Musiktipp Fernostmusik: Valentin Viehbacher über Songs aus Japan und China

Die Musik von Ichiko Aoba ist ausgeglichen. Foto: @ichikoaoba/Instagram

Songs aus Japan und China passen nicht nur auf die Sport-Playlist, sondern eignen sich auch zum Entspannen. Das findet Valentin Viehbacher (23) aus Geiselhöring. Er stellt Musiker aus den fernen Ländern vor.

Die eigene Kultur zu kennen und sie zu schätzen, ist wichtig. Doch als weltoffener Mensch sollte man sich auch mit den Besonderheiten anderer Kulturen auseinandersetzen – sei es in kulinarischer, gesellschaftlicher oder künstlerischer Hinsicht. Das Internet erlaubt uns, in Sekundenschnelle alles über ein anderes Land herauszufinden. Auch Filme, Serien und Musik aus aller Welt, wie wir sie auf Netflix und Spotify finden, sind Türen zu anderen Kulturen. Besonders interessant ist für mich hier die Musik aus dem fernen Osten, also vor allem aus Japan und China.

Nostalgischer Charme

Da wäre zum Beispiel die Sängerin Lili Chao. Sie schafft mit ihrer Musik einen unverwechselbaren Mix aus traditionellen chinesischen Volksliedern und Pop. Ihr Album „Chinese Folk Songs“ erschien bereits in den 1960ern, weshalb die Lieder einen nostalgischen Charme haben. Das trifft auch auf den Song „A Carrying Pole“ zu, der besonders außergewöhnlich ist. Wiederkehrende, leicht schrille Töne eines Synthesizers ergänzen sich mit Bass-Geräuschen. Dazu mischt sich die Melodie ihres Gesangs, die sehr ungewöhnlich, zu Beginn sehr amüsierend und insgesamt schwer zu beschreiben ist. Deshalb hört man sich das Lied am besten selbst an und macht sich ein Bild davon.

Der Song „The Sun“ von Kim Jung Mi ist im Gegensatz zu Lili Chaos Lied deutlich ruhiger und entspannender. Die zurückgehaltene Gitarrenmelodie passt wunderbar zu Kims zarter Stimme. Dieser unaufdringliche Song entpuppt sich ganz nebenbei als echter Ohrwurm, den man tagelang im Kopf hat. Gleiches gilt auch für den Song „I Don’t Like” von Lee Jung Hwa. Er ist anregender, mit Schlagzeug und Background-Sängern ergänzt. Erstaunlich ist, dass er bestimmte Gefühle beim Hörer auslöst, obwohl man kein einziges Wort versteht: Die Melodie ist sehr beschwingt, was Fröhlichkeit und Unbeschwertheit vermittelt. Doch an manchen Stellen scheint er auch reflektiert und fast traurig zu sein. Das entspricht vielleicht eher der tatsächlichen Botschaft des Songs, die sein Titel bereits andeutet.

Aggressive Energie

Auf die Bedeutung des Titelnamens kann bei dem Song „Yumewomiyou“ von Haru Nemuri nicht mehr geschlossen werden. Eins wird bei diesem Song besonders deutlich: die aggressive Energie ab der Hälfte des Songs. Die klaren, abgehackten Töne des Klaviers und das immer präsenter werdende Schlagzeug unterstreichen diese Wirkung. Sofort bekommt man das Gefühl des Aufbruchs. So, als würde man das Steuer für sein eigenes Leben übernehmen und sich losreißen von allem, was einen beschwert. „Yumewomiyou“ ist das perfekte Lied zum Auspowern und darf deshalb auf keiner Sport-Playlist fehlen.

Eine Engelsstimme

Ganz unaufgeregt ist die Musik der japanischen Sängerin Ichiko Aoba. Die begabte Gitarristin erschafft mit ihrem Instrument verschiedenste Kulissen, welche sie mit ihrer einzigartigen klaren Stimme verfeinert. Ihre zarte Stimme wird in Internetforen sogar als Engelsstimme bezeichnet. Viele ihrer Songs sind sehr entspannend und ausgeglichen. Bei ihrer Musik hat man das Gefühl, durchatmen zu können. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Song, der übersetzt „Eisvogel“ heißt. Die fein gezupfte Gitarre und die leichte Klaviermelodie harmonieren unfassbar gut mit Ichikos Stimme. Erstaunlich ist, dass der Song ganz ohne Worte auskommt. Er besteht nur aus Tönen. Aber Ichiko hat noch mehr zu bieten als Entspannungsmusik.

Erheiternd und melancholisch

In einem zwölf Minuten langem Song, der auf Deutsch „Mechanisches Universum“ heißt, kann man die verschiedenen Facetten von Ichiko gut erkennen. Dieser Song vereint vieles, was sie ausmacht: anregende, fast spanisch anmutende Gitarrenmelodien, sehr fließende, langsame Melodien, Erheiterndes und Melancholisches. Übersetzt man den Songtext, findet man eine nachdenkliche Botschaft. Ichiko singt von einer dunklen Stadt, in der nie die Sonne aufgeht. Dort gibt es aber eine Person, die das dunkle Herz erhellen kann. Doch letztlich scheitert die Liebesbeziehung, welche nur in einem unechten, mechanischen Universum funktioniert hätte.

Diese Gefühle verarbeitet Ichiko in unterschiedlichen Melodien, die sie in diesem Song alle miteinander verbindet. Immer, wenn eine Melodie sich radikal ändert, ist es, als würde man das nächste Kapitel eines guten Buches erreichen. Deshalb lässt man das zwölfminütige Lied am besten bei einer Tasse Tee auf sich wirken. Wem das nicht genügt, der findet bei YouTube mehr: Ichikos Live-Auftritte sind nämlich immer etwas Besonderes. Bei einem Open-Air-Konzert sitzt sie zum Beispiel wie eine Elfe auf einem Felsen, mitten in einer nebelig-grünen Landschaft. Die Geräusche der Natur, die zirpenden Grillen und Zikaden und die singenden Vögel machen das Konzert einzigartig. Es fühlt sich so an, als würde Ichiko eins werden mit ihrer Umgebung. Alles ist stimmig und echt. Die wenigen Zuschauer sitzen im Gras und bewundern, was sich gerade vor ihnen abspielt. Gerne würde man selbst mit dabeisitzen und ihrer klaren Stimme lauschen. Und dann wird einem klar, warum Ichikos Stimme auch als Engelsstimme bezeichnet wird.

Alle Musiktipps aus der Musikkolumne "Taktgefühl" von Freischreiben-Autor Valentin Viehbacher findest du hier.

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