Nach Meningokokken-Fällen in Bayern "Impfpflicht unnötig"? Zwei Experten im Interview

Dr. Markus Frühwein (links) und Dr. Steffen Rabe sind beide in München als Ärzte tätig. Frühwein ist als Immunologe klarer Befürworter von Impfungen, Rabe ist Kinderarzt und bewertet sie etwas kritischer. idowa hat beide um Einschätzungen zu den wichtigsten Impf-Fragen gebeten. Foto: Privat/idowa

Sechs Meningokokken-Erkrankungen gab es zuletzt in Oberbayern. Schlagartig wurde der Öffentlichkeit das große Thema "Impfen" wieder in Erinnerung gerufen. Hätten sich diese Fälle durch eine höhere Impfrate verhindern lassen? Welche Impfungen sind eigentlich wirklich wichtig, welche kann man sich vielleicht sparen? Und wie sieht es mit der "Masern-Impfpflicht" von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) aus? idowa hat mit zwei Medizinern getrennt voneinander über diese Fragen gesprochen: Dr. med. Steffen Rabe und Dr. Markus Frühwein.

Der aktuelle Gesundheitsreport des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) zeigt neben vielen positiven Nachrichten teils bedenkliche "Durchimpfungsraten" im Freistaat auf – unter anderem ausgelöst durch "impfkritisch" eingestellte Menschen. 

Lesen Sie hier: Die idowa-Auswertung der LGL-Statistik

Dr. med. Steffen Rabe ist Kinderarzt in München und aktiv im Verein "Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V.", der für einen kritischen, differenzierten Blick auf das Impfen steht. Dr. Markus Frühwein betreibt in München zusammen mit seinen Kollegen eine Facharztpraxis für Tropen- und Reisemedizin, die auch auf Impfungen spezialisiert ist. idowa hat beide Mediziner in separaten Interviews um Antworten zu den selben Fragen gebeten – unter anderem, wie sie mit Impf-Mythen aus dem Internet umgehen.

Hätten sich die Meningokokken-Fälle durch eine höhere Impf-Rate im betreffenden Gebiet denn verhindern lassen?

Dr. med. Steffen Rabe: Definitiv nicht. Empfohlen von der STIKO ist die Impfung gegen Meningokokken-C im Alter von einem Jahr - sie wirkt aber eben nur relativ kurz, etwa zwei, maximal fünf Jahre. Weder die Jugendlichen, noch die älteren in Ebersberg Erkrankten wären, auch wenn sie als Kleinkind geimpft worden wären, also noch geschützt gewesen.

Das ist das Dilemma dieser speziellen Impfung: Sie schützt relativ gut, aber nur sehr kurz. Das Erkrankungsrisiko besteht aber lebenslang, Auffrischungen werden nicht empfohlen. Und eine Herdenimmunität bei der Men-C-Impfung wird für Deutschland auch von der STIKO nicht angenommen, das heißt, dass der Impfschutz der Säuglinge eben nicht auch Ältere schützt.

Dr. Markus Frühwein: Das ist schwierig zu sagen. Wir haben eine Impfung, die gegen Meningokokken-C sehr gut wirkt, deswegen werden auch eigentlich alle Säuglinge dagegen geimpft. Für Erwachsene allerdings gibt es keine offizielle Empfehlung zum Impfen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir hier über eine relativ seltene Erkrankung reden, mit nur ungefähr 300 Fällen pro Jahr. Hauptsächlich sind Kleinkinder betroffen, aber es gibt im Alter von etwa 15 bis 20 Jahren nochmal einen Erkrankungs-Schub.

Die Impfung verhindert eine Meningokokken-Erkrankung sehr wahrscheinlich gut, allerdings ist bei einer so seltenen Krankheit schwer zu sagen, welchen Effekt eine hohe Durchimpfungsrate hätte. Seit Säuglinge hierzulande gegen Men-C geimpft werden, ist die Häufigkeit insgesamt drastisch zurückgegangen – es scheint also, als ob die Impfung sehr gut wirkt. Ob das eine Option für die ganze Bevölkerung ist, ist natürlich fraglich, weil das natürlich auch mit Kosten verbunden ist.

Außerdem ist das zwar eine sehr gut verträgliche Impfung, aber sie kann natürlich auch Nebenwirkungen haben.

Meningokokken sind ja eine sehr seltene Erkrankung – dann sind ja sechs Fälle auf einmal schon eher ungewöhnlich, oder?

Dr. Frühwein: Ja, aber solche Häufungen gibt es eben immer mal wieder. Das ist eine ansteckende Krankheit, und wenn dann einer erkrankt, gibt es natürlich immer das Risiko, dass auch direkt mehrere krank werden. Gerade in Ebersberg ließ sich ja auch ein recht eindeutiger Zusammenhang zwischen den Fällen herstellen.

Dr. Rabe: Men-C ist sehr selten, das stimmt. Dass es jetzt hier zu einer Häufung kam, heißt aber noch lange nicht, dass die Erkrankungen insgesamt häufiger würden. Im Gegenteil: Sie werden seit vielen Jahren seltener, schon ganz lange vor und völlig unabhängig von der Einführung der Meningokokken C-Impfung; Meningokokken C sind ja in Deutschland ohnehin nur ein sehr, sehr kleiner Anteil der ohnehin seltenen Meningokokken-Erkrankungen insgesamt – ungefähr ein Sechstel, mittlerweile noch weniger.

Welche Impfungen sollte man denn ihrer Ansicht nach auf jeden Fall haben?

Dr. Frühwein: Die STIKO bringt ja immer den Impfkalender heraus, der ist eigentlich die Basis dessen, was alle Menschen haben sollten. Diese Empfehlung ist nicht alles, was man machen kann, aber eine gute Grundlage: Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Polio, Meningokokken-C und ganz besonders Mumps, Masern und Röteln sind aus meiner Sicht extrem wichtig. Auch Meningokokken-B werden neuerdings viel geimpft, das halte ich auch für sinnvoll, da die mittlerweile häufiger sind als Men-C. Man kann also noch deutlich mehr machen, als die STIKO vorschlägt.

Dr. Rabe: Es gibt keine Impfungen, die für jeden Menschen in jeder Lebenssituation gleich sinnvoll und gleich notwendig wären. Es gibt sicherlich Impfungen, die bei den meisten Menschen hochsinnvoll sind, wie zum Beispiel die Masern-Impfung – und es gibt auf der anderen Seite auch Impfungen, die für die wenigsten Menschen irgendwann mal sinnvoll sein könnten, zum Beispiel die Grippe-Impfung. Das ist und bleibt tatsächlich eine individuelle Entscheidung, und dafür stehen wir auch als Verein.

"Die Impf-Pflicht halte ich für Blödsinn"

Wie stehen Sie denn zur neuen Impf-Pflicht für Masern, die Gesundheitsminister Jens Spahn eingeführt hat?

Dr. Rabe: Ganz kurz und knapp: Die ist sicher unnötig, denn wir haben in Deutschland auf freiwilliger Basis schon Durchimpfungsraten, von denen die meisten Länder mit einer Masern-Impfpflicht nur träumen. Sie ist wirkungslos, denn unsere Masern-Fallzahlen liegen unter denen der meisten Länder mit einer Impfpflicht. Sie ist sicher verfassungswidrig, weil sie ohne jede Not zentrale Werte unserer Verfassung einschränkt und in Frage stellt und ihre Einführung wird definitiv mit falschen Behauptungen begründet: Es ist schlicht Unsinn, wenn Jens Spahn öffentlich behauptet, in Deutschland erkrankten immer mehr Kinder an Masern – die Zahlen seines eigenen Robert Koch-Instituts widerlegen das klar.

Dr. Frühwein: Das ist natürlich eine Frage der persönlichen Meinung. Ich selber halte das für Blödsinn, vor allem, weil ich kein Freund von Zwang bin. Ich fürchte eben, dass die Leute, die sowieso nicht impfen wollen, dann mit gefälschten Einträgen im Impfpass auftauchen, und dass es Leute vom Impfen abhält, die es freiwillig vielleicht sogar machen würden. Es ist halt schon auch seltsam, sich da auf ein „Reichsimpfgesetz“ von 1874 zu berufen. Das ist einfach emotional schwierig, denke ich.

Ginge es also auch ohne Zwang?

Dr. Frühwein: Ich denke schon, ja. In den letzten Jahren sind die Durchimpfungsraten sehr stark angestiegen, seit 2006 von 76 auf ungefähr 96 Prozent bei der ersten Masernimpfung. Wir sind da also auf einem sehr guten Weg, und wir haben ja auch schlagende Argumente: Egal, welche Zahlen man nimmt, es funktioniert hervorragend. Und ich habe das Gefühl, auch in der Bevölkerung findet da grade wieder ein Umdenken statt: Wenn eine Mutter vor fünf Jahren ein geimpftes Kind in die Kita geschickt hat, wurde sie vielleicht blöd angeredet – heute ist es eher wieder so, dass die meisten Eltern keine ungeimpften Kinder in der Kita haben wollen.

Dr. Rabe: Die Impfquoten sind in den letzten Jahren konstant gestiegen, ganz ohne jede Impfpflicht! Oder sie sind zumindest auf hohem Niveau stabil. Es gibt keine "Impfmüdigkeit", das sagen auch alle relevanten Fachleute, das sagt die STIKO selber, das sagen die Vorsitzenden des Robert-Koch-Instituts. Und die präsentieren auch immer wieder Alternativvorschläge, die viel zuverlässiger die ohnehin hohen Impfquoten steigern würden, aber angenehmerweise nicht gegen das Grundgesetz verstoßen.

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