Meinung Wir haben das Sterben verlernt – und damit viel verloren

Viele Menschen geraten im Alter in soziale Isolation. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Das Thema Tod ist heute aus dem Alltag verbannt. Ganz anders war das vor 70 Jahren. Was hat sich geändert und tut uns das wirklich gut? Eine Meinung

Mir war heiß vor Angst. Der Schweiß meiner Stirn mischte sich mit Tränen und fiel auf ihre Haut. Dabei traf Leben auf Tod. Der hatte sich mit seiner Kälte schon ganz in ihr ausgebreitet. Vor mir lag nur ihr eisiger Körper. Atmen, blinzeln, sprechen. Nichts davon konnte sie. Sie lebte nicht mehr.

Wenige Monate davor hatten meine Großtante und ich uns noch über den Tod unterhalten. Sie ist 1928 geboren, 2019 gestorben und war für mich wie für andere die Oma. Der Tod sei für sie schon immer ganz normal gewesen, erzählte sie. Auf mich wirkte die Erfahrung, zum ersten Mal einen Toten zu berühren, so unwirklich, dass ich feststellte: Wir haben das Sterben verlernt!

Als Sterben noch normal war

Ein Grund dafür: Kriegskinder erlebten schlicht mehr Todesfälle mit. Ihre Eltern starben oft im mittleren Alter. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Das Robert-Koch-Institut schreibt außerdem von Tausenden Menschen, die in den 1940er Jahren noch jährlich an Kinderkrankheiten starben. Heute leben wir in Frieden, werden medizinisch gut versorgt und sterben meist als Senioren. Viele Junge erfahren den Tod eines Mitmenschen erst bei ihren Großeltern – ein Schock.

Das liegt auch daran, dass Rituale verschwinden, die einst regelrechte Fahrpläne aus der Trauer waren: Früher begleitete man die Sterbenden häufig daheim, Pflegeheime waren selten. Nach dem Tod wuschen und kleideten Angehörige die Leiche. Starb im Dorf meiner Großtante jemand, wurde der Körper im Haus aufgebahrt. Der Pfarrer schrieb die Grabrede selbst, schließlich kannte er seine Gemeinde gut. Die Familien erhielten unzählige Beileidskarten.

Sie wurden so durch die Zeit des Schmerzes geführt. Und selbst Jahrzehnte nach dem Tod eines Nahestehenden war er nicht vergessen. Meine Großtante etwa schmückte mit über 80 Jahren noch das Grab ihrer toten Verwandten. Heute werden viele Gräber nicht mehr gepflegt. Stattdessen liest man immer wieder über „verwahrloste Ruhestätten“. Aber nicht nur am Friedhof werden Begegnungspunkte zum Tod weniger. Er ist besonders aus Kinderköpfen verbannt: In Filmen und Serien bekommen junge Menschen ihn nicht zu sehen – aus Angst um ihre Entwicklung.

Dabei wäre das Thema heute so wichtig. 2019 fand ein EU-Seminar zu Strategien gegen Einsamkeit im Alter statt. Die sei vor allem bei Menschen ab 80 Jahren ein Problem, „häufig wegen einer Scheidung oder des Todes eines Partners, von Freunden oder der Familie und eingeschränkter Mobilität.“ Und wer einsam lebt, stirbt auch einsam – und liegt einsam im Grab.

Der Tod hilft jedem

Das ist unwürdig für die Toten. Wer sieht, was einem Sterbenden wichtig ist, der kann darauf aber auch schon im Leben bewusster achten. Wie die Familie.

Wir sollten also den Umgang mit dem Tod neu lernen. Indem wir Zeit mit den Ältesten um uns verbringen. Sie vor ihrem Tod nicht allein lassen. Und sie danach nicht vergessen.

Weitere Artikel

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading