Nahost-Konflikt Israel greift Hamas-Tunnelnetz im Gazastreifen an

Israels Armee im Einsatz im Grenzgebiet zum Gazastreifen. Foto: Ilia Yefimovich/dpa/dpa

Mit Panzern und aus der Luft beschießt Israels Armee Ziele in Gaza. Vor allem auf das unterirdische Tunnel-Netz der Hamas hat sie es abgesehen. In mehreren Städten kommt es wieder zu Ausschreitungen.

Mit einem Großangriff hat Israels Armee ein bedeutendes Tunnelsystem der im Gazastreifen herrschenden Hamas attackiert. "Viele Kilometer" des Netzes seien beschädigt worden, teilte das Militär am Freitag über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Militante Palästinenser setzten derweil den Beschuss Israels aus dem Gazastreifen am Mittelmeer fort. Nach Angaben der Armee wurden inzwischen insgesamt 1800 Raketen abgefeuert. Vor allem im Umkreis des Palästinensergebiets am Mittelmeer ertönten am Freitag immer wieder Warnsirenen.

Nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums wurden in Gaza seit Beginn der Eskalation des Konflikts am Montagabend mehr als 120 Menschen getötet. Wie die israelische Armee mitteilte, kamen in Israel durch den Raketenbeschuss der vergangenen Tage acht Menschen ums Leben. Ägyptischen Sicherheitskreisen zufolge lehnte Israel ein Angebot der Regierung in Kairo zur Vermittlung einer Feuerpause ab.

Konflikt hatte sich während Ramadan zugespitzt

Die Vereinten Nationen forderten, die Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen für Treibstoff- und Hilfslieferungen zu öffnen. In dem abgesperrten Gebiet leben etwa zwei Millionen Palästinenser. Die Bundesregierung verurteilte antisemitische Demonstrationen, wie es sie in mehreren deutschen Städten gegeben hatte. Zugleich stellte sie jüdischen Einrichtungen zusätzlichen Schutz in Aussicht.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl zugespitzt. Als Auslöser gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden.

Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Scheich Dscharrah wegen Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif). Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Die islamistische Hamas hat sich zum Verteidiger Jerusalems erklärt.

Israel macht die zweitgrößte Palästinensergruppe für alle Angriffe aus dem Küstengebiet verantwortlich. Die Hamas wird von Israel und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Tunnelsystem als "Stadt unter der Stadt"

Nach Angaben der Armee hat die Hamas das in der Nacht auf Freitag attackierte Tunnelsystem über Jahre aufgebaut. Es liegt zu Teilen unter der Stadt Gaza. Es handele sich um eine Art "Stadt unter der Stadt", sagte ein Armeesprecher. An dem komplexen, rund 40 Minuten dauernden Angriff seien 160 "Luftfahrzeuge" und auch Panzer beteiligt gewesen, die von israelischer Seite Ziele in dem Küstengebiet beschossen hätten. Kein israelischer Soldat betrat demnach den Gazastreifen.

In Medienberichten hatte es zuvor geheißen, die Armee bereite sich auf eine mögliche Bodenoffensive vor. Die Armee schrieb in der Nacht auf ihrem englischen Twitter-Account: "Luft- und Bodentruppen greifen gegenwärtig im Gazastreifen an." Wenig später gab es Berichte ausländischer Medien, wonach Bodentruppen in den Gazastreifen vorgedrungen seien. Armeesprecher Conricus entschuldigte sich am Morgen für die Fehlkommunikation.

In israelischen Medien wurde darüber spekuliert, dass die Verwirrung möglicherweise Absicht war. In der Zeitung "Haaretz" hieß es unter Berufung auf Mutmaßungen in sozialen Medien, die Hamas sollte womöglich durch Medienberichte dazu veranlasst werden, Kämpfer ins Tunnelsystem zu schicken, das dann attackiert wurde. Ein anderer Armeesprecher sagte am Nachmittag jedoch: "Wir benutzen die Presse nicht für unsere Zwecke."

Neue Zusammenstöße im Westjordanland

Im Westjordanland gab es am Freitag an mehreren Orten neue Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Nach der Eskalation kam es in den vergangenen Tagen auch in israelischen Städten, in denen ein hoher Anteil arabischer Israelis lebt, zu Ausschreitungen. In Lod gilt inzwischen eine Ausgangssperre, zusätzliche Sicherheitskräfte wurden im Land verteilt. Ganz beruhigt hat sich die Lage noch nicht: In der Nacht auf Freitag nahm die Polizei erneut Randalierer fest, die Steine und Brandsätze warfen.

Israels Politik ist zutiefst besorgt über die Entwicklung und mögliche langfristige Folgen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sieht gar eine zweite Front, der das Land gegenüberstehe. Verteidigungsminister Benny Gantz warnte jüngst, dieser Konflikt sei "nicht weniger gefährlich als die Raketen der Hamas". Die arabische Minderheit macht in Israel rund 20 Prozent der Bevölkerung aus. Sie spricht häufig von Diskriminierung. Rechte Politiker stellen Araber in Israel oft als Feinde des jüdischen Staates dar.

Am Samstag ist Tag der Nakba (Katastrophe). Die Palästinenser gedenken dann der Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948. Befürchtet werden neue gewaltsame Proteste. In diesem Jahr fällt der Tag zusammen mit dem dritten Tag des Eid-al-Fitr-Festes, des sogenannten Zuckerfestes zum Ende des Ramadans.

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