LGBTQ Meinung: Wenn Unternehmen die Pride-Bewegung ausnutzen

Auf Pride-Paraden zeigt die LGBTQ-Community, dass sie stolz auf ihre sexuelle Orientierung ist. Viele Unternehmen wollen dabei aber nur auf sich aufmerksam machen. Foto: Michael Cooper/dpa

Wodkaflaschen, Marmeladen und sogar Mundspülungen: Seit dem Pride-Month Juni werden viele Produkte in Regenbogenfarben verkauft. Viele Unternehmen nutzen den Hype um die bunte Fahne aus. Eine Meinung.

Hass hat noch nie jemanden weniger schwul gemacht. Das stellt Taylor Swift in ihrem Song „You Need To Calm Down“ klar. Helene Fischer und die homosexuelle Kerstin Ott singen von „Regenbogenfarben“, Sarah Connor in „Vincent“ über einen schwulen Teenager. Musik gehört zu unserem Alltag, zur Normalität. Schön, dass Homosexualität hier einen Platz findet.

Doch nicht nur dort spielt das Thema derzeit eine große Rolle: Bekannte Marken wie zum Beispiel Adidas und Levi’s machen sich mit „Pride“-Kollektionen für die LGBTQ-Bewegung stark. Dieser Einsatz hilft allen, die sich bisher noch nicht getraut haben, sich zu outen. Es zeigt: Ihr seid nicht allein.

Adidas spendet zudem Teile der Erlöse an das „The Trevor Project“. Levi’s schreibt auf der Webseite, dass sie 100 Prozent des Gewinns der Kollektion an die „Out Right Action International“ spenden. Beide Organisationen setzen sich für die LGBTQ-Community ein. Das ist gut und wichtig.

Doch es gibt ein Aber: Die Etiketten erzählen eine andere Geschichte. Made in Bangladesch. Produced in Pakistan. Länder, in denen Homosexualität unterdrückt wird. Es kann gut sein, dass ein schwuler Mann in einer pakistanischen Fabrik sitzt und gerade ein Regenbogen-Shirt näht. Seine Sexualität muss er in seinem Heimatland aber verstecken, weil ihm sonst die Todesstrafe droht. An LGBTQ-Organisationen spenden und in homophoben Ländern produzieren? Ziemlich widersprüchlich. Das lässt einen an der Glaubwürdigkeit der Marken zweifeln. Besser wäre es, die Produktion in Länder zu verlegen, in denen jede Sexualität frei ausgelebt werden darf. Und es geht noch dreister: Einige Unternehmen stehen nicht hinter der Bewegung, machen damit aber trotzdem Geld. Das ist sogenanntes „Pinkwashing“. UPS macht das zum Beispiel. Der Paketdienst hat Wahlkampagnen von homophoben Politikern durch Spenden unterstützt, sich aber im Pride-Month trotzdem mit der Regenbogenflagge geschmückt.

Einen weiteren Aufreger lieferte „Skandalnudel“ Donald Trump. Er sprach sich schon mehrmals gegen eine gleichgeschlechtliche Ehe aus. Als Präsident erklärte Trump zum Beispiel, dass er nur Richter ernennen wolle, die Schwulen und Lesben das Ehe-Recht wieder entziehen. Im Juni fand sich in seinem Trump-Fanshop trotzdem ein buntes Pride-Shirt – natürlich mit seinem Slogan „Make America great again“. Diese Aktion ist typisch Trump: lächerlich. Wenn wir schon bei Nudeln sind: Auch Pastahersteller Barilla zeigte sich ziemlich tolerant mit einer Verpackung, auf der sich ein lesbisches Paar eine Spaghetti teilt. Blöd nur, dass der Chef des Unternehmens in einem Interview verriet, dass ihm homosexuelle Kunden egal seien und er nur traditionelle Familien unterstützen wolle. „Gays“ könnten gerne Nudeln einer anderen Firma essen. Unternehmen wie diese sollten sich mit einer Shame- statt mit einer Pride-Flagge schmücken.

Viele Regenbogen-Produkte ergeben auch keinen Sinn: Vodka, Marmelade, oder Mundspülung. Mit Kleidung kann man ein Statement setzen und so die Bewegung unterstützen. Doch der LGBTQ-Gemeinde bringt es wenig, wenn man sich mit einer bunten Mundspülung die Bakterien von der Zunge gurgelt. Sandra Asbeck, erste Vorsitzende des Jung und Gleich e.V. Regensburg, sieht das ähnlich: „Aufmerksamkeit von großen Unternehmen ist natürlich gut. Aber was wir fordern, sind gleiche Rechte und die können uns diese Produkte nicht geben.“

Alternative Paraden zu Mainstream-Demos

Auch viele Pride-Paraden ähneln mittlerweile mehr einem kommerziellen Faschingsumzug als einer politischen Demonstration. Manche Unternehmen nutzen die Paraden als Sponsoren für Werbezwecke aus. Mit bunten Wägen begleiten sie die Demonstranten – egal, ob sie wirklich hinter der Bewegung stehen oder nicht. In manchen Städten gibt es deshalb Alternativen zu den „Mainstream-Demos“ – ohne Sponsoren. Hier steht der politische Aspekt im Vordergrund.

Nicht nur bei Paraden oder in Shops präsentieren sich Unternehmen vermeintlich tolerant. Sie können sich bei Google mit dem Highlight „LGBTQ-freundlich“ ausstatten lassen. Heißt das, dass Transsexuelle vorher nicht dort einkaufen durften? Toleranz wird plötzlich zum Trend. Traurig. Denn eigentlich sollte sie Normalität sein.

Schließt Pride die Lücke zwischen Ostern und Halloween?

Was denkt die LGBTQ-Community über diesen Trend? „Ich fühle mich als schwule, stolze öffentliche Person irgendwie benutzt“, schreibt die Dragqueen Jurassica Parka in einem Kommentar auf dem Onlinemagazin ze.tt. „Wahrscheinlich sollen die ganzen Pride-Produkte eh nur die Lücke zwischen Ostern und Halloween schließen.“

René Mertens vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland sieht zwei Seiten: „Es ist wichtig und gut, dass auch Unternehmen sich öffentlich zur Akzeptanz der LGBTQ-Community bekennen. Es darf jedoch kein bloßes Lippenbekenntnis bleiben.“

Um Taylor Swifts Song nochmal aufzugreifen: Durch Hass wird niemand weniger schwul und mit Regenbogen-Mundspülung wird LGBTQ nicht normal. Normal wird es, wenn man jeden Menschen gleich behandelt.

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading