Idowa-Adventskalender (5) Ein Straubinger taucht zur "Titanic"

Im Scheinwerferlicht taucht der Bug der "Titanic" in tiefer Finsternis auf: Das Wrack des legendären Luxusdampfers ruht in fast vier Kilometern Tiefe auf dem Grund des Nordatlantiks. Foto: Arthur Loibl

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Hinter dem fünften Türchen verbirgt sich eine unserer Multimedia-Storys, die Arthur Loibls spektakuläre Reise zum Wrack der "Titanic" zeigt. Die interaktive Version des Artikels weiter unten nimmt Sie mit auf den Grund des Ozeans. Im Video gibt Autor Hubert Obermaier Einblicke in die Recherchearbeit.

Das dramatische Ende der "Titanic" im April 1912 bewegt die Menschen bis heute. Mit eigenen Augen gesehen haben das Wrack in 3.800 Meter Tiefe nur wenige - einer davon ist der Unternehmer Arthur Loibl.

Mit einem speziellen Tauchfahrzeug ist der 58-Jährige dorthin gereist, wo die Jungfernfahrt der "Titanic" endete. Er ist sichtlich beeindruckt: "Es war einfach außergewöhnlich, das alles zu sehen. Der erstaunlichste Moment war, als wir an der ,Titanic' entlanggefahren sind und die Lichter des Tauchbootes vom Wrack reflektiert wurden. Es war, als ob mir das Schiff zuwinkt."

Einst war die "Titanic" das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Als sie 1912 ihre Jungfernfahrt von Southampton nach New York antrat, galt sie als unsinkbar. Doch es kam anders: Am 14. April 1912 kollidierte der Ozeandampfer mit einem Eisberg und ging unter. Über 1.500 Menschen starben in den eiskalten Fluten.

Expedition kostet sechsstelligen Betrag

Die Überfahrt galt damals als ultimativer Luxus. Auch gut 100 Jahre später sind kommerzielle Fahrten zum Wrack des wohl berühmtesten Passagierschiffes der Geschichte der reine Luxus. Das amerikanische Unternehmen "OceanGate" aus Washington bietet seit 2019 für Nicht-Forscher Tauchgänge für einen sechsstelligen Betrag an und verbindet so Unterwassertourismus mit wichtiger wissenschaftlicher Forschung. Allerdings verzögerten zunächst technische Schwierigkeiten die Expedition, danach stoppten rechtliche Probleme und Corona die Pläne. "Die ersten drei erfolgreichen ,Titanic'-Missionen waren daher in diesem Juli und August", klärt Loibl auf.

Der Unternehmer aus Straubing ist einer der ausgewählten "Missionsspezialisten", wie "OceanGate" die kommerziellen Teilnehmer nennt, die von Ende Juni bis Mitte August in Neunergruppen auf elftägige Reisen gingen. Er sei einer von nicht einmal einer Handvoll Deutscher, der zur Grabesstätte der "Titanic" abgetaucht ist, sagt Loibl.

Bewerbung um Ticket und Eignungsprüfung

Wie alle "Missionsspezialisten" musste der "Titanic"-Enthusiast jedoch einen ziemlich strengen Eignungsprozess durchlaufen. Wer an den "Titanic Survey Expeditions" teilnehmen möchte, muss sich bewerben und gewisse Voraussetzungen mitbringen: Seefest sollte man sein und mental stark, schließlich haben es die See und das Wetter im Nordatlantik in sich. Zudem sollen sich die Bewerber in dynamischen Umgebungen wohlfühlen, wo sich (Zeit-) Pläne jederzeit ändern können. Von Expeditionen an den Nord- und Südpol über Abenteuerreisen mit einem umgerüsteten Geländemobil durch bisher 98 Länder der Welt bis hin zu einem Flug mit dem russischen Kampfjet MiG - Expeditionskandidat Loibl kann ein erfahrenes Repertoire vorweisen.

Die andere Eigenschaft, die ihn zu einem so idealen "Missionsspezialisten" macht, ist seine lebenslange Leidenschaft für alles rund um die "Titanic". Für ihn begann alles mit dem Schwarz-Weiß-Film von 1953, den er als Kind zum ersten Mal sah. Seine Faszination für den Glanz des Schiffes und das Geheimnis seines tragischen Untergangs hat ihn seitdem nie verlassen. "Mich reizte, tatsächlich einmal auf den Grund des Meeres zu tauchen, um das berühmteste Schiffswrack der Welt aus nächster Nähe zu betrachten."

Kindheitstraum wird Wirklichkeit

Genau dieser Kindheitstraum und diese Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen und Rätselhaften sollte dieses Jahr Realität werden. Möglich gemacht hat das das Unternehmen "OceanGate". Schon 2017, als mit dem Bau des speziellen Tauchboots begonnen wird, registriert sich Loibl für eine "Titanic"-Mission. Nach vier scheinbar endlosen Jahren ist es endlich so weit. "Meine Skepsis, ob dieses Projekt überhaupt noch verwirklicht wird, ist nicht von der Hand zu weisen." Umso glücklicher sei er gewesen, als er Anfang dieses Jahres per E-Mail die Nachricht erhielt: "Jetzt geht es los."

Loibl fliegt nach St. John's, Neufundland. Von dort geht es mit einem Schiff knapp zwei Tage lang zu der Stelle, wo etwa 700 Kilometer von der Küste entfernt das Wrack der "Titanic" fast vier Kilometer unter dem Meeresspiegel liegt. Während der Überfahrt werden die "Missionsspezialisten" in verschiedene lebensrettende Maßnahmen eingewiesen wie in die Sicherheit im U-Boot oder in den Ablauf des Tauchgangs. Die Expeditionsteilnehmer verbringen die gesamte Zeit auf dem Begleitschiff des Tiefseetauchboots, der Horizon Arctic, und haben dort die Möglichkeit, an einem Tauchgang teilzunehmen. Zudem können sie sich in Vorträgen und Diskussionen über die Expedition und die "Titanic" austauschen, einen "Stahlgiganten", der vom Ozean verschluckt wurde .

Stürmisches Wetter und technische Probleme

Als ist die Crew bereit ist, in die Tiefe des Nordatlantiks zum Grab der "Titanic" abzutauchen, tritt ein ernsthaftes Problem auf: das Wetter. "Drei Tage lang gab es zu viel Wind und zu hohe Wellen", schildert Loibl. Eine zermürbende Wartezeit, denn er weiß: Sollten sich Wetter und See nicht beruhigen, war es das mit der Reise zur "Titanic". "Wetterbedingte Ausfälle sind höhere Gewalt. Und dafür gibt es keinen Ersatz - auch keinen finanziellen", erklärt der 58-Jährige. Die Aussichten wie die Stimmungslage sind weiter trübe. Seine Nerven sind angespannt.

Am Donnerstag früh ist es dann endlich so weit. Die Mission kann starten. Die fünfköpfige Crew - ein Pilot, ein Forscher und drei "Missionsspezialisten" - begibt sich in das Tiefsee-U-Boot, das passenderweise "Titan" genannt wird. Es ist aus Kohlefaser und Titan gebaut, um dem enormen Druck am Grund des Ozeans standzuhalten, der stark genug ist, das Tauchboot wie eine Blechdose zu zerquetschen. Bequemlichkeiten für das Forscherteam gibt es nicht. Die Passagiere müssen auf dem Boden hocken. Nachdem alle Luken geschlossen, alle Funktions- und Sicherheitschecks abgeschlossen sind, wird die Plattform in das Wasser gelassen.

Und das nächste Problem taucht auf. Loibl verspürt einen starken Ruck. Was ist geschehen? Ein Stabilisator hat sich gelöst. Das heißt: Kommando zurück. Das U-Boot muss auf das Mutterschiff zurück, der Schaden von außen behoben werden, während die Besatzung im Inneren des Tauchfahrzeugs der Dinge harren muss. Dort steigen die Temperaturen schnell auf 40 Grad. "Es fühlte sich an wie in einem Brutkasten", sagt Loibl. Das Wasser lief in Strömen den Körper hinunter.

Überwältigt vom Anblick des Schiffswracks

Lange eineinhalb Stunde später kann das U-Boot in die Dunkelheit abtauchen. Es geht mit 25 bis 30 Metern in der Minute nach unten. Nach 150 Metern in der Tiefe wird das Licht abgeschaltet, um die Batterien zu schonen. Die einzige Lichtquelle ist ein fluoreszierender Stab. "Damit wir uns nicht die Köpfe einschlagen", erklärt Loibl.

Nach zweieinhalb Stunden und einer Tiefe von 3.700 Metern werden die Außenscheinwerfer angeschaltet. Sie leuchten die Umgebung auf einer Entfernung von bis zu 15 Metern aus. Die neugierigen und erwartungsvollen Augen können von dem Wrack der "Titanic" aber noch nichts erblicken.

Doch schon 20 Minuten später steht Loibl seinem Traum gegenüber: der "Titanic" in all ihrer zerstörten Pracht. "Nach so langer Wartezeit bin ich tatsächlich vor dem Schiffswrack selbst", sagt er. Das U-Boot fährt langsam auf den weltberühmten Bug zu. "Freude und Staunen kannten keine Grenzen."

Tauchfahrt kein Zuckerschlecken

So romantisch und mystisch eine solche Reise auch klingt - sie ist kein Zuckerschlecken. Die Expedition ist zwar ein kommerzielles, aber auch ein wissenschaftliches Unterfangen: Die fünfköpfige Gruppe verwendet fortschrittliche 3-D-Modellierungswerkzeuge, um die Erinnerung an die "Titanic" für die kommenden Generationen zu analysieren und zu bewahren. Die "Missionsspezialisten" - ausgestattet mit hoch entwickelten Lasern, Sonaren und Bildgebungstechnologie - helfen dabei, das detaillierteste und genaueste 3-D-Modell des Schiffswracks in der Geschichte zusammenzustellen.

Diese praktischen Aufgaben sind Teil eines neuartigen Konzepts, das Loibl besonders auf die Reise gelockt hat. "Ich war an allem beteiligt, vor allem aber bei Taucheinsätzen oder der Kommunikation mit der Oberfläche", sagt er. "Wir waren keine Touristen. Wir waren tatsächlich Teil der Crew." Mit an Bord des speziell konstruierten "Titan"-U-Bootes war auch der weltberühmte französische Tiefseeforscher Paul-Henry Nargeolet. Weniger Glück hatte Loibl, einmal das U-Boot mit seinem einzigartigen Lenkrad steuern: einem drahtlosen Playstation-Gamecontroller.

Als Nächstes geht es in den Weltall

Aber das kann der 58-Jährige am Ende der insgesamt gut zehnstündigen Tauchfahrt verschmerzen. Er ist nicht nur Zeuge einer Stätte geworden, die bisher nur von weniger als 200 Menschen auf der Erde gesehen wurde, sondern er ist auch direkt an jedem Zentimeter der Reise beteiligt gewesen. Aus diesem Grund ist Loibl der Meinung, dass der hohe Preis eines Tickets jeden Cent wert ist. Ein Ticket für den elftägigen Ausflug kostet einen sechsstelligen Betrag - das entspricht den Kosten für eine First-Class-Passage auf der schicksalshaften Reise der "Titanic" im Jahr 1912, inflationsbereinigt.

Und gibt es für den abenteuerlustigen Unternehmer nach diesem einzigartigen Erlebnis überhaupt noch weitere Ziele? "Wer tief unten war, will auch hoch hinaus", sagt Loibl. Und wohin soll die Reise gehen? "In den Weltraum", kündigt er an. Er habe auch schon gebucht. Er sei dann der 13. Deutsche, der kommerziell in das Weltall geflogen sein wird.

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