Kabinettssitzung auf Herrenchiemsee Merkels Besuch auf Söders Märcheninsel

Unter der Leitung von Markus Söder findet mit Kanzlerin Merkel auf der Insel Herrenchiemsee die Sitzung des bayerischen Kabinetts in der Spiegelgalerie des Neuen Schlosses statt. Foto: Peter Kneffel/dpa/Pool/dpa/dpa

Perfekter lässt sich ein Kanzlerinnenbesuch kaum inszenieren. Bei Bilderbuchwetter sind Söder und Merkel auf Herrenchiemsee. Nicht nur wegen pompöser Bilder bleibt der eigentliche Anlass im Hintergrund.

Nein, ein Autogramm will Markus Söder auf keinen Fall. «Das gibt nur Ärger», ruft er am Dienstag aus sicherem Abstand den Besuchern zu, die sich um ein Schild mit der Aufschrift «Markus Söder Kanzlerkanditat? Ja» versammelt haben. Dabei dürfte ihn weniger der Rechtschreibfehler als die dann garantierten Schlagzeilen abgeschreckt haben. So sehr ihn die Spekulationen über eine mögliche Kanzlerkandidatur freuen: So weit will er an diesem Morgen, als er auf Kanzlerin Angela Merkel wartet, dann doch nicht gehen. Und so belässt es Söder bei einem herzlichen Dank für die nette Geste.

Die kurze Szene am Landungssteg in Prien am Chiemsee zeigt einmal mehr, was das Phänomen Söder derzeit so auszeichnet: Wo immer er auch hinkommt, die Frage nach seiner politischen Zukunft ist schon da. Für Söder eine mehr als komfortable Situation, denn letztlich muss er kaum etwas tun - und trotzdem ist sein Name in aller Munde.

Auch aus genau diesem Grund ist es kein normaler Termin an diesem sommerlichen Dienstag. Merkel ist zu Gast in Söders Kabinettssitzung - schon das allein ein ungewöhnlicher Vorgang. Gewiss, Deutschland hat nun die EU-Ratspräsidentschaft inne, und Merkel will der bayerischen Staatsregierung ihre Ziele darlegen. Aber dass sie deshalb extra einen Tag nach Bayern kommt? Er habe sie inmitten der Corona-Krise eingeladen, zu kommen, wenn sich die Lage entspannt habe, sagt Söder. Daraufhin habe sie dann recht spontan zugesagt.

Söder jedenfalls lässt das maximal Prunkvolle aus dem Termin herausholen: Er empfängt Merkel auf Schloss Herrenchiemsee, inklusive Dampfer-Schifffahrt, Kutschfahrt zum Schloss, Besuch einer Ausstellung zum Grundgesetz und Mittagessen im großen Spiegelsaal.

Natürlich, es geht um die Bilder. Und als Medienprofi wusste Söder auch vorab, welche Schlagzeilen das Ganze hergeben würde: Die Kanzlerin und ihr Kronprinz. Oder gleich andersherum: «Merkel zu Gast beim Kini». So nennen die Bayern ihren «Märchenkönig» Ludwig II.

Dass Söder und die CSU Merkel noch einmal derart hofieren würden, war nicht immer abzusehen. Viel war einst zu Bruch gegangen im Dauerkrach über die Migrationspolitik. Auch Söder hatte daran seinen Anteil - das erwähnt er nun aber nicht. Einladung und Besuch sehe er als «Signal für das Miteinander in der Krise», sagt Söder, und jetzt passe es auch noch zur wichtigen EU-Ratspräsidentschaft. Sein Blick geht nach vorne: «Es sind andere Zeiten, in denen wir andere Wege gehen müssen», sagt Söder. CDU und CSU müssten zusammenarbeiten.

Wie das aussehen kann, zeigten Merkel und Söder in den vergangenen Monaten, als sie die Republik zum Teil gemeinsam durch die Corona-Krise führen mussten. Im Koalitionsausschuss sowieso. Aber auch im Duo aus Kanzlerin und Chef der Ministerpräsidentenkonferenz. Und inhaltlich funktionierte dieses Duo: Merkel und Söder waren, trotz kleinerer Sticheleien in den anschließenden Pressekonferenzen, inhaltlich immer auf dem gleichen, extrem vorsichtigen Kurs.

Auch deshalb befeuert der sorgsam durchgetaktete Besuch auf Herrenchiemsee die Dauerdebatte über Merkels Nachfolge. Steigt am Ende, entgegen allen Beteuerungen, doch Söder in den Ring? Auch Merkel weiß genau, welches Echo ihr Besuch mit sich bringt. Sieht sie im neuen, auf Merkel-Mitte-Kurs eingeordneten Söder etwa doch einen Nachfolger? Selbst wenn dem so wäre, es bliebe wohl ewiges Geheimnis.

Die K-Frage begleitet Söder seit langem. Und seit langem antwortet er beständig: Sein Platz sei in Bayern. Für Aufregung sorgt er, wenn er, wie schon geschehen, einmal ein kleines Wörtchen einfügt und sagt: «Mein Platz ist gerade in Bayern.» Aber was ist nächstes Jahr?

Fakt ist: Söder liegt in allen Umfragen derzeit mehr oder minder meilenweit vor allen denkbaren CDU-Kandidaten, auch vor Armin Laschet und Friedrich Merz. Doch Söder weiß: Umfragen sind Momentaufnahmen. Auch all die, die die Union derzeit bei an die 40 Prozent sehen. Das habe man Merkels Corona-Krisenmanagement zu verdanken, sagt Söder.

Auch Söder weiß: Szenarien über seine Kanzlerkandidatur werden auch in der großen Schwesterpartei diskutiert. Doch am Ende bremsen Unions-Leute immer mit einem Argument: Es ist kaum wahrscheinlich, dass der im Dezember zu kürende neue CDU-Vorsitzende der CSU die Kanzlerkandidatur anträgt. Warum sollte die CDU das bei stabilen Umfragewerten machen? In der Vergangenheit stellte die CSU nur dann den Kanzlerkandidaten, wenn die CDU Probleme hatte. Andersherum aber: Sollten die Werte absacken und der Weg ins Kanzleramt nicht so gut wie sicher sein, wird Söder kaum antreten. Zu groß wäre sein Risiko, nur beschädigt aus der Sache herauszukommen.

So ist es erklärlich, warum sich Söder verhält, wie er sich verhält: nichts zusagen, nichts ausschließen, alle Optionen offenhalten. Er hält die Preise für die CSU oben und festigt seine unionsinterne Machtstellung - auch in Berlin. Viele Monate vor der geplanten Kandidaten-Kür und mehr als ein Jahr vor dem Wahltermin ist zu viel unsicher. Wie geht es weiter mit der Corona-Krise, wie mit der Wirtschaft? Niemand weiß deshalb, wie sich die Umfragen entwickeln.

Während Söder mit Merkel werbewirksame Fotos produziert, nimmt einer der möglichen Konkurrenten ums Kanzleramt, Armin Laschet, offizielle Termine in Paris wahr. Dafür hat der NRW-Ministerpräsident extra für zwei Tage seinen Urlaub am Bodensee unterbrochen. Am Montag hatte er als einer der ersten deutschen Spitzenpolitiker bereits Mitglieder des neuen französischen Kabinetts getroffen. Am Dienstag nimmt Laschet zusammen mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, seinem Teampartner im Ringen um den CDU-Vorsitz, auf Einladung von Präsident Emmanuel Macron an einer Feier zum Nationalfeiertag in Paris teil.

Die Laschet-Konkurrenten um den CDU-Vorsitz, der Wirtschaftspolitiker Friedrich Merz und der wohl chancenlose Außenpolitiker Norbert Röttgen, können da derweil nicht mithalten - mit öffentlichen Auftritten müssen sie sich wegen der Corona-Pandemie zurückhalten.

Und was ist mit Besuchen der Kanzlerin in anderen Kabinetten, also etwa bei Laschet in Düsseldorf? Offiziell schweigt Merkel dazu. Es gebe aber auch andere Einladungen, hieß es zuletzt. Ob eine Einladung von Laschet dabei ist, blieb offen.

Wie wichtig ein mächtiger Unterstützer ist, bringt Merkel allen Anwesenden dann auch noch mal selbst in Erinnerung: Ohne den Erbauer von Schloss Herrenchiemsee, König Ludwig II., hätte selbst Richard Wagner «vielleicht manches nicht tun können, wenn er nicht einen Gönner gehabt hätte». Fragt sich nur, wessen Gönner Merkel sein will.

 

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