Kulturwissenschaftler im Interview Selbstbestätigung statt Dialog im Internet

Nun sind ja Begleiterscheinungen wie Hetze, „Hate-Speech“, Sensationsgier und mangelndes Mitgefühl mittlerweile weit verbreitete Phänomene im Internet. Gab es das Ihrer Ansicht nach in Zeiten vor Social Media auch schon in diesem Ausmaß? Ich denke da beispielsweise an die obligatorischen Stammtischrunden im Wirtshaus, wie man sie früher ja noch kannte.

Prof. Dr. Hirschfelder: Im analogen Zeitalter haben Menschen stärker miteinander gesprochen und der Stammtisch ist dabei im Idealfall eine Institution, wo Leute sich zwar über Inhalte streiten, aber eben nicht komplett zerstreiten. Wohingegen wir im Bereich Social Media häufig die Situation haben, dass sich dort Menschen bewegen, um Bestätigung für ihre Meinung zu bekommen. Sobald dort aber jemand anderer Meinung ist, löst das bei ihnen Aggressionen aus. Ich denke da zum Beispiel an Themen wie Tierhaltung oder Veganismus, wo kaum ein Dialog stattfindet, sondern hauptsächlich Anfeindungen.

Im Internet auf der Suche nach Selbstbestätigung

Demnach geht es primär eigentlich gar nicht mehr um einen Dialog?

Prof. Dr. Hirschfelder: Wenn man sich bestimmte Plattformen im Internet ansieht, dann merkt man, dass sich dort viele lediglich in ihren Meinungen bestärken wollen. Sie bilden eine Art Filterblase. Und als Resultat dieser permanenten Selbstbestätigungen werden die Menschen zunehmend weniger offen für einen Dialog.

Aber sind verschiedene Meinungen nicht eigentlich die Quintessenz einer funktionierenden Gesellschaft?

Prof. Dr. Hirschfelder: Unsere Gesellschaft lebt davon, dass wir mündige Bürger haben, die eigene Meinungen haben. Aber Meinung entsteht eben nur im Dialog. Und auf vielen Social Media-Plattformen findet kein Dialog statt, sondern meist nur noch ein Monolog.

Geht es dabei also vorwiegend um Selbstverwirklichung?

Prof. Dr. Hirschfelder: Naja, Äußerungen in Sozialen Netzwerken sind häufig auch soziale Markierungen der Menschen, die das grundsätzliche Bedürfnis haben, sich mitzuteilen. Das ist eine anthropologische Grundkonstante. In unserer Gegenwart haben wir aber immer weniger die Möglichkeit, uns mitzuteilen und die Corona-Krise verstärkt das sicherlich nochmal.

Inwiefern verstärkt das die Corona-Krise?

Prof. Dr. Hirschfelder: Weil etwa die Institution Wirtshaus an Bedeutung verliert, weil der Medienkonsum zunimmt und weil wir Menschenansammlungen meiden. Und wenn ich mich in einer Gesellschaft nicht mehr unterhalten kann, dann ziehe ich mich eben in einen vermeintlichen virtuellen Dialog zurück. In Wirklichkeit ist es aber kein Dialog, sondern ein Statement eines Einzelnen. Allerdings entsteht bei diesen Menschen der falsche Eindruck, sie hätten sich durch ihren Kommentar den Mitmenschen mitgeteilt.

Man ist also gar nicht mehr bereit, andere Meinungen zuzulassen? Geschweige denn, sich davon überzeugen zu lassen…

Prof. Dr. Hirschfelder: Ja, das beobachten wir zumindest in den Feldern, die ich in der Forschung überblicken kann.

+++ Warum in unserer heutigen Gesellschaft vieles gebrandmarkt wird, lesen Sie auf der nächsten Seite. +++

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