Gastbeitrag Christian Bernreiter: "Leid verhindern"

Der Deggendorfer Landrat Christian Bernreiter (CSU) ist einer der führenden Verfechter der gesteuerten Flutpolder. Foto: pk

Ein Gastbeitrag von Christian Bernreiter

Öffentliche Aufreger sind bekanntlich kurzlebig, denn man vergisst schnell, sofern man nicht unmittelbar betroffen ist. Wir aber waren und sind betroffen von der Hochwasserkatastrophe im Juni 2013, die Teile des Landkreises Deggendorf schwer heimsuchte. Die Bilder des überfluteten Ortsteils Fischerdorf gingen durch die Republik. Der Schaden belief sich auf mehr als 500 Millionen Euro.

Bei Betroffenen hat sich die Katastrophe tief eingegraben in Gedächtnis und Seele. Bei mehr als zwei Regentagen bekommen noch heute viele Menschen Gänsehaut.

Und daher heißt es bei uns: NIE WIEDER ein solches Trauma!

Seit 2013 wird durch Land und Bund massiv in den Hochwasserschutz investiert. Bis der Grundschutz vor einem 100-jährlichen Hochwasser steht, vergehen aber noch einige Jahre. Darum drängen wir massiv darauf, dass die notwendigen Verfahren abgeschlossen werden. Überfällig ist der Planfeststellungsbeschluss für den ersten Abschnitt Straubing-Deggendorf. Wir brauchen aber ebenso schnell den Planfeststellungsbeschluss für den zweiten Bauabschnitt von Deggendorf bis Vilshofen, der für 2022 anvisiert ist. Und dann muss noch alles gebaut werden.

Wir werden also noch bis zur zweiten Hälfte des kommenden Jahrzehnts mit einem nicht gesicherten HW100-Schutz plus einem Meter Freibord leben müssen. Für viele Orte bedeutet das Baustopp und Entwicklungsstopp für viele Jahre. Dabei brauchen wir dringend Wohnraum und die Innenentwicklung unserer Donaugemeinden.

Heftige Wetterkapriolen

Zusätzlich zum HW-100-Schutz müssen wir uns für außergewöhnliche Hochwasserereignisse rüsten. Denn sie werden uns wegen des Klimawandels und heftiger Wetterkapriolen mit hoher Sicherheit heimsuchen. Das ist eine Frage der Zeit.

Das mussten auch die Menschen 1501 erleben, als die Donau den bisherigen Rekordhochstand erreichte, wie am Passauer Rathaus abzulesen ist. Man bedenke, dass vor 500 Jahren die Donau nicht eingedeicht war, kaum Versiegelung vorhanden war und die Bäche und Flüsse ihren natürlichen Lauf hatten.

Alle in einem Boot

Für solche extremen Ereignisse brauchen wir Vorsorge durch Rückhaltemöglichkeiten in großem Stil, nämlich die Polder als Kette an der Donau. Denn dann zählt jeder Kubikmeter Rückhalteraum. Zusätzlich zum Polder begrüßen wir die jetzt ins Gespräch gebrachten weiteren Rückhaltemaßnahmen an Seitenzuflüssen und auch in bewohnten Gebieten. Versickern möglichst an Ort und Stelle ist das zentrale Gebot der Stunde.

Hochwasserschutz geht nur durch Zusammenhalt und Solidarität! Da sind alle gefordert - die Unter- und die Oberlieger. Ein Sankt-Florians-Prinzip oder kleinteilige Kirchturmpolitik hilft nicht weiter. Wirksamer Hochwasserschutz geht nur im Verbund und fairen Austausch.

Großprojekte von dieser Dimension führen natürlich zu Belastungen. Dass es jedoch machbar ist, zeigt der Polder Steinkirchen in meinem Landkreis. Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir mit dem inzwischen fast realisierten Polder mit Vernunft und akzeptablen Hilfestellungen bayernweit Zeichen setzen konnten. Was in Steinkirchen möglich war aus den bitteren Erfahrungen und im solidarischen Geist, ist auch anderswo machbar. Denn auch in Steinkirchen sorgten sich die Menschen um die Grundwasserproblematik, sind durch massiven Kiesabbau und durch Donaudämme unmittelbar hinter den Siedlungen schwer belastet.

Wir finden, dass die Nutzung flutbarer Flächen in Notfällen - statistisch gesehen alle paar hundert Jahre - zur Verhinderung von viel Leid und großen Schäden zumutbar ist. Wir sitzen alle in einem Boot. Und wir schaffen es nur gemeinsam: mit Vernunft und Kompetenz, im Verbund mit Wissenschaft, den Menschen vor Ort, den Kommunen sowie mit Bund und Freistaat Bayern.

 

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