Naturschutz Ökosystem des Wattenmeers durch den Klimawandel bedroht

Blick auf das Wattenmeer in der Nordsee vor Büsum. Foto: Carsten Rehder/dpa/dpa

Das Wattenmeer ist Lebensraum unzähliger Pflanzen und Tiere. Es ist stark vom Klimawandel betroffen. Wissenschaftler diskutierten nun über die Auswirkungen auf das Ökosystem. Und sehen Handlungsbedarf.

Büsum - Der Klimawandel hat das Wattenmeer erreicht. Steigende Meeresspiegel, Erwärmung, Extremwetter - all dies hat Folgen für das größte zusammenhängende Sand-Schlickwattsystem der Welt.

Lebensraum von 10.000 Arten

Über mehr als 11.500 Quadratkilometer erstreckt sich das Wattenmeer von Dänemark bis in die Niederlande. Rund 10.000 Arten leben hier - von einzelligen Organismen über Algen, Muscheln und Würmer bis hin zu Robben und Schweinswalen. Die Unesco erkannte das Küstengebiet wegen seiner herausragenden geologischen und ökologischen Bedeutung als Weltnaturerbe an.

Und nun das: Die Weltnaturschutzunion (IUCN) berichtete vor einem Jahr, das Weltnaturerbe Wattenmeer gehöre zu den betroffenen Regionen, mit einer "sehr hohen Bedrohung" durch den Klimawandel. Die Aussichten für das Überleben des Wattenmeers in der absehbaren Zukunft schätzt die IUCN aber dennoch als "gut" ein - wenn die laufenden Erhaltungs- und Schutzmaßnahmen fortgesetzt werden.

Klimawandel größte Bedrohung

Welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Biodiversität und die geologische Dynamik des Wattenmeeres hat und welche weiteren möglichen Schutzmaßnahmen getroffen werden können, haben jetzt rund 200 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Dänemark, Deutschland und den Niederlanden auf dem 15. International Scientific Wadden Sea Symposium (ISWSS) diskutiert. Die dreitägige Veranstaltung war ursprünglich als Präsenzveranstaltung in Büsum geplant und fand nun als Onlinekonferenz statt. Das Fazit: Eine der größten Bedrohungen für das global einzigartige Ökosystem Wattenmeer ist der Klimawandel und der dadurch bedingte Meeresspiegelanstieg.

Die Vorsitzende des Wadden Sea Boards, Prof. Karin Lochte, sagte nach der Tagung, "besonders herausgestellt hat das Symposium, dass der Austausch von Daten und Informationen zwischen den drei Ländern weiter intensiviert werden muss, um das Management zum Schutz des Wattenmeers auch an neue Herausforderungen anpassen zu können." Es brauche noch mehr Forschung, um zu sehen, wie widerstandsfähig das Wattenmeer gegenüber den Veränderungen durch Klimawandeleffekte ist - Temperaturanstieg, Wetterphänomene und Meeresspiegelanstieg - und wie es dabei unterstützt werden könnte, sich dagegen zu wehren.

Sturmfluten belasten Vögel

Im Fokus der Wissenschaftler sind unter anderem die Auswirkungen des Klimawandels auf die Vögel. Millionen Vögel sind jedes Jahr bei ihren Wanderungen von den Brutgebieten in der Arktis zu ihren Winterquartieren in Afrika zu Gast im Wattenmeer. Laut Nationalparkverwaltung sind die Zugbewegungen wandernder Vogelarten zeitlich mit der Verfügbarkeit von Nahrung getaktet. "Durch den Klimawandel kann diese Synchronisierung durcheinander geraten", heißt es. Bei Vögeln, die im Wattenmeer brüten, zerstören immer häufiger Sturmfluten die Gelege.

Durch die Erwärmung der Meere können im Wattenmeer zudem mittlerweile auch Arten leben, die sich hier vor einigen Jahrzehnten noch nicht wohlfühlten. "Anhaltend hohe Zahlen neuer, bisher nicht heimischer Arten im Wattenmeer und ihre dauerhafte Etablierung zeigen, wie menschliche Faktoren zusammenwirken können", sagte Christian Buschbaum, Meeresökologe am Alfred-Wegener-Institut (AWI) auf Sylt. Mit dem globalen Schiffstransport und durch Aquakulturen würden fremde Organismen eingeschleppt, die durch die Klimaerwärmung geeignete Lebensbedingungen vorfinden. Welche Effekte diese Exoten im Ökosystem zeigen, ist zentrales Thema der Forschung.

Neue Arten

Nicht alle fremden Arten sind nach Angaben der Nationalparkverwaltung schädlich oder verdrängen heimische Tiere und Pflanzen. Neue Arten im Wattenmeer können sich positiv auswirken; so dient beispielsweise die Amerikanische Schwertmuschel als Nahrung für einheimische Vögel. Sie können aber auch negative Folgen haben, etwa wenn Parasiten eingeschleppt werden. Laut Experten des AWI Sylt haben sich mehr als hundert eingeschleppte gebietsfremde Arten im Wattenmeer angesiedelt, ohne einen ursprünglichen Bewohner zu vertreiben. Infolgedessen hätten arten- und biogene Lebensraumvielfalt zugenommen. Dennoch: "es ist eine zunehmend wichtigere internationale Aufgabe Maßnahmen zu entwickeln, um das Wattenmeer vor der Einschleppung weiterer fremder Arten zu schützen", sagte Buschmann.

Fokus auf Salzwiesen

Ein besonderer Lebensraum innerhalb des Ökosystems Wattenmeer, den die Experten im Fokus haben, sind die Salzwiesen. Diese entstehen an flachen, von Gezeiten beeinflussten Küsten, wenn sich dort nach jeder Flut Sedimente ablagern und sich eine Schlickschicht bildet. Ist diese Schicht dick genug, siedeln sich dort erste Pflanzen wie der Queller an. Die Wiesen werden aber weiterhin regelmäßig vom Salzwasser überschwemmt. Salzwiesen sind mehr als nur ein Lebensraum für hoch spezialisierte Tiere und Pflanzen, sie schützen nach Angaben des Landesbetriebs für Küstenschutz die Küste und Deiche bei Sturmfluten, weil sie heranrollende Wellen dämpfen.

Und sie dienen als Kohlendioxid-Speicher. Die Referatsleiterin Meeresschutz & Nationalpark im Kieler Umweltministerium, Vera Knoke, sagte, die Co2-Speicherkapazität der Salzwiesen sei vergleichbar mit der von Mooren. Daher könne der Erhalt von Salzwiesen viel zum Klimaschutz beitragen. Es sei daher wichtig sie zu erhalten.

Doch wenn die Temperaturen im Zuge des globalen Klimawandels steigen, könnte das System aus dem Gleichgewicht geraten. Forscher der Universität Hamburg haben 2018 auf der Hamburger Hallig kuppelförmige "Erwärmungskammern" in unterschiedlichen Lebensräumen der Salzwiesen aufgebaut, wo verschieden starke Temperaturanstiege simuliert wurden. Noch bis 2022 soll dort geforscht werden.

Erkenntnisse der Konferenz sollen auch in die Ministererklärung der nächsten Trilateralen Regierungskonferenz der drei Wattenmeer-Anrainerstaaten einfließen. Die für Naturschutz zuständigen Ministerinnen und Minister kommen alle vier Jahre zu einer Wattenmeerkonferenz zusammen. Dort beschließen sie auch die Arbeitsschwerpunkte für die kommenden vier Jahre. Die nächste Wattenmeerkonferenz ist Ende 2022 in Wilhelmshaven geplant.

© dpa-infocom, dpa:211202-99-224896/3

 

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