Nachtleben während Corona Lockdown für Lokale: Wie ernst ist die Lage bei Disco- und Barbetreibern, Kellnern und Künstlern der Club-Szene?

Auf, zu. Wieder auf, wieder zu. Lokale für das Nachtleben hatten es in diesem Jahr nicht leicht. Wir zeigen, wie die Lage der Branche aussieht. Foto: zef art – stock.adobe.com

Feiern verboten! Seit Ende Oktober sind wieder alle Lokale geschlossen: Tanzen im Club und Anstoßen am Bartisch – aktuell unvorstellbar. Kann die Nacht überleben?  

Anfang 2020: Coronaviren waren höchstens eine Idee für Faschingswägen. Clubs waren voll. Doch dann stand das Nachtleben plötzlich still. Nach dem Sommer ist die Party nun erneut vorbei. Wie erleben Menschen aus der Branche das Jahr?

Am 16. März beschließen Bund und Länder wegen täglich steigender Corona-Infektionen den Shutdown. Gasthäuser, Discos und Kneipen schließen.

Markus Reisinger und Christoph Maier – beide kommen aus Viechtach – bilden das DJ-Duo „So.undso“. Vor März traten sie noch in Clubs ganz Bayerns auf – seither unmöglich. „Aber wir sind für die Beschränkungen, vor allem wegen Risikopatienten in der Familie“, betont Markus.

Verständnis für die Maßnahmen hat auch der Betriebsleiter des Landshuter Clubs „Trixi Schneider“, der seinen Namen hier nicht lesen will. Er erlebte jedoch einen herben Einschnitt im März. „Das war ein Schock“, erklärt er. Schließlich hängt sein Einkommen vom Club ab.

Nach dem Bundestag stimmt am 27. März der Bundesrat dem Krisenpaket zu: 50 Milliarden Euro Soforthilfe sollen unter anderem an Selbstständige gehen.

Julian Meindl, Inhaber des Regensburger „Café Malefiz“, erinnert sich, wie er im März auf einem simplen Formblatt unterschrieb. „Kurz darauf flossen die Hilfen“, sagt er. „Nur durfte ich sie nicht behalten.“

Michael Luger weiß: Die Verteilung der Gelder wirkte teils unstrukturiert. Doch der Wirtschaftsförderer Landshuts verteidigt das Vorgehen: „Innerhalb kürzester Zeit musste ein Vergabeverfahren aus dem Boden gestampft werden.“ Zudem sei das Ziel gewesen, Unternehmen vor der Pleite zu schützen. Wer Ersparnisse hatte, war daher nicht antragsberechtigt. So ging es auch Julian Meindl. Doch er kann das nachvollziehen: „Vielen ging es schlechter als mir. Sie brauchten Unterstützung.“

Ab Mai werden wegen gesunkener Infektionen Einschränkungen gelockert: Biergärten und Außenbetriebe öffnen, im September auch Bars und Kneipen. Clubs bleiben zu.

Christoph und Markus konnten trotz Lockerungen fast nicht auflegen. „Die gewonnene Zeit nutzten wir im Studio“, sagt Markus.

Im Sommer ging es auch bei Julian Meindl aufwärts: „Die Stadt Regensburg erlaubte selbst auf Parkplätzen volle Stuhlreihen.“ Ähnliche Beschlüsse gab es in anderen Städten wie Landshut oder Straubing. Dadurch stiegen die Umsätze der Gastronomen, wie Julian Meindl bestätigt: „Diese Einnahmen halten uns jetzt am Leben.“

Der Clubbetreiber des „Trixi Schneider“ schöpfte damals ebenso Hoffnung: „Eine gewisse Zuversicht für den Herbst stellte sich ein“, sagt er. „Aber es kam völlig anders.“

Auf explodierende Fallzahlen folgt im November der Teil-Lockdown. Gaststätten machen wieder dicht.

Der Betriebsleiter des „Trixi Schneider“ fasst die erneute Misere so zusammen: „Es ist einfach scheiße!“.

Julian Meindl beschreibt seine Lage ebenfalls als schwierig: „Wir haben keine Planungssicherheit und fragen uns: Was kommt als Nächstes?“

In vielen Lokalen herrscht auch im Teil-Lockdown weiter Betrieb, denn wie im Frühjahr sind To-Go- und Abhol-Angebote erlaubt.

Das „Café Malefiz“ habe in der Pandemie mehr Spielraum als reine Nachtlokale, erklärt Julian Meindl. „Wir besitzen eine Speisekonzession, im März haben wir also Essen geliefert und jetzt bieten wir Brunchboxen an.“ Nur sei all das unrentabel: „Es ist eine Nullnummer. Doch ich will möglichst wenige Mitarbeiter ausstellen, die von der Arbeit leben.“

Raphael Dreier verdient sein Geld als Kellner. Normalerweise bedient der 22-Jährige im „Café Valentino“ in Straubing, aktuell bekommt er Kurzarbeitergeld. To-Go-Speisen bietet das Café nicht an. „Wir haben komplett zu“, sagt er „Also fehlt natürlich Geld. Aber irgendwie stehe ich es schon durch.“

Anfang November kündigt die Bundesregierung neue Hilfen an. Betriebe sollen bis zu 75 Prozent des Umsatzes von 2019 erhalten.

„Die Politik braucht unglaublich lange, Geld auf den Weg zu bringen“, kommentiert Julian Meindl die Hilfen. Erst Ende November sei klar geworden, wie er sie beantragen kann. Laut Ordnungsamt Landshut sei das nur „durch einen prüfenden Dritten“ möglich, zum Beispiel einen Steuerberater. Julian Meindl findet, die Verantwortlichen hätten sich besser auf die zweite Welle vorbereiten müssen.

Ende 2020: EU und Bundesrepublik sichern sich Hunderte Millionen Corona-Impfdosen. Die Hoffnung auf Besserung für 2021 steigt.

Der Betreiber des „Trixi Schneider“ blickt optimistisch aufs neue Jahr: „Kommt der Impfstoff, bekommen wir hoffentlich unser altes Leben zurück. Dann gehen wir mit Vollgas an den Start.“

Das „Café Malefiz“ hingegen kann ohne Trendwende nicht lange durchhalten: „Zwei oder drei Monate überbrücken wir. Dabei geht das Geld der Vorjahre und des Sommers sowie Privatvermögen drauf“, sagt Julian Meindl. Fragt sich, was passiert, wenn das aufgebraucht ist.

DJ Christoph will nach der Pandemie wieder auflegen. „Viele Gäste auf engem Raum – zunächst undenkbar“, sagt er. Doch er wünscht sich mehr Optionen, zum Beispiel Open Airs mit strengen Hygieneregeln ab dem Frühjahr. Ihm ist die deutsche Clubkultur wichtig: „In unserer Szene tanzt jeder mit Unbekannten, dennoch ganz unbeschwert. Das Gefühl ist unersetzlich.“

Vielleicht kehrt es 2021 zurück. Wird die Branche bis dahin nicht ausreichend unterstützt, könnte das Nachtleben auch nach der Pandemie grau und stumm bleiben.

Umfrage: Was sagen Jugendliche zum Nachtleben 2020? 

Kathrin (23) aus Kröning im Landkreis Landshut:
"Im Juli war ich in einem Biergarten mit Livemusik – das war nötig. Jetzt bleibe ich wieder zu Hause. Als Teil der BJB Kirchberg war es schade, dass wir unser Gründungsfest absagen mussten. Hoffentlich kommt bald wieder die Normalität."

Marina (16) aus Aiterhofen im Landkreis Straubing-Bogen:
"Im Februar war mein 16. Geburtstag. Ich habe mich sehr darauf gefreut, mit Freunden feiern zu gehen. Daraus wurde nichts – auch in Ordnung. Während der Lockerungen war ich nicht unterwegs. Lieber schütze ich mich und meine Familie."

Laura, 18 aus Eschlkam im Landkreis Cham:
"Ich denke, man könnte nach dem Lockdown sicher mit Hygieneregeln feiern. Aber bestimmt werden wir nicht eingequetscht zwischen verschwitzten, wildfremden Leuten tanzen dürfen. Früher fand ich das teils unangenehm, jetzt vermisse ich es."

 

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