Politiker betonen seit geraumer Zeit die Bedeutung der E-Mobilität im Kampf gegen die Klimakrise: Führen erst einmal alle Autos elektrisch, sei schon viel gewonnen, so ungefähr lautet die Argumentation – doch die könnte einer aktuellen Veröffentlichung nach auf einer unvollständigen Gleichung basieren. Ein Straubinger Wissenschaftler erklärt, was es damit auf sich hat.

Man könnte es einen "Brandbrief" nennen, das Schreiben der "International Association of Sustainable Drivetrain and Vehicle Technology Research" (IASTEC) an die EU-Kommission: Bei der Berechnung von CO2-Emissionen, die die EU verwendet, fehle ein wichtiger Faktor, heißt es da. Der Einfluss, den ein zusätzlicher Stromverbraucher, also beispielsweise ein E-Auto, auf die CO2-Bilanz hat, wird grob unterschätzt, sagen insgesamt 170 internationale Forscher, die ein zum Brief gehöriges Positionspapier unterzeichnet haben. Er könne mehr als doppelt so hoch sein, wie kommuniziert werde –  je nachdem, wie die Stromerzeugung in einem Land beschaffen sei.

Prof. Dr. Jakob Burger hat diese IASTEC-Veröffentlichung für uns unter die Lupe genommen. Er forscht am TUM Campus Straubing an synthetischen Treibstoffen – und mahnt zur Vorsicht: "Ob dieser fehlende Term wirklich so groß ist, wie die Wissenschaftler behaupten, weiß ich nicht. Ich würde jedenfalls der pauschalisierenden Aussage 'doppelt so hoch' nicht zustimmen." Gäbe es hier wirklich einen Fehler, wäre das aber auch egal, sagt Burger: "Unstrittig wird hier CO2 eingespart. Es gilt so und so, die erneuerbare Stromversorgung so schnell und so massiv wie möglich auszubauen."

IASTEC preist reFuel-Technologien an

Die IASTEC-Forscher fordern die EU dazu auf, mit Blick auf den Klimaschutz deutlich stärker auf sogenannte "reFuel"-Technologien zu setzen, und preisen diese in höchsten Tönen an. "reFuel steht für 'renewable fuels', also erneuerbare Kraftstoffe", erklärt Burger. "Das sind Kraftstoffe, die nicht aus Erdöl gewonnen werden, also entweder Biokraftstoffe oder sogenannte E-Fuels, die mit Hilfe erneuerbarer elektrischer Energie hergestellt werden."

Laut IASTEC-Positionspapier werden reFuels in aktuellen EU-Gesetzen zu wenig berücksichtigt. Die Verfasser wünschen sich einen "Energie-Mix", der auch synthetische Kraftstoffe verstärkt in den Blick nimmt. Burger stimmt hier zu. "Aktuell wird die E-Mobilität stark gefördert, mit Kaufprämien, die Null-Emission in der Neufahrzeugflotte belohnen, während synthetische Kraftstoffe noch nicht anrechenbar sind", sagt er. Das sei unfair und zudem schlecht für den Klimaschutz. "Darüber regen sich die Verfasser zurecht auf."

Der Straubinger Forscher verortet das Kernproblem der Mobilitäts-Debatte aber ohnehin woanders.