Landwirtschaft Junge Landwirte schildern ihre Probleme

Landwirte haben oft mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Der Almöhi von der Milchverpackung, der unbeholfene Junggeselle bei „Bauer sucht Frau“, der Umweltzerstörer, dem Artenvielfalt egal ist. Zwischen diesen Extremen bewegen sich Landwirte heute. Hier kommen angehende Landwirte zu Wort und zeigen, wo sie Probleme sehen.

Echt jetzt, Bauer muss man lernen?“ Fragen wie diese begegnen jungen Landwirten oft. Das Bild eines Bauern wird in der Öffentlichkeit durch viele Klischees geprägt: Da ist der Almöhi, der, aufgedruckt auf Verpackungen, mit der Sense den Berghang mäht. Da ist der unbeholfene Junggeselle, der, auf der Suche nach der großen Liebe, seine Geschichte in „Bauer sucht Frau“ erzählt. Und da ist das Bild eines Umweltsünders und Tierquälers, das von Umwelt- und Tierschutzorganisationen geschaffen wird – egal, ob bewusst oder unbewusst. Zwischen diesen Extremen bewegen sich Landwirte heute. Und müssen sich rechtfertigen. Florian Stoiber, 21 Jahre, aus Oberpöring im Landkreis Deggendorf bringt es auf den Punkt: „Was haben der Bundestrainer und wir Landwirte gemeinsam? Wir haben 82 Millionen Co-Trainer, die besser wissen, wie es geht.“

Florian besucht, wie seine Landwirte-Kollegen oben, die Landwirtschaftsschule in Straubing. Das neue Schuljahr läuft seit dieser Woche. 43 junge Landwirte bereiten sich auf ihren Beruf vor. 20 von ihnen haben ihr letztes Schulsemester begonnen. Sie sind kurz vor dem Ziel: als Meister den Betrieb ihrer Eltern zu übernehmen. Und später, etwa in 30 Jahren, an die nächste Generation zu übergeben. Landwirte denken so. 30 Ernten haben sie Zeit. Eben eine Generation.

„Landwirt muss man lernen. Wie jeden anderen Beruf auch.“

Zurück zur Anfangsfrage und weg von Klischees. Landwirt ist vor allem eines: ein vielfältiger Beruf. Wissen in Tierhaltung und Ackerbau, Umgang mit der Natur, betriebswirtschaftliches Know-how, technisches Geschick – all das muss ein Landwirt heute können. Und dafür ist eine Ausbildung nötig. Franz-Xaver Engl, 22 Jahre, aus Gitting bei Hagelstadt im Landkreis Regensburg, fasst es zusammen: „Landwirt muss man lernen. Wie jeden anderen Beruf auch.“

Lernen bedeutet dabei eine dreijährige Ausbildung. Anschließend arbeiten die angehenden Landwirte ein Jahr auf einem Betrieb mit, um Erfahrung zu sammeln. Dann geht es für eineinhalb Jahre an die Landwirtschaftliche Fachschule. Dort bereiten sie sich auf die Meisterprüfung vor. Bis sie alle Teile davon abgelegt haben, dauert es nochmals fast ein Jahr.

Landwirt ist ein abwechslungsreicher Beruf. Aber auch ein aussterbender. 1960 gab es in Bayern gut 350 000 bäuerliche Betriebe. Seitdem haben rund 70 Prozent aufgegeben. Pro Jahr schließen etwa 1 000 Betriebe. Eine Überlebenschance hatten in der Vergangenheit vor allem die Höfe, die sich moderne Technik leisten konnten und damit effizienter und kostengünstiger produzieren konnten. Fast zwangsläufig wurden sie dabei immer größer, um die neue Technik ausnutzen zu können.

Wer am Anfang einer Ausbildung steht, fragt sich natürlich, ob der Beruf, den er da erlernt, Zukunft hat. „Die Zeit“ schrieb im Frühjahr: „Drohnen und Sensoren sollen im Namen des Umwelt- und Tierschutzes Feld und Stall überwachen, autonom gesteuerte Maschinen den Acker bestellen und Kühe füttern.“ Braucht es da noch den Landwirt?

Die Spielregeln ändern sich schnell, planen wird schwierig

Fest steht: Beim Umwelt-, Arten- und Klimaschutz ändern sich die Spielregeln immer schneller. Ihren Ärger über neue politische Vorgaben haben viele Landwirte diese Woche in Großstädten wie München gezeigt. Mit ihren Traktoren und großen Bannern protestierten sie in den Innenstädten. Aber die Landwirte stört auch die fehlende Planbarkeit für die Zukunft. Niemand kann derzeit verlässlich sagen, welche Anforderungen in Zukunft zum Beispiel an die Tierhaltung gestellt werden. Das Problem: Ein einmal gebauter Stall lässt sich nicht so leicht an veränderte Rahmenbedingungen anpassen.

Johannes Radspieler, 22 Jahre, aus Haidlfing bei Wallersdorf im Landkreis Dingolfing-Landau, sagt: „Wer blickt noch durch, wie es mit der Agrarpolitik weitergeht? Wie soll man da investieren und sich für Jahrzehnte festlegen? So lange dauert es, bis ein neuer Stall abbezahlt ist. Da helfen auch durchdachte Betriebskonzepte nichts.“

Eine weitere Herausforderung: Jeder will heute regional einkaufen. Aber kaum einer will dafür mehr bezahlen als beim Discounter. Die haben mittlerweile Eigenmarken und schaffen so eine Vielfalt im Sortiment – zu Preisen, die Landwirte nicht mitgehen können. Die Bauern werden zu austauschbaren Rohstoff-Lieferanten. Geiz ist geil – die angehenden Landwirte sehen sich immer öfter als Opfer dieses Mottos.

Ein Betrieb im Landkreis Straubing-Bogen bewirtschaftet im Schnitt 31 Hektar. Eine Fläche so groß wie gut 40 Fußballfelder. Die Unterschiede in den einzelnen Betrieben sind groß. Manche sind weniger als einen Hektar (knapp eineinhalb Fußballfelder) groß, manche über 1 000 Hektar (rund 1 400 Fußballfelder). Und jeder ist anders.

Während die eine Familie mit Angestellten mehrere hundert Hektar ökologisch bewirtschaftet, hat der benachbarte konventionelle Betrieb deutlich unter hundert Hektar. Sind beides noch bäuerliche Familienbetriebe?

Die Studierenden der Landwirtschaftsschule sehen sich nicht als Agrarindustrie. Aber das Klischee des bäuerlichen Betriebes, wie es oft dargestellt wird, entspricht auch nicht ihrem Selbstbild. Landwirtschaft hat viele Gesichter.

Technischer Fortschritt wird negativ gesehen: Warum?

Thomas Straßmeier, 20 Jahre, aus Eisenhart bei Mitterfels, sagt dazu: „Technischer Fortschritt wird in anderen Branchen positiv gesehen. Nur in der Landwirtschaft nicht. Warum eigentlich? Ich will, dass es meinen Tieren gut geht und dass ich gute Arbeitsbedingungen habe. Ein moderner Laufstall ist tiergerechter und im Melkstand kann ich rückenschonend melken.“

Die 20 angehenden Meister der Straubinger Landwirtschaftsschule sehen für sich eine Zukunft in der Landwirtschaft. Sie stehen mit ihren Betrieben für ein Miteinander. Für kleine, mittlere und größere Höfe. Für Ökobetriebe und konventionell wirtschaftende Betriebe. Für Vielfalt eben.

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