Nach Meningokokken-Fällen in Bayern "Es gibt keine Impfmüdigkeit"

Woran könnte es denn liegen, dass die Menschen auch ohne Pflicht dem Impfen gegenüber wieder aufgeschlossener sind?

Dr. Frühwein: In der Praxis nehme ich es so wahr, dass die ganze Diskussion wieder mehr in eine sachliche Richtung zurück geht. Vielleicht haben die Leute einfach die Schnauze voll davon, sich auch noch im medizinischen Bereich mit Verschwörungstheorien und Halbwahrheiten auseinanderzusetzen, wenn sie schon dauernd zu anderen Themen in den Medien damit bombardiert werden. Es gibt ja auch wirklich verrückte Sachen im Internet von den radikalen Impfgegnern: Da geht es dann zum Beispiel darum, dass durch Impfungen die Bevölkerungszahl dezimiert werden soll, weil die wenigen Regierenden 500 Millionen Menschen natürlich leichter kontrollieren können. Da sind schon krude Theorien unterwegs.

"Mediale Kampagne um die Impfpflicht"

Dr. Rabe: Das liegt daran, dass einige der Impfungen für sich genommen natürlich auch überzeugend sind, wie eben die Masern-Impfung. Es liegt aber natürlich auch an der medialen Kampagne um die Impfpflicht: Wenn Politiker und auch viele Medien unablässig auf steigenden Masernzahlen und der ach so hohen Gefährlichkeit herumreiten, können Sie gar nicht so schnell die alternativen Fakten widerlegen, wie sie begierig aufgegriffen und weitergegeben werden. Wir Ärzte tun das ja unablässig, wir korrigieren diese ganzen Fehlinformationen, mit denen die Menschen im Moment überhäuft werden. Aber das ist zunehmend schwierig, weil eben auch eine Tageszeitung von der anderen diese alternativen, postfaktischen Behauptungen abschreibt.

Ein Beispiel: Gestern war im Bayerischen Landtag die Experten-Anhörung zum Thema Impfpflicht, wenn Sie sich dazu den Pressespiegel durchlesen, wird Ihnen schwindelig. Da geht im Moment alles so wüst durcheinander, das kann man sich nicht vorstellen

"Impf-Skeptiker sind meist Leute, die Fragen haben"

Werden Sie denn in Ihrer Praxis jetzt auch weniger mit Impfgegnern und Impfskeptikern konfrontiert?

Dr. Frühwein: Also Impf-Skeptiker haben wir sehr viele, das sind meistens einfach Menschen, die Fragen haben. Mit denen kann man sehr gut reden und diskutieren, das geht dann auch meistens positiv aus. Wirkliche Impf-Gegner haben wir eher selten, das sind meistens aber auch Leute, die nach „Reibung“ suchen, sage ich mal. Das sind meistens keine sinnvollen Diskussionen.

Dr. Rabe: Meine Praxis ist hier sicherlich nicht repräsentativ. Ich habe sicher viele Eltern bei mir, die eine differenzierte und individuelle Impf-Entscheidung wollen. Die kommen zu mir, weil sie wissen, dass ich sie in dieser Entscheidung begleite, aber eben nicht manipuliere oder dränge – weder zum Impfen noch davon weg. Ich weise natürlich auf die Empfehlungen der STIKO hin, wenn Eltern aber ausdrücklich sagen, sie möchten das ganz anders machen, dann ist das für mich völlig in Ordnung.

Natürlich sind unter meinen Patienten auch Menschen, die radikal gegen Impfungen sind und Leute, die ihre Kinder gar nicht impfen lassen. Und wenn das eine Entscheidung ist, die auf einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema beruht, dann lässt das Grundgesetz den Eltern die Freiheit, das so zu handhaben. Und wer wäre ich, dass ich ihnen diese Recht abspreche?

Kommen auch manchmal Menschen zu Ihnen, die sich "gefährliches Halbwissen" über Impfungen und deren Risiken im Internet zusammengesucht haben?

Dr. Frühwein: Ja, das kommt schon vor. Die wollen zum Beispiel von mir bestätigt haben, dass bestimmte Sachen nicht funktionieren, weil sie das irgendwo gelesen haben. Oder bei der Reise-Medizin, die wir hier auch viel machen. Da wird es nochmal ganz speziell: Da kommen dann Impfgegner-Eltern vor dem Tropen-Urlaub zu mir, deren Kinder nicht mal gegen Masern geimpft sind. Und dann wollen sie gegen super seltene, exotische Tropenkrankheiten impfen lassen. Das ist also manchmal schon echt wirr.

"Beide Seiten arbeiten mit Fehlinformation"

Dr. Rabe: Letztendlich wird auf beiden Seiten mit Fehlinformationen gearbeitet: Einerseits von der offiziellen Seite des Gesundheitsministeriums mit dieser ganze Kampagne zum Masernschutzgesetz, die auf falschen Daten beruht. Oder dieses berühmte "Bullshit-Bingo", das auf Facebook verbreitet wurde und wo begründete Bedenken der Eltern auf primitivste Weise lächerlich gemacht wurden. Andererseits aber auch auf Impfgegner-Seiten im Internet, wo die Eltern haufenweise schlicht falsche Behauptungen finden. 

Meine Aufgabe ist es dann, das richtigzustellen und zu sagen, wie der Stand der Wissenschaft zu Komplikationen und Krankheiten wirklich ist. Und viele Eltern ändern dann mit dem neu gewonnenen Wissen auch ihre Impf-Entscheidung – mal in die eine, mal in die andere Richtung.

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