Neues vom Turm Ein Untoter, ein Goldzahn und ein lädierter Bürgermeister

Das Vorzeit-Dschungelcamp hinter der Drachenstich-Bühne. Foto: Th. Linsmeier

Beim Drachenstich ist bekanntlich alles möglich, sogar die Auferstehung von Toten aus Stoff. Diese war auch dringend notwendig, denn das Further Festspiel mit seinem modernsten Schreitroboter der Welt und auch sonst noch viel technischem Schnickschnack hatte plötzlich ein profanes Problem: Einen leblosen Körper zu finden, der sich leicht und optisch überzeugend zu Beginn einer jeden Aufführung ins Drachenmaul werfen lässt. Bisher erledigte diesen Job immer der Erwin, wie die Stoffpuppe von den Vorzeitmenschen getauft wurde, sehr gut. Doch nach acht Jahren und folglich zig grausamen Toten sollte er ersetzt werden. Also wurde eine Schaufensterpuppe besorgt. Doch schnell zeigte sich, dass sie dem Erwin hinsichtlich Authentizität nicht das Wasser reichen konnte: Zu schwer, zu unförmig, wenig überzeugend. Folge: Erwin musste wieder zurück in die Arena, ansonsten wäre die Szene komplett gestrichen worden, so die Anweisung von Regisseur Alexander Etzel-Ragusa.
Doch von dem aufopferungsvollen „Mitspieler“ fehlte jede Spur. Sollte er gemeuchelt worden sein? Wurde er verschleppt, um abartige Gelüste zu befriedigen? Oder landete er gar irgendwo im Müll? Die schlimmste Befürchtung bewahrheitete sich, als die größte je in Furth stattgefundene Suche nach einer Puppe von Erfolg gekrönt war: Im Abfallcontainer entdeckte ein Bauhof-Mitarbeiter Erwins Hand, worauf er ihn ins Leben zurückzog. Seitdem darf der berühmteste und leidgeprüfteste Further Untote wieder seiner Bestimmung nachgehen – 16-mal pro Jahr (inklusive Haupt- und Generalproben) dem Drachen zum Fraß vorgeworfen zu werden. Und welches Schicksal ereilt seinen Nachfolger? Dies scheint noch ungewiss, denn derzeit kauert die Puppe in einer Ecke des Foyers der alten Perlinger-Villa mit traurigem Blick, als wolle sie sagen: „Keiner liebt mich...“

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Doch vielleicht gibt es doch noch eine Aufgabe für den Namenlosen, denn Tote werden im Further Festspiel immer wieder gebraucht. So zum Beispiel als Florian-Double, um die Szene in der Arnschwanger Kirche nachzustellen. Auf dem Wagen des Paters. Oder bei den Trinkgelagen beim Stangerl... – Letzteres eher nicht, denn da wäre die Verwechslungsgefahr mit manchem Sattelbogner-Soldaten einfach zu groß. Gut hineinpassen würde die Puppe dagegen in die Steinzeit-Gruppe, auch wenn sie ihren Job, im Drachenmaul zu landen, wieder an Erwin abtreten musste. Aber im stillen Kämmerlein, wo sich die Urzeitjungs und -mädels immer sammeln, würde er sich sicherlich gut machen, denn wie meinte kürzlich einer: „Wenn die drinsitzen, sieht es aus wie im Dschungelcamp von Jurassic Park...“

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So rabiat wie einst in der Vorzeit (Menschenopfer, Mord und Totschlag) geht’s in vielen Teilen des Stücks zu. Manchmal ist das auch für die Akteure sehr schmerzhaft. Das musste nun Bürgermeister Sandro Bauer, der in der Gruppe „grün“ den Chamerauer darstellt, Sonntagnacht am eigenen Leib erfahren: Beim Kampf mit dem Sattelbogner Sandro Ziesler hämmerte dieser versehentlich sein Knie gegen die Augenbraue des Bürgermeisters. Ein Cut war die Folge. „Gut, dass mein Handschuh sowieso rot ist, dann hat man es nicht gesehen, weil er alles aufgesaugt hat“, meinte Bauer schmunzelnd. Zum Glück geschah dies nur wenige Minuten vor seinem Bühnenabgang. Hinter den Kulissen wurde der Chamerauer bereits von einem Team des BRK erwartet, das ihn umgehend versorgte: „Respekt vor diesen Leuten, die waren sofort da“, lobte der Bürgermeister. Genäht musste Bauer nicht werden.

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Genau genommen hatte der Chamerauer in dieser Szene auch noch richtig Glück, denn nicht auszudenken, wenn des Sattelbogners Knie in Sandros Mund gelandet wäre und der Bürgermeister einen Zahn verloren hätte. Denn so leicht wäre beim Stadtoberhaupt der Zahnersatz nicht gewesen wie bei seinem „Kind“, dem Drachen. Der glänzte in den vergangenen Aufführungen gar mit einem „Goldzahn“. Warum? Weil die Drachenmannschaft etwas die Farbe verfehlt hatte, als sie einen Ersatzzahn herstellte. So funkelte es im Drachenmaul im unteren Kiefer rechts bei den Aufführungen ab und zu auf. Im Gegensatz zum Bürgermeister lässt sich aber ein Tradinno-Zahn mittels Akku-Schrauber innerhalb einer Minute ersetzen...

 

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