Nach Karussell-Sturz in Steinberg Jetzt spricht der Vater des Unfallopfers vom Seefest

In einem Fahrgeschäft ähnlich diesem ereignete sich Ende Juli auf dem Seefest in Steinberg (Kreis Dingolfing-Landau) ein schwerer Unfall. Ein 20-jähriger Mann stürzte dabei bei voller Fahrt aus einer der Kabinen. (Symbolbild) Foto: imago

Ganz Bayern schaut heute nach Straubing, wo das Gäubodenvolksfest 2019 beginnt. Ein deutlich kleineres Volksfest etwa 40 Kilometer weiter südlich wurde vor knapp zwei Wochen von zwei schrecklichen Unfällen innerhalb von 24 Stunden überschattet: das Seefest in Steinberg bei Marklkofen. Vor allem einer dieser Unfälle wirft Fragen auf.

Ende Juli fand im idyllischen Steinberg die 45. Auflage des dortigen Seefestes statt. Eigentlich jedes Jahr eine ruhige Veranstaltung in nahezu familiärer Atmosphäre. Doch in diesem Jahr kam alles anders. In der Nacht auf Sonntag, 28. Juli, wurde ein 41-jähriger Besucher des Festes kurz nach Mitternacht von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Der Fußgänger hatte sich auf dem Heimweg befunden und wollte die Milchstraße überqueren, als ein schwarzes Auto mit viel zu hoher Geschwindigkeit angeschossen kam und den Mann erwischte. Der Unfallverursacher blieb aber nicht etwa stehen, um sich um den Verletzten zu kümmern. Stattdessen drückte er das Gaspedal weiter durch und machte sich in Richtung Poxau aus dem Staub, wo er um Haaresbreite einen Radfahrer überfahren hätte. Erst am Tag darauf stellte sich der Raser bei der Polizei. Bei ihm handelt es sich um einen 28-jährigen Slowaken. Gegen ihn wird nun wegen versuchten Mordes durch unterlassene Hilfeleistung ermittelt.

Lesen Sie hierzu auch: Unfallfahrer stellt sich bei der Polizei

Doch keine 24 Stunden vor diesen Geschehnissen hatte sich bereits ein anderer schwerwiegender Unfall ereignet. Allerdings direkt auf dem Festplatz. Dabei war ein 20-jähriger Mann aus einem Fahrgeschäft gefallen und hatte sich schwer verletzt. In den jeweiligen Polizeiberichten war seither von diesem Unfall nichts zu lesen. Erst eine Anfrage bei der Dingolfinger Polizei bringt Licht ins Dunkel. „Ich kann bestätigen, dass es diesen Unfall gegeben hat. Die Ermittlungen hierzu laufen noch“, berichtet Polizeisprecher Johann Aigner auf idowa-Nachfrage. Der junge Mann befindet sich seit dem Unfall im Krankenhaus. Er erlitt dabei multiple Frakturen im Schulterbereich, eine Verletzung am Kopf und quetschte sich mehrere Wirbel am Rücken. Doch wie konnte es dazu kommen?

Bügel öffnete sich bei voller Fahrt

In dieser Frage gehen die Meinungen offenbar auseinander. Zunächst hatte es Gerüchte gegeben, der 20-Jährige sei in dem Fahrgeschäft bei voller Fahrt aufgestanden und hatte dabei den Halt verloren. Ein Video, das die Freundin des jungen Mannes gedreht hatte, beweist nun aber augenscheinlich das Gegenteil. Aigner: „Nach aktuellem Kenntnisstand sieht es nicht danach aus, dass der junge Mann irgendwelche Dummheiten gemacht hat und aufgestanden ist. Deshalb wird nun geprüft, ob irgendwelche Mängel an dem Fahrgeschäft zu diesem Unfall geführt haben.“

Der Vater des verletzten 20-Jährigen ist sich jedenfalls sicher, dass seinen Sohn keinerlei Schuld trifft: „Ich habe das Video gesehen. Er ist nicht aufgestanden. Er hatte lediglich die Hände oben. Er saß auf der Innenseite und wurde in einer Kurve nach außen gegen seinen Mitfahrer gedrückt. Dabei ging der Bügel auf und er fiel raus.“ Laut den Beschreibungen des Vaters sei der 20-Jährige erst mit dem Kopf gegen eine Querstange am Geländer geschlagen und dann etwa zwei Meter außerhalb des Karussells mit dem Rücken auf den harten Boden geknallt. Glück im Unglück. „Es sah wirklich schlimm aus. Aber es hätte noch schlimmer ausgehen können“, weiß der Vater. Von dem Moment des Unfalls wusste sein Sohn zunächst nichts mehr. „Die Schausteller des  Fahrgeschäftes hatten ihm unmittelbar nach dem Unfall eingeredet, dass er selbst schuld sei, weil er aufgestanden sei“, berichtet der Vater des Unfallopfers.

Anzeige gegen den Schausteller erstattet

Als er den betreffenden Schausteller am Folgetag mit dem Beweisvideo konfrontierte, das eindeutig belegen würde, dass sein Sohn eben nicht aufgestanden sei, erntete der Mann dafür Zweifel. „Er sagte mir, dass er auch ein Video habe, aus dem hervorginge, dass mein Sohn selbst schuld ist. Das ist mir aber egal, denn ich weiß, was ich gesehen habe“, untermauert der Vater seine Sicht der Dinge. Er ist überzeugt: „So etwas darf einfach nicht passieren. Natürlich kann man das verhindern, indem man sich von Anfang bis Ende an dem Bügel festhält, aber das kann ja nicht Sinn und Zweck der Sache sein. Außerdem fahren überwiegend Kinder mit diesem Karussell. Für die wäre das unter Umständen noch gefährlicher.“

Das 20-jährige Unfallopfer hat mittlerweile Anzeige gegen den Schausteller erstattet. Doch wie der Vater berichtet, hatte nicht nur sein Sohn diesen Gedanken: „Als die Polizei vor Ort eintraf, sagte der Schausteller zu den Beamten, dass er meinen Sohn wegen Sachbeschädigung anzeigt, weil er beim Rausfallen wohl eine Stange verbogen hat. Ich dachte, ich höre nicht richtig, als mir mein Sohn davon erzählte.“ Immerhin: eine idowa-Nachfrage bei der Dingolfinger Polizei ergab nun, dass der Schausteller seine Drohung nicht wahr gemacht hat. „Uns liegt keine Anzeige seitens des Schaustellers vor“, so Aigner.

Betrieb lief nach dem Unfall fast zwei Tage weiter

Was ebenfalls für Verwunderung sorgte: der Betrieb des Fahrgeschäftes wurde sowohl am Tag nach dem Unfall als auch noch am Sonntag ganz normal weitergeführt. Laut Polizei entschied sich der Betreiber erst am Sonntagabend, den Betrieb einzustellen. Am Montag machten sich Mitarbeiter des Landratsamtes vor Ort ein Bild und ordneten auch offiziell eine sofortige Einstellung des Betriebes an. Nun muss ein angeordnetes Gutachten zeigen, ob tatsächlich technische Mängel an dem Fahrgeschäft vorlagen.

In Reihen der Veranstalter des Seefestes sitzt der Schock auch zwei Wochen nach diesem Unfall noch tief. „Für uns als Veranstalter ist das natürlich sehr belastend. Ich kenne die Familie des Opfers persönlich. Ich wünsche ihm auf diesem Wege gute Besserung“, sagt Erwin Schleifer, 1. Vorstand des Fördervereins „Erholung Mittleres Vilstal“. Laut Schleifer sei das betreffende Fahrgeschäft ohnehin nur eine kurzfristige Notlösung gewesen, weil unmittelbar vor dem Seefest der Autoscooter abgesagt hatte. Bei dem Fahrgeschäft, in dem sich der Unfall ereignete, geht es nicht hoch hinaus. Die jeweiligen Fahrkabinen bewegen sich lediglich in etwa zwei bis drei Metern Höhe und umkreisen dort auf einem Plateau eine Art Kegel. Klingt harmlos, war es aber in diesem Fall offenbar nicht.

Jegliche Fahrgeschäfte sind für das 20-jährige Unfallopfer in Zukunft ohnehin tabu – und zwar aus freien Stücken. „Mein Sohn hat schon gesagt, dass er in kein Fahrgeschäft mehr steigt. Der Losstand tut‘s künftig auch für ihn“, kann der Vater des jungen Mannes mittlerweile schon wieder scherzen. Sein Sohn wird nach Angaben der behandelnden Ärzte wohl noch mindestens ein halbes Jahr an den Verletzungen dieses Sturzes laborieren.

Der Schausteller des betreffenden Fahrgeschäftes war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Weitere Artikel

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading