Missbrauchskomplex "Wermelskirchen" Fälle aus Bayern haben Bezug zum Missbrauchskomplex

, aktualisiert am 31.05.2022 - 17:17 Uhr
Hauptbeschuldigter im Missbrauchskomplex "Wermelskirchen" ist ein 44-Jähriger, der im Internet seine Dienste als Babysitter angeboten hat. (Symbolbild) Foto: Stefan Puchner/dpa/Symbolbild

Erfahrene Kinderpornografie-Ermittler, die dachten, sie hätten alles Schreckliche gesehen, haben sich geirrt. Kölner Ermittler sagen, der neue Missbrauchskomplex "Wermelskirchen" erreicht eine neue Dimension der Grausamkeit. Drei Ermittlungsverfahren laufen auch bei der bayerischen Zentrale Cybercrime. 

Der neue Missbrauchskomplex von Wermelskirchen hat nach Angaben der Ermittler eine Dimension an Brutalität, die die anderer Komplexe übersteigt. Hauptbeschuldigter ist ein 44-Jähriger aus dem nordrhein-westfälischen Wermelskirchen.

Der kinderlose und verheiratete Angestellte habe im Internet seine Dienste als Babysitter angeboten und sich so seinen Opfern nähern können, berichteten die Ermittler am Montag in Köln. Mit Dutzenden weiteren Männern habe er zudem kinderpornografische Bilder und Videos "unvorstellbarer Brutalität" getauscht.

"Ich bin erschüttert und fassungslos. Ein solches Ausmaß an menschenverachtender Brutalität und gefühlloser Gleichgültigkeit gegenüber kleinen Kindern, ihren Schmerzen und ihren Schreien ist mir noch nicht begegnet", sagte Kölns Polizeipräsident Falk Schnabel.

Gewaltige Datenmengen

Bislang seien 73 Verdächtige und 33 Opfer identifiziert worden, berichteten die Ermittler. Das jüngste Kind sei einen Monat alt gewesen. Unter den Opfern seien fünf Säuglinge und auch Kinder mit Behinderung. Es seien gewaltige Datenmengen - ein Volumen von 32 Terabyte - mit 3,5 Millionen Bildern und 1,5 Millionen Videos sichergestellt worden.

Die Gewaltfantasien, die dabei verwirklicht worden seien, hätten auch erfahrene Ermittler in dem Bereich entsetzt. Gefunden wurden "brutalste Vergewaltigungen von Babys und Kleinkindern". Es gebe Anhaltspunkte dafür, dass die Kinder in einigen Fällen dafür betäubt worden seien. Es sei möglich, dass sich die Zahl der Missbrauchsopfer weiter erhöhe. Bislang sei erst zehn Prozent der Datenmenge ausgewertet.

"Bitte ersparen Sie mir Schilderungen dessen, was ich gesehen habe", sagte Oberstaatsanwalt Joachim Roth sichtlich gequält. "Das, was ich gesehen habe, hat mich bis ins Mark erschüttert." Dennoch hätten die Eltern der Kinder in keinem Fall Verdacht geschöpft, berichteten die Ermittler. Auch einige Opfer seien völlig überrascht gewesen von der Nachricht der Polizei, dass sie vor Jahren im Kleinkindalter Opfer schwersten Missbrauchs geworden seien. Ihnen sei Hilfe angeboten worden.

Taten reichen bis 2005 zurück

Der nicht vorbestrafte Babysitter soll im Großraum Köln selbst zwölf Kinder - zehn Jungen und zwei Mädchen - missbraucht haben. Die Taten reichten bis ins Jahr 2005 zurück.

Um Zugriff auf die unverschlüsselten Daten des 44-Jährigen zu bekommen, hätten Spezialkräfte ihn im vergangenen Dezember am eingeschalteten Rechner während einer Videokonferenz mit Arbeitskollegen überwältigt.

Diese hätten ihrerseits den Notruf 110 gewählt, weil sie glaubten, Zeugen eines Überfalls zu werden. Die Sicherung der gesamten Datenmenge von 232 Datenträgern vor Ort habe dann 17 Tage gedauert.

Eine besondere "Aufbauorganisation" namens "Liste" sichtet nun die gewaltigen Datenmengen. Der Name ist dem Umstand geschuldet, dass der Verdächtige sein Kinderpornografie-Archiv in Listen unterteilt habe - wohl um nicht den Überblick zu verlieren. Er habe die Taten weitgehend eingeräumt.

NRW-Innenminister Reul äußert sich 

Der 44-Jährige habe "einem der Täter aus Münster beim Missbrauch zugesehen und Anweisungen gegeben", berichtete NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) in Düsseldorf. "Das geschah über einen Video-Chat online." Er habe zudem über die Neigungen der anderen Pädophilen Buch geführt. Warum er nicht schon bei den Ermittlungen im Komplex Münster identifiziert worden sei, wisse er derzeit aber nicht.

"Ich kann allen Pädophilen nur sagen: Wir kriegen Euch! Vielleicht nicht heute, aber eines Tages stehen wir vor Eurer Tür. Lügde, Bergisch Gladbach, Münster und jetzt Wermelskirchen", sagte Reul. Er fügte hinzu: "Man kann bei diesen Taten manchmal den Glauben an die Menschheit verlieren."

Psychiatrisches Gutachten beantragt

Derzeit werde geprüft, ob er in Sicherungsverwahrung genommen werden könne. Ein psychiatrisches Gutachten sei ebenfalls in Auftrag gegeben worden. Bei den übrigen Verdächtigen handele es sich um Väter, Nachbarn, Bekannte, Brüder oder Großväter der Opfer.

Der Schwerpunkt liege mit 26 Verfahren in NRW, gefolgt von Thüringen (6), Brandenburg (5), Schleswig-Holstein (5) und Niedersachsen (5). Mit Ausnahme von Bremen und dem Saarland sind alle anderen Bundesländer ebenfalls betroffen. Ein Verfahren sei nach Österreich abgegeben worden.

Die meisten Verdächtigen seien in einem Alter zwischen 26 und 45 Jahren. Auf die Schliche gekommen sei man dem Wermelskirchener im vergangenen November durch Ermittlungen gegen einen seiner Chat-Partner in Berlin. Bis zum Zugriff mit einem Haftbefehl des Kölner Amtsgerichts seien seine Telefone abgehört worden.

Missbrauchsfälle aus Bayern haben Bezug zum Komplex

Die bayerische Zentralstelle Cybercrime führt drei Ermittlungsverfahren mit Bezug zum neuen Missbrauchskomplex von Wermelskirchen in Nordrhein-Westfalen. Dies berichtete Oberstaatsanwalt Thomas Goger von der Bamberger Zentralstelle am Dienstag. "Einzelheiten kann ich, um die Ermittlungen nicht zu gefährden, leider nicht mitteilen", erklärte Goger. In allen Verfahren dauerten die Ermittlungen noch an.

Weitere Artikel

 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading