Lehrermedientag 2022 Was wir alle von der Schule lernen können

Referenten und Moderatorinnen des Lehrermedientags (von links): Sonja Ettengruber, Leiterin der Redaktion Freistunde der Mediengruppe Attenkofer, Dirk von Gehlen, Journalist und Leiter des Think Tank am SZ-Institut, Bob Blume, Gymnasiallehrer und Bildungsinfluencer und Joanna de Alencar Baban, BR-Redakteurin. Foto: Julius Peter/Mediaschool Bayern

Fitnessstudios der Demokratie: Als solche sieht Digital-Experte Dirk von Gehlen Schulen. Beim Lehrermedientag der bayerischen Zeitungen zeigt er, was Soziale Netzwerke und die Gesellschaft von ihnen lernen können.

Krieg, Inflation, Pandemie – das Gefühl der Überforderung ist gerade bei vielen Alltag. Dirk von Gehlen sieht darin sogar den „Standard unserer Zeit“. Doch Überforderung empfindet er nicht als Problem. Entscheidend ist für ihn: „Wir müssen lernen, damit umzugehen.“ Wie speziell Lehrkräften das in ihrem Alltag im Unterricht gelingt, zeigte der Journalist der Süddeutschen Zeitung beim Lehrermedientag der bayerischen Zeitungen. Von Gehlen war Hauptreferent bei der Fortbildungsveranstaltung am gestrigen Buß- und Bettag.

Wie im vergangenen Jahr wurde auch der sechste Lehrermedientag wieder als zentrale gemeinsame Veranstaltung der bayerischen Zeitungen live aus dem Studio der Mediaschool Bayern in München gestreamt. Über 500 Lehrerinnen und Lehrer informierten sich dabei über die Rolle der Medien in Gesellschaft und Schule vor dem Hintergrund der Digitalisierung. Sonja Ettengruber, Leiterin der Redaktion Freistunde der Mediengruppe Attenkofer, moderierte die Veranstaltung zusammen mit BR-Redakteurin Joanna de Alencar Baban.

Ebenfalls Referent beim Lehrermedientag 2022 war Bob Blume. Hier gibt er Tipps, wie Lehrer die Möglichkeiten des Internets im Unterricht nutzen können.

Von Gehlen machte schnell klar, wie er die Lage der Schule sieht. „Sie ist viel besser als ihr Ruf“, sagte er. „Wir tun gerne so, als seien wir abgeschlagen. Aber: Ich glaube, das stimmt nicht.“ Denn: Grundlegende Fähigkeiten des sozialen Miteinanders seien Bestandteil des Schullebens. Dort werde Demokratie gelehrt, erklärte er. „Im besten Sinn funktionieren Schulen als Fitnessstudios der Demokratie. Beides ist anstrengend. Aber erst dadurch lernen wir und werden besser.“

Das Privileg, seine Meinung ändern zu können

Anstrengend ist für von Gehlen etwa, sich mit anderen Meinungen zu beschäftigen. Doch diese Pluralität sei es, die eine Demokratie ausmache. „Meinung gibt es auch in autoritären Systemen“, erklärte der Journalist und Leiter des Think Tank am SZ-Institut. „Das größte Privileg der Demokratie ist es aber, dass wir unsere Meinung auch ändern dürfen.“ Dieser Prozess sollte ein viel besseres Image erhalten, forderte er. Und das kann in der Schule beginnen. „Hier lernen Schüler, Kompromisse zu schließen und mit Meinungen umzugehen, die ihnen nicht gefallen“, erklärte von Gehlen. Wir alle müssten uns nämlich klar machen, „dass es keine einfachen Antworten gibt“. Hybrides Denken sei gefragt, in dem es nicht nur Entweder-oder, sondern Sowohl-als-auch gebe. Diese Fähigkeit, andere Meinungen auszuhalten, können Schüler wie Lehrer gerade in Sozialen Netzwerken brauchen.

Hier plädierte der Digital-Experte dafür, nicht nur zu kritisieren, wie schlecht die Debattenkultur im Internet sei, sondern sich klarzumachen, dass diese nie fertig sei. „Es liegt an uns, sie zu gestalten.“ Ein Ansatz, wie das gelingen kann, ist für den Journalisten, Meinung von Menschen zu trennen. „Eine Meinung ist mittlerweile nicht mehr ein Vorschlag zur Gestaltung, sondern Ausdruck einer Persönlichkeit“, erklärte von Gehlen.

Das mache Kompromisse unmöglich. Denn jede Kritik werde persönlich genommen. Er empfiehlt, eine vermeintlich falsche Meinung nicht sofort abzulehnen, sondern nachzufragen. „Wer wissen will, wie sein Gegenüber zu dieser These gekommen ist, der zeigt, dass er Interesse am Thema hat. So gelangt man schnell auf eine ganz andere Ebene.“ Diese Debatten-Kultur könne man in der Schule lernen.

So lief der Lehrermedientag im vergangenen Jahr: Wissenschaftler Prof. Pörksen: „Medienerziehung ist als Schulfach überfällig“

Im anschließenden Gespräch mit Sonja Ettengruber erklärte der SZ-Autor, dass auch die Lektüre der Zeitung im besten Fall dazu führt, neue Perspektiven kennenzulernen. „Diese muss man nicht für richtig halten, aber sich mit ihnen beschäftigen und akzeptieren, dass es eben auch andere Meinungen gibt.“ Wer diese Kompetenz besitzt, könne Überforderung leichter bewältigen.

Aktiv in der digitalen Welt unterwegs sein

Zweiter Referent bei der Fortbildungsveranstaltung für Lehrkräfte war einer aus ihren Reihen: Bob Blume. Der Gymnasiallehrer und Bildungsinfluencer hat sich als Netzlehrer einen Namen gemacht. In Büchern, auf Social Media und in seinem Podcast kritisiert er offen, was ihn am System Schule stört, bietet aber auch Lösungen an. Seinen Kollegen empfahl er bei seinem Vortrag, die digitale Welt nicht mehr nur zu konsumieren, sondern aktiv daran teilzunehmen.

Der Lehrermedientag, der vom Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit und der Mediaschool Bayern ausgerichtet worden ist, ist ein wichtiger Baustein, den Tageszeitungsverlage im Rahmen ihrer Medienprojekte zur Medienkunde liefern. Hochkarätige Referenten erörtern bei der als Fortbildung anerkannten Veranstaltung jedes Jahr am unterrichtsfreien Buß- und Bettag Themen, die sich mit der Rolle der Medien beschäftigen. Darüber hinaus erhalten Lehrkräfte praktische Tipps für ihre tägliche Arbeit im Schulalltag. Mehr Infos zum Lehrermedientag gibt es unter www.lehrermedientag.de.

Den Livestream des Lehrermedientags zum Ansehen

 
 
 

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