Monaco Fürstenhaus als Zündler

, aktualisiert am 27.01.2020 - 13:34 Uhr
Monacos Fürstenpaar (links) und Monacos Erzbischof zünden das Boot an - der Auftakt zum Fest. Foto: Günter Schenk

Vor der kleinen Kirche Saint Dévote ruht auf trockenen Palmzweigen ein viele Meter langes Boot in Weiß und Rot, den Nationalfarben Monacos. Wehrmänner haben es mit Benzin durchtränkt, damit die Flammen schneller Nahrung finden.

Akribisch ist das Feuer geplant, denn die Brandstifter sind von höchstem Rang. Wie jedes Jahr fackeln Monacos Fürstenpaar und der Erzbischof des Stadtstaates persönlich das Boot ab. Ein feuriger Akt, der den Auftakt zu Monacos traditionsreichstem Fest bildet: den Feiern zu Ehren der Heiligen Devota, Monacos Nationalheiliger.

Mehr als 38.000 Einwohner leben in Monaco

Nur ein paar Schritte vom großen Hafen, am Eingang eines überbauten Tales, zwängt sich das Kirchlein Saint Dévote zwischen mächtige Hochhäuser. Zum Festtag schmücken Fahnen seinen Vorplatz, erhellen Scheinwerfer die Fassade. Korsische Gesänge begleiten eine kleine Prozession vom Hafen zur Kirche. Ein Zug, der an die Überführung der Gebeine Devotas von Korsika ins heutige Monaco erinnern soll. Vor vielen hundert Jahren sei das gewesen, genau wisse das niemand, heißt es im zweitkleinsten Staat der Welt. Mehr als 38.000 Einwohner leben hier auf engstem Raum, dichter ist keine Metropole besiedelt.

Mit Blaulicht nähert sich schließlich eine Wagenkolonne vom Fürstenpalast. Mehr als hundert Bodyguards stehen im Dienst des monegassischen Herrscherpaares. "Carabiniers du Prince" heißt die Elitetruppe, die zum Fest in Gala erscheint. Monacos Erzbischof hat Prinz Albert und Prinzessin Charlene schon lange erwartet. Ebenso zwei Dutzend Fotografen.

Dann geht alles ziemlich schnell, setzen Adel und Klerus das Boot mit Fackeln in Brand. Dann steigt eine weiße Taube in den nächtlichen Himmel - getreu der Legende, dass Devotas Mund bei der Überführung ihres Leichnams als Verkörperung ihrer Seele eine Taube entstieg. Sie habe den Weg ins heutige Monaco gewiesen, erzählt die Legende. Auch die Verbrennung des Bootes erinnert an Devota. So hätte Anfang letzten Jahrtausends ein Fischer ihre Reliquien geraubt. Andere Fischer verfolgten den Dieb und verbrannten zur Strafe sein Boot. Seit 1879 geht deshalb Jahr für Jahr ein auf Palmen gebettetes Boot in Flammen auf. Vorher war es nur ein Freudenfeuer, das man seit dem 17. Jahrhundert vor dem Fürstenpalast entzündete. Noch während das Boot brennt, verschwinden Bischof und Fürstenpaar Richtung Hafen. Zum großen Feuerwerk, das den Festtag der Nationalheiligen einleitet.

Am Morgen danach ist Monaco wie ausgestorben. An Devotas Feiertag sind alle Geschäfte geschlossen. Nur vor dem Casino parken wie immer ein paar Luxuskarossen. Auch am Fürstenpalast, vor dem sich alte Kanonen reihen, ist wenig los. Seit Jahrhunderten regieren hier die Grimaldis, die Fürsten von Monaco. Devota ist ihre Schutzherrin.

Als Anfang des 16. Jahrhunderts feindliche Truppen aus Genua und Pisa die Felsenfestung der Grimaldis Monate lang belagerten, so heißt es im Stadtstaat, hätte ihnen Devota göttlichen Beistand und den Sieg versprochen. Wenig später zogen die Italiener ab. Immer wieder dankten die Grimaldis dies der Heiligen, stifteten Denkmäler und Bilder, wie sie sich noch heute im rechten Seitenschiff der Kathedrale finden. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie gebaut.

Schon lange bevor der Festgottesdienst startet, liegt die Entourage der Hoffotografen wieder in Lauerstellung, hält minutiös fest, wie das Fürstenpaar über einen eigens gelegten roten Teppich die Kathedrale betritt. Monacos Erzbischof hat die beiden empfangen, das kirchliche Oberhaupt von mehr als 30.000 Katholiken. Für sie ist Devota Seelentröster und Hoffnungsanker. Nach der Messfeier kehren Fürst und Fürstin in den Palast zurück. Es ist der Augenblick für die wenigen Zaungäste, dem Hochadel fast hautnah zu begegnen.

Wenig später beginnt die große Prozession, gehen Devotas Reliquien auf Tour durch die Gassen auf dem Felsen - in einem kleinen Schrein, begleitet von Klerikern und Bruderschaften. Erstes Ziel ist der Palast, wo Fürst und Fürstin wie immer am Fenster stehen. Traditionell gilt der erste Segen dem Fürstenhaus, der zweite an der Stadtmauer gegenüber dem Wohl der Stadt. Jeder zweite ihrer Einwohner, so schätzt man, ist Millionär: Zur Prozession selbst ist nur eine kleine Hundertschaft echter Monegassen gekommen, die jetzt zum Schlusssegen vor der Kathedrale stehen. Traditionell gilt er der See, dem Mittelmeer, das Monaco vor vielen hundert Jahren Devotas Reliquien brachte.

Seit dem 17. Jahrhundert eine Nationalheilige

Devota oder Dei vota, wie sie die Korsen nennen, ist eine legendäre christliche Märtyrerin und Heilige. Gesicherte Quellen zu ihrem Leben gibt es keine, urkundlich wurde sie erst Anfang des zweiten Jahrtausends erwähnt. So erzählt eine mittelalterliche Handschrift in der Pariser Nationalbibliothek, dass sie im Jahr 283 in einem Städtchen im Norden Korsikas geboren worden sei. Seit 1820 gilt sie deshalb auch auf der französischen Mittelmeerinsel als Nationalheilige. Der Legende nach wurde die Christin unter dem römischen Kaiser Diokletian zu Tode gefoltert. Christen, erzählt die Legende, hätten ihren Leichnam schließlich gestohlen und ins heutige Monaco verfrachtet. Am 27. Januar des Jahres 303 oder 304 soll das Schiff dort angelandet sein - an jener Stelle, wo heute die Kirche Sainte Dévote steht.

Historiker vermuten, dass die Legende um Devota in der Biographie einer anderen Heiligen wurzelt, die ebenfalls gern als Jungfrau mit einer Palme in der Hand dargestellt wird und deren Lebensgeschichte erstmals Ende des fünften Jahrhunderts auftaucht: Julia von Korsika oder Julia von Karthago. Ein Gemälde von Hieronymus Bosch erzählt in Venedigs Dogenpalast von ihrem Martyrium. Danach soll die Heilige im afrikanischen Karthago zwischen den Jahren 249 und 251 gekreuzigt worden sein. Nach korsischem Volksglauben wurde die noch heute verehrte Nationalheilige allerdings in Korsika getötet.

Wahrscheinlich hat ein Benediktinermönch die beiden Legenden miteinander verschmolzen. So wird erzählt, die Seele Julias sei nach ihrem Tod in Form einer Taube aus ihrem Körper entfleucht. Auch Devotas Seele soll nach ihrem Ableben in Gestalt einer Taube ihrem Mund entflogen sein. Wie auch immer: Devota wurde im 17. Jahrhundert Monacos Nationalheilige - und auch Korsika feiert beide Frauen mit einem eigenen Fest: Devota am 27. Januar und Julia am 22. Mai.

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