Landshut Wenn aus Flucht Zukunft wird: Schüler spüren der Geschichte einer jüdischen Familie nach

Sieglinde Sterbling, Sibel Kutlu und Celine Aschenbrenner (von links) sowie ihre Mitschüler des P-Seminars Geschichte/Ethik haben sich lange mit der Geschichte einer jüdischen Familie beschäftigt. Foto: Sonja Kirchensteiner

Mark und Karen Landor ist noch heute bewusst, welches Glück ihre Großeltern hatten. Sie flohen vor den Nazis. In England haben sie eine neue Heimat gefunden und wurden gut integriert. Ihr Großvater war Landshuter und ein angesehener Bürger in der Stadt. Und er war Jude. „Deshalb musste die Familie fliehen“, weiß Sieglinde Sterbling. Die 18-Jährige ist Schülerin des Hans-Leinberger-Gymnasiums in Landshut. Sie und ihre Mitschüler sind der Geschichte der Landshuter Familie Landauer im Rahmen eines P-Seminars nachgegangen. Sieglinde hatte dabei ein eindrucksvolles Erlebnis.

Die Flüchtlingskrise betrachten die Schüler vor dem Hintergrund dieser Geschichte mit ganz eigenen Augen. Für die Enkel der Landshuter Familie sei das, was vor und während des Zweiten Weltkriegs passiert ist, zwar kein großes Thema mehr. Dennoch sei ihnen bewusst, welches Glück sie hatten, dass die Großeltern in dem für sie fremden Land aufgenommen wurden, berichtet die 18-jährige Sieglinde. Die Schülerin konnte selbst mit Nachkommen von Richard und Edith Landauer sprechen. Bei einem Aufenthalt in England traf sie sich mit Karen und Mark Landor. Die Familie hat ihren Namen damals anglisiert. Sie hieß von da an nicht mehr Landauer, sondern Landor. Die Enkel finden es gut, dass man sich in Deutschland mit der NS-Zeit auseinandersetzt. „Dr. Richard Landauer soll ein Gentleman gewesen sein, der sehr an Deutschland hing. Es fiel ihm damals sehr schwer zu fliehen“, berichtet die 18-Jährige über das Gespräch mit den beiden.

Katrin Sonnleitner und Martina Schütz betreuten die Schüler des Hans-Leinberger-Gymnasiums bei diesem P-Seminar Geschichte/Ethik. Im Mai wird in der Altstadt ein Stolperstein verlegt, um an das Schicksal der Familie zu erinnern. „Stolpersteine“ ist ein europaweites Kunstprojekt, bei dem kleine Gedenktafeln in den Boden eingelassen werden, um dem Schicksal der Menschen zu gedenken, die während der NS-Zeit deportiert, verfolgt, ermordet, vertrieben oder in den Selbstmord getrieben wurden. Der Stolperstein für die Familien Landauer und Hirsch – die Schwiegereltern von Richard Landauer – wird vor dem Haus verlegt, in dem sich einst das Kaufhaus von Adolf Hirsch und später von Dr. Richard Landauer befand.

Für die Schüler wurde Geschichte in diesem Seminar spürbar und persönlich. Plötzlich gibt es Gesichter zu den historischen Fakten. So sichteten die Schüler beispielsweise ein Interview mit einem der Mitschüler von Stefan Landauer, dem Sohn von Richard und Edith Landauer. Dieser Mitschüler, der spätere Landshuter Kinderarzt Anton Mößmer, erinnerte sich noch an seinen damaligen Banknachbar, der ausgeschlossen wurde, was sich Anton zunächst nicht erklären konnte. Erst nach und nach wurde ihm klar, dass Stefan Jude war und deshalb gemieden wurde. Als der Mitschüler eines Tages nicht mehr zur Schule kam, erfuhr Anton nach und nach, dass die Familie nach London fliehen musste und was mit den zurückgebliebenen Großeltern passiert ist.

Eineinhalb Jahre Arbeit

Geschichten und Erinnerungen wie diese sowie viele historische Fakten rund um die Familien und den Nationalsozialismus in Landshut haben die Schüler des P-Seminars gesammelt. Eineinhalb Jahre haben sie sich mit dem Thema beschäftigt, im Stadtarchiv recherchiert und Fotos und Texte ausgewertet. Daraus entstand eine große Ausstellung, die laut den Schülern auch an andere Schulen verliehen werden kann. Wenn am 25. Mai der Stolperstein für die zwei jüdischen Familien Hirsch und Landauer in Landshut verlegt wird, ist die Ausstellung außerdem im Salzstadel zu sehen.

 

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