Idowa-Adventskalender (1) Ich habe Corona - ein Erfahrungsbericht

"Der Blick aus dem Fenster blieb während der Quarantäne mein einziger Kontakt nach draußen", sagt die 29-jährige Carmen Merckenschlager. Foto: Carmen Merckenschlager

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Carmen Merckenschlager ist seit vier Jahren Redakteurin für die Landshuter Abendzeitung. Die 30-Jährige war im Januar 2021 an Corona erkrankt. Sie hatte keinerlei Vorerkrankungen. Ihre persönliche Geschichte hat sie aufgeschrieben. Auf den Artikel bekam sie viele positive Rückmeldungen, aber auch negative.

Dass ich (30) irgendwann Corona bekommen würde, war für mich nur eine Frage der Zeit. Ich lebe in einer Wohngemeinschaft und meine beiden Mitbewohner bewegen sich von Berufs wegen her sozusagen an der pandemischen Frontlinie. Sie arbeiten als Lehrerin und Zugbegleiter.

2020 gab es immer mal wieder die Situation, dass einer der beiden mit Erkältungssymptomen nach Hause kam. Der Corona-Test gehörte fast schon zum Tagesablauf, das Ergebnis war jedes Mal negativ.

Der hat sich nur verkühlt

Bis kurz nach Silvester. Als mein Mitbewohner am 3. Januar die ersten Symptome einer Erkältung zeigt, sind wir uns sicher: Der hat sich nur verkühlt.

Wie 2020 auch so oft. Zwei Tage später ist auch meine Mitbewohnerin krank.

"Hey Leute … bin positiv"

Ich koche Tee, halte mich so gut es geht von beiden fern. Nach drei Tagen mit meinen Patienten zu Hause friere ich, habe Rückenschmerzen. Der eiserne Wille, gesund zu bleiben: Ob sich der noch aufrechterhalten lässt?

Mein Mitbewohner lässt sich testen; mit positivem Ergebnis am 7. Januar. "Hey Leute … bin positiv", schreibt er in unsere WG-WhatsApp-Gruppe um acht Uhr morgens. Er hat das Ergebnis kurz vorher über die Corona-App erfahren.

Mitbewohnerin beginnt zu weinen

Meine Mitbewohnerin beginnt zu weinen, sie hat eine Prüfung in den nächsten Wochen, fühlt sich hilflos. Ich bleibe stoisch, melde mich bei der Arbeit krank.

Die Devise: so gut wie möglich da durchkommen. Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten checken, Testtermin vereinbaren, Ruhe bewahren.

"Sie bleiben zu Hause und trinken Tee"

Wir rufen beim Gesundheitsamt an und schildern die Situation. Ein Mitbewohner positiv getestet, die beiden anderen Bewohner haben Symptome: "Da bleiben Sie jetzt zu Hause in Quarantäne und wir melden uns", sagt die Mitarbeiterin.

Ob wir uns testen lassen sollen? "Nein, Sie bleiben zu Hause und trinken Tee. Gegen Corona gibt es nämlich kein Medikament", rät die Frau von offizieller Stelle weiter.

Wieso wird nicht zu einem Test geraten?

Nach dem Telefonat sind wir ratlos. Dass wir Tee trinken sollen, mag ein nett gemeinter Rat sein; kompetent beraten fühlen wir uns nicht. Und wieso wird uns nicht zu einem Test geraten?

Der erste Tag nach der Corona-Nachricht ist voller Fragen und Unsicherheiten. Meine Mitbewohnerin telefoniert mit einer Freundin, die zeitweise beim Gesundheitsamt ausgeholfen hat.

"Lasst euch unbedingt testen, allein schon wegen der Statistik. Und so habt ihr Gewissheit", sagt die.

Auch hier wieder Ungewissheit

Also vereinbaren meine Mitbewohnerin und ich einen Testtermin. Außerdem melde ich mich bei einer Freundin, die Silvester zu Besuch war.

Auch sie könnte sich angesteckt haben. Auch hier wieder Ungewissheit: Sie begibt sich in Selbstquarantäne, macht einen Test.

Ein bisschen hoffe ich, dass es nur ein dummer Zufall ist Wir fahren zur Teststation. Es ist unkompliziert, die Mitarbeiter dort haben gute Laune, was für unsere erkälteten Gemüter nicht das Schlechteste ist.

Ein bisschen habe ich immer noch die Hoffnung, dass es nur ein dummer Zufall ist, ich negativ getestet werde und sich alles in Wohlgefallen auflöst. Denn so schlecht geht es mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

"Gute Besserung, das Tiramisu geht aufs Haus"

Als WG machen wir einen Plan: Was essen? Wie miteinander umgehen? Wie die Moral hochhalten? Die Aussicht auf zehn lange Tage Quarantäne zusammen auf 100 Quadratmetern beunruhigt mich.

Als wir beim Italiener Essen bestellen und darum bitten, alles vor der Haustür abzustellen, legt uns der Lieferservice Gummibärchen und ein kostenloses Dessert bei. Obenauf ein Zettel: "Gute Besserung, das Tiramisu geht aufs Haus", steht darauf.

Nachbarn stellen Kuchen vor die Tür

Unsere Nachbarn stellen uns Kuchen vor die Tür, bieten uns Hilfe an. Überhaupt kommt von Familie und Freunden sofort das Angebot, für uns einkaufen zu gehen.

Es beruhigt mich, zu wissen, dass sich Menschen um einen sorgen. Das Schlimme daran ist nur: Man ist auf diese Hilfe angewiesen. Für mich als gesunde junge Frau, die nie eingeschränkt war, ist es eine ganz neue Erfahrung, abhängig von anderen zu sein.

"Sie sind positiv!"

Einen Tag nach dem Test bekommen auch meine Mitbewohnerin und ich unser Ergebnis über die Corona-App. Dunkelrot hinterlegt steht da: "Sie sind positiv!", es folgen Verhaltensregeln und Tipps für die Quarantäne.

Der Moment der Gewissheit war seltsam. Rational war mir vorher klar, dass ich mich angesteckt habe. Aber plötzlich zu erfahren, dass es mich erwischt hat, dieses ominöse Virus, das seit fast einem Jahr täglich die Nachrichten beherrscht, lässt mich fortan grübeln: "Werde ich wieder ganz gesund?", "Bleibt der Verlauf so milde?", "Wie lange kann ich jemanden anstecken?".

Symptome werden eher schlechter

Am gleichen Tag wird mein Mitbewohner das erste Mal vom Gesundheitsamt kontaktiert. Er sei positiv, müsse in Quarantäne und eine Kontaktliste erstellen. Er weiß das natürlich schon über die App.

Bei mir werden die Symptome eher schlechter als leichter. Mir brummt der Kopf, ich fühle mich abgeschlagen, habe ziemlich starke Gliederschmerzen.

Ich wandere vom Bett zur Couch und wieder zurück. Trotzdem vergehen die Tage schnell.

Zahlendreher in der Telefonnummer

Am Montag ruft mich schließlich auch das Gesundheitsamt an. Ich sei positiv. Das weiß ich zu diesem Zeitpunkt seit zwei Tagen.

Man habe Probleme gehabt, mich zu erreichen, weil meine angegebene Nummer falsch gewesen sei. An der Teststation war die Nummer noch korrekt, die hat mich nämlich kontaktiert.

Auf dem Weg zwischen Testzentrum und Gesundheitsamt hat sich allerdings ein Zahlendreher eingeschlichen. Durch das Internet sei der Mitarbeiter vom Gesundheitsamt schließlich an meine Nummer gekommen.

Quarantäne bis 18. April?!

Nun muss ich meine Kontaktliste einschicken. Darauf stehen meine Mitbewohner und ich.

Außerdem bekomme ich eine Mail mit den Daten meiner Quarantäne. Ab Symptombeginn muss ich zehn Tage daheim bleiben.

Auch meine Mitbewohnerin bekommt diese Mail. Bei ihr steht: Quarantäne bis 18. April. Ein Tippfehler, der sich mit einem Anruf klären lässt - ein Fehler ist es trotzdem.

"Kennen Sie Herrn S.?"

Am Nachmittag ruft das Gesundheitsamt wieder bei meiner Mitbewohnerin, dann bei mir an. "Frau Merckenschlager, Sie wurden als Kontaktperson eins eingestuft, kennen Sie Herrn S.?"

Das ist mein Mitbewohner, erkläre ich. Ich wisse Bescheid, sei mittlerweile selbst positiv und offiziell in Quarantäne.

"Da sehen Sie mal, wie schnell wir sind"

"Da sehen Sie mal, wie schnell wir sind", sagt der Mann vom Gesundheitsamt. Fast muss ich trotz starker Gliederschmerzen lachen: Ich musste für den Test selbst aktiv werden, außer dem Tee-Tipp hat sich das Gesundheitsamt erst am fünften Tag nach dem positiven Test meines Mitbewohners gemeldet.

Ob das schnell ist? Fraglich.

Ich kann einen Apfel nicht mehr von einer Zwiebel unterscheiden Sechs Tage nach meinen ersten Symptomen fühle ich mich wieder ein wenig gesünder. Allerdings hat sich über Nacht mein Geruchs- und Geschmackssinn verabschiedet.

Ich kann einen Apfel nicht mehr von einer Zwiebel unterscheiden. Nur Senf kann ich noch etwas schmecken.

Brötchen mit Senf

Das ist erst mal unterhaltsam, aber gleichzeitig sehr frustrierend. Ich kann nicht mehr beurteilen, ob der zwei Tage abgelaufene Joghurt noch genießbar ist. Würde es brennen in der Wohnung, ich könnte den Rauch nicht riechen.

Weil ich beim Duschen das Shampoo nicht rieche, bin ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt sauber werde. Statt bestellter Pizza gibt es Brötchen mit Senf.

Auch nach drei Wochen nicht fit

Dafür geht es mir körperlich jeden Tag besser. Nach rund eineinhalb Wochen bin ich so weit auf den Beinen, dass ich arbeiten kann. Ich freue mich darauf.

Trotzdem bin ich auch jetzt, rund drei Wochen nach den ersten Symptomen, noch nicht wieder ganz fit. Ich bin kurzatmig, habe wenig Kraft.

Der Geschmackssinn scheint langsam wieder etwas besser zu werden. Trotzdem ist das alles kein Vergleich zu den Tagen vor Corona. Was außerdem seltsam ist: Seit ein paar Tagen habe ich permanent den Geruch von ungewaschenen Füßen in der Nase.

Sorgen wegen der Langzeitfolgen

Noch tröste ich mich mit dem Gedanken: Nach einer Grippe dauert es ebenfalls, bis man wieder richtig auf den Beinen ist. Aber mit jedem Tag, der vergeht, den ich nicht komplett durchatmen kann, werde ich besorgter: Was ist mit Langzeitfolgen?

Werde ich je wieder einen Apfel so schmecken können wie zuvor? Werde ich wieder richtig beim Kochen abschmecken können und kann ich je wieder voll durchschnaufen und meinem Hobby, dem Tanzen, nachgehen?

Krankheit mit vielen Unbekannten

An manchen Tagen fühle ich mich, als hätte ich einen saftigen Kater; als hätte ich die Nacht durchgefeiert und ordentlich Alkohol getrunken. Ich bin dann leicht zittrig, gähne permanent und bin gefühlt etwas langsam im Kopf.

Noch bin ich zuversichtlich, dass sich das in ein bis zwei Wochen gibt. Wissen kann ich es aber nicht, und so bleibt Corona für mich eine Krankheit mit vielen Unbekannten.

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