleicht besuchen sie gar keine Vorstellung mehr, nutzen „nur“ noch die Party-Nächte an den Drachenstich-Wochenenden. Oder sie interessiert der Drachenstich eines Tages überhaupt nicht mehr.


Es wäre jetzt zu weit hergeholt, dem vor zwei Jahren installierten, oft kritisierten Sichtschutz im Stehplatzbereich anzulasten, dass er seinen Anteil daran hat, wenn in manchen (kleinen) Zuschauern die Drachenstich-Leidenschaft erlischt oder erst gar nicht entflammt. Dennoch: Dass solche Maßnahmen dem ältesten Volksschauspiel dienlich sind, mögen wir bezweifeln. Vielleicht, was die gerade laufende Vorstellung für die Zuschauer auf den Tribünen betrifft. Wohl eher nicht, wenn es darum geht, die Liebe zum Drachenstich bereits in den Kinderherzen zu entzünden. Denn nur diese Freude am Further Spiel, dieser „Da-Muss-Ich-Unbedingt-Dabei-Sein“-Gedanke, hat über Jahrhunderte das älteste Volksschauspiel am Leben erhalten. Ohne diese Liebe zum Drachenstich in der breiten Bevölkerung wird es das alljährliche Spektakel im August, um das uns Further so viele beneiden, in der Zukunft schwer haben. Auch daran sollten die aktuellen, temporären Entscheidungsträger, die dann wohl längst aus dem Festspielgeschehen verschwunden sind, denken.


Denn die Kleine aus dem Volk, würde sich sicherlich – vielleicht dann als Ritterin – wünschen, wenn ihre beiden Altersgenossen hinter der Strohmatte zusammen mit ihr auf der Bühne stünden oder zumindest aus dem Publikum heraus begeistert applaudieren würden, weil es einfach eine tolle Atmosphäre ist, hier im Herzen von Furth.


Das ist der Geist des Drachenstichs, den hoffentlich auch unsere Kinder, Enkel, Urenkel und viele nach ihnen so erleben dürfen, wie wir in den vergangenen Jahren. Dafür muss man was tun – ganz sicherlich aber nicht, einen Sichtschutz aus Bambus zu errichten.    

 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading