Kulturwissenschaftler im Interview "Die Rassismus-Debatte geht mir zu weit"

Auch Mohren-Apotheken sind wegen ihres Namens seit geraumer Zeit in Deutschland umstritten. Der Grund: Rassismus-Verdacht. Dem Regensburger Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Gunther Hirschfelder geht das jedoch eindeutig zu weit. (Symbolbild) Foto: imago images/Hanke

Im idowa-Interview spricht Prof. Dr. Gunther Hirschfelder über den Wandel in der Gesellschaft, vermeintlich „soziale“ Netzwerke und wie er unter anderem die Rassismus-Debatte einordnet. Er ist Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg.

Die täglichen Grabenkämpfe auf Facebook und Co. gehören längst zum Alltagsbild. Links gegen Rechts, „Gutbürger“ gegen „Wutbürger“ und irgendwann jeder gegen jeden. Von der Flüchtlingspolitik über Greta Thunberg bis hin zur Corona-Krise: Reizthemen gibt es viele. Und damit einhergehend viele Meinungen, die auf noch mehr vermeintlichen Fakten basieren. Ist da noch Platz für einen zielführenden Diskurs oder geht es vielmehr nur noch um die Frage „Wer hat Recht?“

Herr Prof. Dr. Hirschfelder, wie sozial sind denn die Sozialen Medien tatsächlich?

Prof. Dr. Gunther Hirschfelder: Die Sozialen Medien sind natürlich nicht sozial. Für uns Kinder der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland bedeutet der Begriff ja, auf Ausgleich bedacht zu sein. Ein faires Miteinander also, anstatt ein Gegeneinander. Und das können die Sozialen Netzwerke natürlich nicht sein, weil sie kommerziell betrieben werden. Das Ziel dabei ist aber nicht eine bessere Gesellschaft, sondern Geld zu verdienen.

Obwohl ja auch auf Facebook und Co. Menschen weltweit gewissermaßen zusammengebracht werden…

Prof. Dr. Hirschfelder: Innerhalb der Sozialen Netzwerke mag das natürlich zutreffen, aber durch den Monopolcharakter einzelner Sozialer Netzwerke haben wir zwangsläufig die Situation, dass es immer Menschen innerhalb und außerhalb dieser Plattformen gibt. Wir Kulturwissenschaftler nennen dieses Prinzip Inklusion durch Exklusion. Insofern haben Soziale Netzwerke nicht nur einen verbindenden Charakter, sondern vielleicht sogar noch stärker einen trennenden Charakter.

"Soziale Netzwerke stellen keinen realistischen Querschnitt unserer Gesellschaft dar"

Würden Sie sagen, dass die Sozialen Netzwerke einen realistischen Querschnitt unserer Gesellschaft darstellen?

Prof. Dr. Hirschfelder: Nein, das tun sie sicherlich nicht. Dazu müsste man erst einmal auch genauer betrachten, was unsere heutige Gesellschaft eigentlich ist.

Wie würden Sie unsere Gesellschaft denn definieren?

Prof. Dr. Hirschfelder: Wir hatten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Leitmotiv einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Darin waren die Lohnunterschiede nicht zu markant und da hatten wir so etwas wie eine gesellschaftliche Mitte. Daraus resultierte auch der Begriff vom „Otto-Normal-Verbraucher“. Diese Zeit ist jedoch endgültig vorbei. Mittlerweile leben wir in einer Lebensstilgesellschaft, in der sich die verschiedenen verszenten Lebensspiegel zunehmend voneinander entfernen.

Und diese entstandene Kluft spiegelt sich nun in den Sozialen Medien wider?

Prof. Dr. Hirschfelder: Ja, das kann man so formulieren. Wir haben durch diese Sozialen Netzwerke einfach einen extrem trennenden Charakter. Die dort geführten Diskussionen sind voluminös und haben oft gar keine kommunikative Schnittmenge mit anderen gesellschaftlichen Gruppierungen.

+++ Warum in den Sozialen Netzwerken kaum noch ein wirklicher Dialog möglich ist, lesen Sie auf der nächsten Seite. +++

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