Freischreiben Eine mehrteilige Geschichte: „Grüße von mir“ von Magdalena Wutz

Magdalena kommt aus Rattenberg im Landkreis Straubing-Bogen. Foto: privat

Sommerferien = Zeit zum Lesen! Deshalb erscheint im August die vierteilige Geschichte „Grüße von mir“ von Magdalena Wutz jeden Freitag in der Freistunde und immer am Dienstag danach hier auf idowa.

Die Tür fällt hinter mir ins Schloss, während ich die Tüten und meinen gesamten Krempel in die Wohnung bugsiere. Beim Versuch, meine Stiefel auszuziehen, stolpere ich und der Autoschlüssel fliegt in hohem Bogen durch die Luft. Ich fluche und versuche, ihn mit dem Schienbein abzufangen, um ihn auf die Kommode zu schießen, doch es gelingt mir nicht. Der Autoschlüssel landet hinter dem kleinen Schrank. Ich fluche erneut und steige umständlich aus meinen Stiefeln.

Dann schlurfe ich in mein Zimmer, deponiere die Tüten in der Ecke und stapfe in die Küche. Dabei werfe ich einen schnellen Blick unter den Schrank. Der Schlüssel liegt an der Sockelleiste. Okay, jetzt brauche ich definitiv Alkohol. Ich reiße den Kühlschrank auf und ziehe eine Grimasse. Nur Wodka. Egal. Ich schenke ihn in ein Glas und nehme den ersten Schluck. Die Flüssigkeit rinnt meine Kehle hinunter und ich habe das Gefühl, sie würde mir die Speiseröhre wegätzen. Himmel, was ist das für ein aggressives Zeug?

Ich ziehe meine Zehen zu mir und huste so stark, dass es mir Tränen in die Augen treibt. Okay, ich brauche Saft. Viel Saft. Abwechselnd schütte ich Orangen- und Apfelsaft in das Glas mit dem Wodka. Doch die Mischung schmeckt noch grauenhafter als der pure Alkohol. Angewidert kippe ich das Gebräu ins Spülbecken und pfeffere das Glas in die Spülmaschine, während sich der bittersüße Nachgeschmack des Getränks an meinen Lippen bemerkbar macht. Ich verziehe das Gesicht. „Ekelhaft!“, sage ich. „Süß.“

Die Stimme lässt mich zusammenzucken. Ich spüre sie direkt hinter mir und schließe kurz die Augen, weil ich den warmen Atem in meinem Nacken wahrnehme, was mir Gänsehaut bereitet. Als er sich grinsend vor mich schiebt, um sich einen Schluck Wodka einzuschenken, bedecke ich meinen Nacken mit den Händen und hoffe, dass er meine Gänsehaut nicht bemerkt hat. Oh Gott im Himmel, das wäre wirklich peinlich. „Du bist schon zu Hause?! Hab ich gar nicht bemerkt“, sage ich und bemühe mich, meine Nervosität zu überdecken. „Im Gegensatz zu meiner absolut liebenswerten Mitbewohnerin trample ich auch nicht wie eine ganze Herde Elefanten durch die Wohnung.“ Ich habe das Bedürfnis, laut zu schreien, ein Lied rückwärts zu singen oder das Honigglas, das neben der Spüle steht, an die Wand zu schleudern. Himmel, ich muss irgendetwas tun. Mir wird heiß.

Ich habe nicht gewusst, dass ein einziges Adjektiv – dieses wunderbare „süß“ – eine derart starke Wirkung auf mich haben könnte, dass es mich völlig aus der Bahn wirft. Ich versuche, mir die Wirkung seiner Worte nicht anmerken zu lassen, und kippe ihm etwas von dem Wodka, den er sich eingeschenkt hat, ins Gesicht. „Das ist für die Elefanten“, sage ich und funkle ihn wütend an. Er blinzelt verwirrt, dann huscht das dämliche Grinsen über sein Gesicht, das ich so mag. Dafür hätte ich ihm am liebsten noch etwas ins Gesicht gekippt.

Er wischt sich mit dem Ärmel übers Gesicht und ich frage mich, ob er weiß, dass Saft grässliche Flecken auf Klamotten hinterlässt. Doch als ich seinen neckenden Blick bemerke, habe ich die Flecken vergessen. Es ist, als ob mich eine Feder am Bauch kitzeln würde. Ich schmelze dahin und hätte am liebsten in diesem Gefühl gebadet. Er trinkt den restlichen Alkohol in einem Zug. „Gesehen?“ Er sieht mich mit seinem dämlichen Grinsen an. Hmm, habe ich. Fast hätte ich gelächelt, doch dann verschränke ich die Arme vor der Brust. „Trottel!“ Ich drehe mich um und stürme aus der Küche.

Vor der Türe renne ich gegen den Karton mit seinen Medizin-Fachbüchern, kann mich im letzten Moment noch abfangen, doch dann stolpere ich über meine Füße, die sich unglücklich ineinander verhakt haben. Ich fluche und knalle auf die harten Fliesen. Einen Moment bleibt mir die Luft weg, weil mir der Schmerz des Aufpralls durch die Lunge schießt. Verflucht.

Ich hebe meinen Kopf und öffne ein Auge. Vor mir liegen unzählige Fachbücher auf dem Boden. Ich öffne das zweite Auge. Noch mehr Bücher und das samtige Gefühl von Staub auf meiner Zunge. Ich drehe meinen Kopf und sobald ich ihn sehe, verenge ich meine Augen. „Räum endlich den Krempel hier weg!“, brülle ich und werfe eines seiner Bücher in den Karton. „Anatomie des Menschen.“ Ich kann es nicht mehr sehen. Vorsichtig setze ich mich auf und reibe mir mein Handgelenk. „Alles in Ordnung?“, fragt er und geht neben mir in die Hocke. Sein dämliches Grinsen ist verschwunden. Stattdessen hat sein Gesicht besorgte Züge angenommen. „Ja, geht schon“, murmle ich, als ich realisiere, dass er mir beim Aufstehen hilft und seine warmen Finger auf meiner Haut ruhen.

Ich habe das Gefühl, meine Haut beginnt zu prickeln, als sein Mund auf der Höhe meines Ohrs anhält. „Fluch nochmal! Das ist richtig süß“, erklärt er. Der. Typ. Ist. So. Bescheuert. Ich ignoriere ihn, laufe den Flur entlang und drücke die Türklinke meines Zimmers hinunter. „Trottel“, rufe ich betont laut, als ich die Tür hinter mir zuknalle, mir die Kopfhörer in die Ohren stöpsle und in eine Jogginghose und ein ausgeleiertes T-Shirt schlüpfe.

Gedankenverloren kuschle ich mich in eine Decke und rufe die Erinnerung in mir wach, als er mir beim Aufstehen geholfen hat und seine Finger meine Haut berührt haben. Ein wohliger Schauder huscht durch meinen Magen und ich verziehe meine Lippen zu einem Lächeln. Gott, ich mag ihn. Viel mehr als ich zugebe. Sein dämliches Grinsen, seine Art … Ich nehme die Kopfhörer aus den Ohren, greife zu einem Notizzettel und kritzle darauf: „Ich mag ihn. Ich mag diesen Trottel. Es ist dämlich, aber es ist so. Es ist genauso dämlich wie sein Grinsen.“ Ich werfe den Zettel und den Stift mit einer geschickten Bewegung auf meinen Schreibtisch und gehe in den Flur. Dort versuche ich, meinen Autoschlüssel unter dem kleinen Schrank hervorzuholen. Ich stoße zweimal mit dem Kopf gegen das Möbelstück, woraufhin ich laut fluche, doch dann kann ich den Schlüssel greifen. Zufrieden lege ich ihn in das Schälchen mit den anderen Schlüsseln und gehe in die Küche, um im Kühlschrank nach etwas Essbarem zu suchen. Hinter der Margarine entdecke ich eine Pralinenschachtel. Die Folie ist bereits abgenommen. Dafür klebt auf der Verpackung ein Zettel, auf dem „Grüße von mir“ steht. Ich lächle. Er hat mir Pralinen gekauft und sich gemerkt, dass ich sie am liebsten gekühlt esse. Ein warmes Gefühl rauscht durch meine Adern, als die Erkenntnis in meinem Herzen ankommt. Ich schmelze dahin wie Schokolade im Wasserbad. Lächelnd ziehe ich die Schachtel hervor und öffne sie.

Oh man. Ich fluche. Er hat nur die Pralinen in der Packung gelassen, die ich nicht mag. „Trottel“, murmle ich. Ich hätte mir denken können, dass die Sache einen Haken hat, wenn er mir freiwillig Pralinen kauft. In diesem Moment bemerke ich, dass er am Türrahmen lehnt. Sein dämliches Grinsen flammt auf, als er die Pralinenschachtel sieht. Ich will aus der Küche gehen und ihn ignorieren, doch da fällt mein Blick auf den Notizzettel, den er in der linken Hand hält. Rechts umklammern seine Finger die Schachtel eines Brettspiels. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Langsam fügen sich die Puzzleteile ineinander. Er ist in mein Zimmer gegangen, um mich zu einer Partie einzuladen und … Verdammt. Er hat den Zettel gefunden.

Er faltet das kleine Papier auf und grinst sein dämliches Grinsen. Mein Mund wird trocken, als ich meine Schrift auf dem Zettel erkenne. Es ist mein Zettel. Irgendwie habe ich gehofft, es könnte doch ein anderer sein. Ich will ihm das Papier aus der Hand reißen, doch er ist schneller und schiebt es in seine Hosentasche. Bevor ich „Gib her, das ist privat!“ rufen kann, sagt er: „Ich mag sie. Ich mag meine trampelnde Mitbewohnerin. Es ist dämlich, aber es ist so. Es ist genauso dämlich wie ihre wunderbaren Flüche.“

Da! Da ist wieder so ein schönes Adjektiv. Wunderbar. Liebenswert. Ich hoffe, er erweitert die Liste. Ich würde alle Wörter lieben. Eine wohlige Wärme breitet sich um mein Herz herum aus und durchströmt mich vollends, als seine Lippen auf meinen liegen.

Fortsetzung folgt...

 
 

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