LiteraTour Ines Kiefl erklärt "Die Physiker"

"Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt ist ein absoluter Klassiker der deutschsprachigen Literatur. Foto: Diogenes

In Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ treffen die Wissenschaftler Newton, Einstein und Möbius in einer Irrenanstalt aufeinander. Dabei müssen verliebte Krankenschwestern ihr Leben lassen. Was uns der Autor damit sagen will, erfährst du im neuen Teil der LiteraTour-Serie von Ines Kiefl.

Darum geht’s: Newton, Einstein und Möbius – nein, keine Angst, es soll jetzt nicht um physikalische Gesetze gehen, sondern um die drei Hauptpersonen von Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“. Die drei „Wissenschaftler“ (ja, das Wort steht nicht grundlos in Anführungszeichen) befinden sich in einer Psychiatrie. Die Story beginnt damit, dass eine verliebte Anstaltsschwester von Einstein ermordet wurde und ein Inspektor daraufhin Ermittlungen anstellt, wobei dieser wohl mehr raucht, als ermittelt.
Kurz zuvor wurde eine andere Schwester, die mit Newton in love war, von diesem erdrosselt, ein Schema ist also erkennbar. Der Inspektor schlägt vor, dass männliche Pfleger eingesetzt werden müssen, damit keine Schwestern mehr ermordet werden, die Liebesverhältnisse mit ihren mörderischen Patienten eingehen – ohnehin ziemlich unprofessionell von denen, am Arbeitsplatz anzubandeln. Als die Exfrau von Möbius, der bislang der einzige Unschuldige im Trio ist, mit ihrem neuen Typen und den gemeinsamen drei Flöten spielenden Kindern zu Besuch kommt, dreht Möbius völlig durch und redet wirres Zeug von Radioaktivität und König Salomo, sodass seine Familie verstört das Weite sucht.


Was als Nächstes passiert, ist wenig verwunderlich, denn auch Möbius, der Dritte im Bunde, bringt seine Krankenschwester um, nachdem sie ihm die Liebe gesteht und ihn für psychisch gesund hält. So reagiert man also, wenn man mit Komplimenten und Liebeserklärungen nicht umgehen kann. Außerdem hat Möbius eine gute Ausrede parat: Die Stimme von König Salomo in seinem Kopf hätte ihm die Mordanweisung erteilt – na dann, völlig legitim!
Wer bisher einfach nur verwirrt ist, wird jetzt aufgeklärt: Wie sich herausstellt, hat Möbius als Wissenschaftler eine bedeutende Weltformel entdeckt und ist nur in der Psychiatrie, weil er dort mit seiner Formel in Sicherheit ist und nicht will, dass diese für Massenvernichtungswaffen genutzt wird. Einstein und Newton sind in Wirklichkeit auch nicht psychisch krank, sondern zwei Spione unterschiedlicher Geheimdienste, die Wind von Möbius‘ Forschung bekommen haben und die Weltformel stehlen wollen. Allerdings kommt ihnen die Anstaltsärztin, die im Gegensatz zu den drei „Physikern“ wohl wirklich psychische Probleme hat, zuvor: Unter Anweisung von König Salomo kopierte sie heimlich Möbius‘ Aufzeichnungen und will mithilfe seiner Weltformel ein Imperium aufbauen. Mit dieser Info lässt sie die drei Pseudo-Kranken stehen, womit das Buch endet.

Das ist gemeint: Nach Dürrenmatt ist eine Komödie nur dann gelungen, wenn sie den schlechtmöglichsten Ausgang findet. Der Autor rückt die Frage nach der Veröffentlichung von wissenschaftlichen Erfindungen ins Zentrum und betrachtet die Forschung als kritisch. Schließlich könne jede Entdeckung fatale Folgen haben, womit er wohl nicht ganz unrecht hat, wenn man an die Existenz von Atomwaffen denkt.

Wann es spielt: Das Stück spielt zur Zeit des Kalten Krieges. Die beiden Geheimdienste, denen Newton und Einstein angehören, lassen sich in paralleler Weise als Ost-West-Konflikt interpretieren und auch die Sorge vor einer Eskalation während des Krieges wird in Dürrenmatts Drama mehr als deutlich.    
 

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Hinweis: Dieser Text stammt aus der Freistunde, der Kinder-, Jugend- und Schulredaktion der Mediengruppe Attenkofer. Für die Freistunde schreiben auch LeserInnen, die Freischreiben-AutorInnen. Mehr zur Freistunde unter freistunde.bayern.

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