Neues Buch "Nur die Wahrheit rettet" Welche Rolle spielte Joseph Ratzinger im Kirchenskandal?

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. Foto: Sven Hoppe/dpa

Galionsfigur der Konservativen, rotes Tuch für Liberale: Joseph Ratzinger ist und bleibt eine umstrittene Figur. Das gilt auch für seine Rolle im Missbrauchsskandal. Ein neues Buch bezieht sehr deutlich Stellung.

Kaum jemand hat die katholische Kirche in den vergangenen Jahrzehnten so geprägt wie Joseph Ratzinger. Als Präfekt der mächtigen Glaubenskongregation im Vatikan machte er Kirchenpolitik, seit 2005 als Papst Benedikt XVI. sowieso - auch über seine Emeritierung im Jahr 2013 hinaus. Und womöglich nie hat ein Skandal die Kirche und ihre Glaubwürdigkeit so erschüttert wie der tausendfache Missbrauch von Kindern und Jugendlichen - und dessen jahrzehntelange Vertuschung.

Ist es Zufall, dass dieser Skandal und Ratzingers Amtszeiten zusammenfallen? Welche Rolle spielt der Papst aus Bayern im historischen Kirchenskandal? Das wollen die Autoren Doris Reisinger und Christoph Röhl in ihrem Buch "Nur die Wahrheit rettet - Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger" beleuchten, das an diesem Montag auf den Markt kommt.

Stellte Ratzinger den Ruf der Kirche über alles?

Es ist gewissermaßen die Fortsetzung ihrer Zusammenarbeit zu Röhls viel beachtetem Dokumentar-Film über Ratzinger mit dem Titel "Verteidiger des Glaubens", der 2019 Schlagzeilen machte. "Es gab so viel Stoff, der in dem Film keinen Platz hatte. Als der Film dann kritisiert worden ist, lag es nahe, die These des Films mit zusätzlichem Stoff zu untermauern", sagt Reisinger im Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Natürlich kann auch das Buch nicht allem bis ins Detail nachgehen, weil es einfach so viel ist. Wir haben es hier schließlich mit jemandem zu tun, der drei Jahrzehnte lang in Spitzenpositionen in der katholischen Kirche war."

Die zentrale These des Films: Ratzinger war maßgeblich verantwortlich für ein System, das Opfern kein Gehör schenkte und den Ruf der heiligen Kirche über alles stellte. Kritiker nannten die These schlicht falsch, die Betrachtung Ratzingers einseitig. "Es ist gar keine Frage, dass es eine ganz starke Anhängerschaft gibt, die diesen Mann verehrt und glorifiziert und unter allen Umständen am Mythos Benedikt festhalten will", sagt Reisinger, eine frühere Ordensfrau, die heute als Theologin in Wiesbaden arbeitet und einem ehemaligen Mitbruder vorwirft, sie in ihrer Zeit als Nonne vergewaltigt zu haben. "Es fällt mir persönlich auch gar nicht leicht, diesen Mythos anzugreifen und zu zerpflücken. Aber wir sprechen hier über jemanden, der massiv Versäumnisse angehäuft hat."

Sie und Röhl stellen ein Kapitel an den Anfang ihres Buches, das überschrieben ist mit "Ratzingers Geschichte als die eines Helden". Darin nehmen sie die Perspektive seiner Anhänger ein und schreiben beispielsweise: "Selbst Gegner bescheinigen dem Kardinal und späteren Papst, dass er den Ernst der Lage und das Leid der Opfer früher als andere gesehen und verstanden hätte. Sie rechnen ihm hoch an, dass er als erster Papst Missbrauchsopfer getroffen hat." Und: "Es verbindet ihn nichts mit jenen Kirchenmännern, die es gewohnt waren, in moralischen Dingen beide Augen zuzudrücken und ohne Gewissensbisse großzügige Ausnahmen für sich selbst und ihre Freunde zu machen."

Kritik auch an Gerhard Ludwig Müller

Ihr Urteil fällt dennoch alles andere als wohlwollend aus: "Ein Held war Joseph Ratzinger nicht." Die Autoren kritisieren, dass Papst Benedikt sich nicht zu Wort meldete, als Missbrauch und Gewalt bei den Regensburger Domspatzen bekannt wurden, dem Chor den Papstbruder Georg Ratzinger jahrzehntelang geleitet hatte. Das sei das eine, sagt Reisinger. "Das Schlimmere ist, dass er ausgerechnet den damaligen Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller zum Präfekten der Glaubenskongregation und damit zum weltweit zuständigen Chefaufklärer in Sachen Kindesmissbrauch gemacht hat. Nachdem Müller sich vor Georg Ratzinger gestellt und die Aufklärungsversuche in Regensburg behindert hatte. Müller sprach von einer "Kampagne" gegen die Kirche - und Ratzinger betraute ihn mit der Verantwortung für die Ermittlung in Missbrauchsfällen weltweit."

Die Autoren zitieren auch aus einem Brief Ratzingers, den dieser an eine Kirchengemeinde in den USA geschickt hat - als Antwort auf die Bitte, einen Priester, der Kinder missbraucht hatte, aus dem Kirchendienst zu entlassen: Die angeführten Gründe für die Dispens seien zwar schwerwiegend - "doch, zugleich mit dem Wohl des Bittstellers" müsse "auch das Wohl der Gesamtkirche in Betracht" gezogen werden. Eine Dispens würde Schaden unter den Gläubigen anrichten - "vor allem angesichts des jungen Alters des Bittstellers".

Natürlich trage Ratzinger allein nicht die Schuld an einem Kirchensystem, in dem Missbrauch über Jahrzehnte weitgehend unbehelligt möglich war. "Er ist auch Symptom eines Phänomens - ähnlich wie Donald Trump in den USA. Es sagt etwas über die katholische Kirche aus, wenn jemand wie er in eine solche Leitungsfunktion kommt, jemand mit mangelnder Menschenkenntnis, einem hoch idealistischen Kirchenbild und Konfliktscheue, der gar nicht in der Lage ist, gewisse Dinge realpolitisch und nüchtern zu betrachten", sagt Reisinger. "Vielleicht ist sein größtes Versäumnis, dass er selbst diese Verantwortung angenommen hat und nicht gesagt hat: Lasst mich lieber Professor sein und Bücher schreiben."

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