Labour-Spitzenkandidat Jeremy Corbyn: Neuer Robin Hood oder gefährlicher Zauderer?

Jeremy Corbyn ist in seiner eigenen Partei nicht unumstritten - es geht um den Vorwurf des Antisemitismus. Foto: Joe Giddens/PA Wire/dpa/dpa

London - "Oh, Jeremy Corbyn!" - noch vor zwei Jahren schallte dem britischen Labour-Chef der eigene Name zehntausendfach entgegen beim Glastonbury-Festival, einer Art Woodstock im Südwesten Englands. Corbyn wurde gefeiert wie ein Rockstar.

Bei der Wahl kurz davor hatte er den Konservativen mehr als zwei Dutzend Mandate abgejagt und sie in eine Minderheitsregierung gezwungen. Nun wird wieder gewählt.

Der prinzipientreue Corbyn arbeitete für Gewerkschaften, bevor er in die Politik ging. Dem Unterhaus gehört er schon seit 1983 an. Zeitweise galt der 70 Jahre alte Corbyn als eine Art moderner Robin Hood, der es von den Reichen nehmen will, um es den Armen zu geben. Die Begeisterung für den Altlinken scheint aber weitgehend abgeebbt. Das könnte an der lange unklaren Haltung Corbyns zum Brexit liegen. Beim Brexit-Referendum 2016 sprach sich Corbyn zwar für den Verbleib in der Europäischen Union aus, er war aber immer Europaskeptiker.

Der Labour-Chef will bei einem Wahlsieg erneut mit Brüssel verhandeln; dieses Mal soll aber eine engere Bindung an die EU vereinbart werden. Beispielsweise spricht sich Corbyn für eine Mitgliedschaft in der europäischen Zollunion aus. Er will das Land auch eng an den Binnenmarkt binden. Diesen Deal will er dann innerhalb von sechs Monaten den Briten in einem zweiten Referendum vorlegen. Die Alternative wäre, in der EU zu bleiben. Corbyn will dabei "eine neutrale Position" einnehmen, ließ er vor Kurzem wissen.

Wichtiger als der Brexit sind ihm aber ohnehin soziale Themen wie die Wohnungsnot, das marode Gesundheitssystem und die Bildung. Zu seinen umstrittensten Plänen gehört die Verstaatlichung verschiedener Bereiche der Grundversorgung - etwa die Energie- und Wassernetze sowie Post und Eisenbahn. Unternehmerverbände laufen Sturm dagegen.

Corbyns größtes Problem sind aber die Antisemitismus-Vorwürfe gegen seine Partei und teils gegen ihn selbst. Der 70-Jährige macht sich seit Langem für die Interessen der Palästinenser stark - einseitig, wie Kritiker finden. Zudem wird ihm vorgeworfen, nicht entschieden genug gegen antisemitische Auswüchse bei Labour vorzugehen.

 

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