Kroatien Im Hafen der Vielfalt

Immer im Blick: Der Hafen ist vom Zentrum Rijekas nur ein paar wenige Schritte entfernt. Foto: Ulrich Traub

Die kroatische Stadt Rijeka an der Adria ist Kulturhauptstadt 2020.

In Hafenstädten herrscht oft ein etwas liberalerer Geist. Die vielen Kulturen, die dort aufgrund des Handels auf den Weltmeeren aufeinandertreffen, haben diese Orte geprägt. Das gilt auch für die kroatische Metropole Rijeka an der Adria, die 2020 - neben dem irischen Galway - als Europäische Kulturhauptstadt auftritt.

Als "Hafen der Vielfalt", so der Titel des Programms, will die mit rund 130.000 Einwohnern drittgrößte Stadt des Landes ihre Gäste in Empfang nehmen. Der sich breit vor der Innenstadt erstreckende Hafen - oder besser gesagt, das, was von ihm übrig geblieben ist - gilt als zentraler Pol, um den sich die Aktivitäten drehen werden. Ein zweiter ist die sehr ungewöhnliche Geschichte Rijekas - vor allem die des 20. Jahrhunderts. Die 1,7 Kilometer lange Mole wird etwa zur Bühne einer Sound-Skulptur. Alte Lagerhallen am Hafen werden nicht nur Kulisse einer Gruppenausstellung zum Thema neue Wirtschaftsformen sein, es soll ihnen als Club-Location und Café dauerhaft neues Leben eingehaucht werden. Und auf der Brache davor will man einen stadtnahen Strand aufschütten.

Ein paar Schritte weiter fristet Titos einstige Luxusyacht "Galeb" (Möwe) ein rostiges Dasein. Das Schiff des Präsidenten des früheren Jugoslawiens soll eigentlich zu einem schwimmenden Museum umgebaut werden. Doch wenige Monate vor der offiziellen Eröffnung am 1. Februar deutet nichts auf rege Umbauarbeiten hin.

Die Zentrale der Kulturhauptstadt hat ein renoviertes historisches Gebäude am Rande der Innenstadt bezogen, das jetzt unter dem Namen "RiHub" firmiert und sich als Begegnungsstätte etablieren will. Nebenan liegt der Museumshügel, von dem man über die Kvarner Bucht auf die Urlaubsinseln Krk und Cres blickt.

Heute noch zu spüren: die Folgen der Jugoslawien-Kriege

Im ehemaligen Gouverneurspalast zeigt das Historische Museum die Ausstellung "D'Annunzios Märtyrerin". Sie erinnert an die Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, als der italienische Nationalist, Mussolini-Freund und Dichter Gabriele D'Annunzio Rijeka mit 2.000 Getreuen erobert hatte. Die Stadt war nach dem Untergang des Habsburger-Reiches dem neu gegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zugeschlagen worden. D'Annunzio erprobte hier den Faschismus - inklusive Führerkult und Gewalt gegenüber der kroatischen Bevölkerung.

Nach der Befreiung war die Stadt kurze Zeit Freistaat, danach gehörte ihr größter Teil unter dem Namen Fiume bis 1941 zu Italien. Die Grenze verlief entlang des Flusses Rjecina mitten durch die Stadt. Von den Jugoslawien-Kriegen blieb Rijeka zwar verschont, nicht aber von den Folgen. Der Hafen verlor an Bedeutung und die Stadt an Bevölkerung - bis heute. Die hohe Arbeitslosigkeit betrifft vor allem junge Menschen.

Dass Rijeka nicht reich ist, sieht man dem Stadtbild an. Es erinnert ein wenig an Ostberlin nach der Wende. Auch viele der Prachtpaläste aus der Zeit der Donaumonarchie sind in beklagenswertem Zustand. Das 1885 errichtete Theater, eine der Spielstätten der Kulturhauptstadt, erzählt in seiner Neorenaissance-Opulenz noch vom alten Rijeka, repräsentativ an einem kleinen Park gelegen. Gegenüber herrscht fast täglich reges Treiben. Drei historische Markthallen, ebenfalls vom Ende des 19. Jahrhunderts, sind der beliebteste "Supermarkt" Rijekas.

Das Herz der Stadt schlägt aber am Korzo, der Einkaufs- und Kaffeehausstraße. Auch hier zeigen viele Prunkfassaden der Bürgerhäuser Spuren ihres hohen Alters. Ein besonders beeindruckendes, wenn auch verkehrsumtostes, Bauensemblem bildet der herrschaftliche Palast des Torpedofabrikanten Hannibal Ploech - dessen Erfindung zum Aufschwung der Stadt Ende des 19. Jahrhunderts beigetragen hatte - und die Kapuzinerkirche Maria Lourdes. Ein kuppelgekrönter Eckbau, der der Wiener Ringstraße gut zu Gesicht stehen würde neben erst hundert Jahre alter Neogotik mit imposanter Freitreppe und gestreifter Fassade, die an Venedig erinnert.

Zwar spielen die Kirchen im Programm der Kulturhauptstadt keine Hauptrolle, im Stadtbild sind sie jedoch von prägender Wirkung. Etwa der schiefe Turm von Rijeka, der vor dem Mariendom steht, der mit barocker Ausstattung prunkt. Oder die Vitus-Kathedrale, ein markanter Barock-Rundbau mit mächtiger Kuppel. In der Nähe findet man nicht nur Reste aus römischer Zeit, sondern auch den Eingang zu einem begehbaren Tunnel aus dem Zweiten Weltkrieg, der nun als angesagtes Party-Domizil gilt. Auch diese ,Nachbarschaft' ist ein typisches Bild in der Stadt der Gegensätze.

Die ehrwürdige Kultur nimmt in Rijeka eine besondere Rolle ein

Den Titel einer Kulturhauptstadt erhält man jedoch nicht für herausgeputzte Sehenswürdigkeiten, sondern für ein Programm, das zeigt, welche Rolle die Kultur bei der Stadtentwicklung spielen soll. Mit einem eher geringen Etat von 30 Millionen Euro (zum Vergleich: Graz hatte im Jahr 2003 ein rund doppelt so hohes Budget) will sich Rijeka nicht nur als "Hafen der Vielfalt" präsentieren, sondern möchte zugleich auch den Startschuss für eine bessere Zukunft der Stadt geben. Dass die Stadt zu feiern weiß, zeigt sie alljährlich bei einem der größten Karnevalsumzüge der Welt, wenn furchterregende Tiermaskengestalten durch die Straßen laufen und lärmende Glockenträger den Winter austreiben. 2020 werden Gruppen aus früheren Kulturhauptstädten den Karneval von Rijeka noch bunter und vielfältiger machen.

Weitere Informationen:

Die Auftaktveranstaltung zur Kulturhauptstadt 2020 findet am 1. Februar 2020 am Hafen statt. (www.rijeka2020.eu). Buchempfehlung bei einer Reise: "Istrien und Kvarner Bucht", Verlag Karl Baedeker, 21,99 Euro

Mehr unter: Kroatische Zentrale für Tourismus: 069/238-5350 www.croatia.hr, www.visitrijeka.eu

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