Lügenpresse? Fake-News? Das ist der tägliche Wahnsinn in einer Redaktion

Gute Kinderstube sucht man bei Kommentaren im Internet immer häufiger vergeblich. Sachliche und objektive Diskussionen sind kaum noch möglich. Foto: imago

Begriffe wie „Werteverfall“, „Lügenpresse“ und „Fake News“ haben in Deutschland seit einigen Jahren ihren festen Platz in der neuen Medienöffentlichkeit. Damit verbunden die Fragen, „wem kann man noch vertrauen?“ und „wem kann man noch glauben?“. Auf der Suche nach der Wahrheit werden mittlerweile häufig falsche Tatsachen zum Instrument der Meinungsmache. Flankiert wird das Ganze noch mit reichlich Halbwissen. Betrachtet man die heutige Diskussionskultur im Internet, dann fällt auf: jeder hat eine Meinung. Eine objektive Mitte gibt es dabei allerdings kaum noch. Zwei Seiten prallen täglich aufeinander und jede dieser Seiten beansprucht für sich, die Wahrheit zu repräsentieren.

Die Folge dieser Kollision: der Ton wird zunehmend rauer. Ein Problem, mit dem vor allem auch Medien und Behörden wie die Polizei täglich konfrontiert werden. Medien, Polizei und insbesondere der Politik schlägt eine Welle des Misstrauens entgegen. Vor allem bei einem Thema: Migranten. Ein daraus resultierendes Phänomen: dubiose Privat-Blogger und zwielichtige Aktivisten nutzen dieses Misstrauen in die Medienlandschaft für ihre Zwecke aus und schüren teils bewusst weiter das Feuer. Sei es durch die Verbreitung von Unwahrheiten oder Halbwahrheiten. Allzu schnell wird dies dann in vermeintlich sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter von etlichen Nutzern als die tatsächliche Wahrheit akzeptiert und weiterverbreitet.

Wie geht man nun in Reihen der Medien und der Polizei damit um? In der „Richtlinie 8.1. - Kriminalberichterstattung“ des Pressekodex heißt es: „An der Information über Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren besteht ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit. Es ist Aufgabe der Presse, darüber zu berichten.“ So weit, so gut. Komplizierter wird der Fall dann, wenn es um die Nennung von Nationalitäten geht. In der „Richtlinie 12.1. - Berichterstattung über Straftaten“ des Pressekodex heißt es hierzu: „(…) Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse (...)“. Es gilt also, jeweils zu prüfen, ob ein öffentliches Interesse vorliegt. Doch wann ist dies der Fall und eine Nennung der Nationalität eines Tatverdächtigen oder Täters somit gerechtfertigt? Genau daran scheiden sich offensichtlich die Geister.

"Ethisch-moralische Abwägung jedes Einzelnen"

Das räumt auch Michael Busch, Vorsitzender des Bayerischen Journalisten-Verbandes, ein. Er sagt, dass sich die Frage, wann ein öffentliches Interesse hoch genug ist, um Nationalitäten zu nennen, pauschal „nur schwierig beantworten lässt“. Busch: „Letztlich ist es aus meiner Sicht eine ethisch-moralische Abwägung jedes Einzelnen und dessen Argumentationskette, warum die Nationalitätennennung von öffentlichem Interesse sein könnte. Ob es dann tatsächlich so ist, entscheiden wiederum andere.“ Generell gelte, dass die Nationalität keine Rolle spielt, wenn die Straftat mit der Herkunft in keiner Weise zusammenhängt. Kulturelle Unterschiede hingegen können allerdings sehr wohl ein Faktor sein. „Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn in einem anderen Land das, was hier als Straftat gewertet wird, keine Straftat ist“, erklärt Busch. Ein öffentliches Interesse liege in der Regel dann vor, wenn die Gerichte eingeschaltet werden.

In keinem Fall darf eine Gruppe unter Generalverdacht gestellt werden, ebenso wenig beteiligt man sich an Spekulationen. Was zählt, sind Fakten. Im täglichen Arbeitsablauf sieht das häufig so aus, dass man als Medium eine Pressemeldung der Polizei erhält, die das jeweilige Tatgeschehen so detailliert wie möglich schildert. Wird dann nach einem flüchtigen Täter gesucht und eine Beschreibung dieser Person war vom Opfer nur sehr vage möglich, fängt das Problem meist schon an. „Wie hat der Täter gesprochen?“ - diese Frage scheint vielen Bürgern mittlerweile wichtiger, als die eigentliche Klärung des Falles zu sein. Liegen dazu aber weder der Polizei noch der Presse Informationen vor, wird allzu schnell der Verdacht geäußert, man wolle selbige ganz bewusst zurückhalten. Das Misstrauen gipfelt in der Folge in skurrilsten Verschwörungstheorien. Beispielsweise wird dann behauptet, dass angeblich Kanzlerin Angela Merkel höchstselbst den Medien diktieren würde, was sie schreiben dürfen und was nicht.

 
 

9 Kommentare

Kommentieren

null

loading

Videos