Neue Eliten? Zahl der Studenten an privaten Hochschulen explodiert

Immer mehr Studenten schreiben sich laut einer Aufstellung des Bundesamts für Statistik an privaten Hochschulen ein. (Symbolbild) Foto: Peter Kneffel/dpa

Private Hochschulen gewinnen in Deutschland offenbar an Bedeutung. Während zwischen 2000 und 2018 die Zahl der Studenten um knapp 48 Prozent gewachsen ist, verzehnfachte sich die Zahl der Studenten an privaten Hochschulen im gleichen Zeitraum. Doch woran liegt der Trend zum Studium auf eigene Rechnung?

Im Wintersemester 2018/2019 waren 246.700 Studierende an privaten Hochschulen eingeschrieben. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, waren das sieben Prozent mehr als im Wintersemester 2017/2018. Dagegen stieg die Gesamtzahl der Studierenden an allen Hochschulen in diesem Zeitraum nur um ein Prozent auf 2,87 Millionen.

Studieren neben dem Beruf bei den Privaten besser?

Zum allgemeinen Trend zur „Akademisierung“ vieler Ausbildungsrichtungen scheint sich also eine Tendenz zu Privat-Hochschulen zu gesellen. Schwindet das Vertrauen in die öffentlichen Bildungseinrichtungen, insbesondere in staatliche Hochschulen? Nein, sagt Ulrich Heublein vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Ein Vertrauensverlust in staatliche Bildungseinrichtungen sei auf Basis der Erhebungen des Instituts nicht festzustellen. Wohl aber machen die privaten Hochschulen oft sehr attraktive Angebote für berufsbegleitendes Studieren. Das ginge neben dem Beruf bei den Privaten oft besser: „Die privaten Hochschulen unterbreiten ein wichtiges Angebot, mit dem sich viele staatliche Einrichtungen noch schwerer tun, nämlich Fernstudiengänge, die berufsbegleitend studiert werden können“, erklärt Heublein. Das treffe vor allem auf den Bereich der Wirtschaftswissenschaften zu.

Entsprechend sind die privaten Hochschulen in der Regel sehr praxisnah unterwegs: Ihr Studienangebot richtet sich oft an Menschen mit Berufserfahrung. Laut Destatis waren die Studenten an privaten Hochschulen im Mittel etwas älter als ihre Kollegen an staatlichen Einrichtungen: Das Durchschnittsalter an den privaten lag bei 24,6 Jahren, an den staatlichen Hochschulen bei 23,4 Jahren im Schnitt. Der Praxisorientierung trägt auch die Fächerauswahl Rechnung: Es dominiert die Fächergruppe Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Im Wintersemester 2018/2019 waren 217.100 und damit 88 Prozent an den privaten Unis und FHs für ein Fach aus diesem Bereich eingeschrieben.

Zahl der Studienabbrecher geringer

„Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass die privaten Einrichtungen auf die Betreuung ihrer Studierenden sehr viel Wert legen“, konstatiert Ulrich Heublein. Eine Kennzahl dafür, dass ein Studienmodell funktioniert, sind die Abbrecherquoten: „Nach Aussagen des Verbandes der privaten Hochschulen, liegt der Studienabbruch unter zehn Prozent – und die Studierenden können in der vorgesehenen Zeit ihr Studium beenden. Aber all dies sind Aspekte, über die wir – vor allem auch im Vergleich zu den staatlichen Einrichtungen – zu wenig wissen.“

Klar ist hingegen: Anders als öffentliche müssen private Hochschulen für ihre Betreiber Gewinn abwerfen. Daher sind die meisten privaten Hochschulen keine allgemeinbildenden Anstalten mit umfassender Fächerauswahl von Theologie bis Kernphysik, wie es viele Universitäten sind: Nur selten gibt es natur- oder ingenieurwissenschaftliche Studiengänge auf der rein privaten Plattform. Laut Ulrich Heublein hätten die „nicht nur höhere Investitions-, sondern auch sozusagen höhere Betriebskosten“ zur Folge.

Dass die Betreuung per se an der privaten Hochschule intensiver ist, geben die Zahlen allerdings nicht her: Laut Destatis lag die Betreuungsrelation an privaten Hochschulen im Durchschnitt bei 30 Studierenden je Lehrkraft, an öffentlichen Hochschulen bei 16 Studierenden. Beim „Student-Prof-Verhältnis“ also scheinen die Privaten das Nachsehen zu haben.

Auch in Zukunft keine amerikanischen Verhältnisse

Was aber hat es mit der Qualität der Bildung an den privaten Einrichtungen auf sich? Auch private Hochschulen müssen sich in Deutschland regelmäßig einer Qualitätskontrolle stellen. Die überwiegende Anzahl der privaten Hochschulen vergibt staatlich anerkannte Abschlüsse. Dazu müssen sie beim Wissenschaftsrat ein Akkreditierungsverfahren durchlaufen. „Die Akkreditierung als staatlich anerkannte Hochschule wird häufig nur zeitlich begrenzt vergeben oder auch mit Auflagen“, sagte Ulrich Heublein. Es komme auch durchaus vor, dass einer privaten Hochschule die Akkreditierung entzogen wird.

Könnten die wachsenden Einschreibezahlen an Privat-Hochschulen nun der Anfang von amerikanischen Verhältnissen in Deutschland sein? Elite-Unis und Premium-Ausbildung für die, die es sich leisten können, ausgelaugte und unterfinanzierte Restanstalten für die weniger gut situierten Studenten? Dafür, dass diese Vision einmal eintreten könnte, findet Ulrich Heublein vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung keine Anhaltspunkte. Im Unterschied zu den USA seien „nur wenige private Einrichtungen auf einem solchen Niveau, dass sie die besten Studienbewerber anziehen können. Nur für einige wenige wirtschaftswissenschaftliche Einrichtungen wie zum Beispiel die Handelshochschule Leipzig gilt das.“

Als Forschungseinrichtungen würden die privaten Hochschulen kaum eine Rolle spielen: „Die deutsche 'Elite' – sowohl in Bezug auf Talent als auch soziale Klasse – studiert nicht unbedingt an den deutschen privaten Hochschulen. Wenn sie sich nicht für die staatlichen Hochschule entscheidet, geht sie – zumindest im Moment noch – eher ins Ausland als an eine private Einrichtung.“

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