Kriegsfolgen

Hohe Spritpreise: Das Rekordjahr steht schon fest


Eine Zapfsäule an einer Tankstelle in Kaufbeuren.

Eine Zapfsäule an einer Tankstelle in Kaufbeuren.

Von Von Christof Rührmair, dpa

2022 wird das teuerste Tankjahr aller Zeiten. Die Preise haben seit Beginn des Ukraine-Krieges alle bisherigen Rekorde überstiegen. Am Spritverbrauch hat das allerdings nicht besonders viel geändert.

Jetzt steht es auch rein rechnerisch fest: 2022 ist das teuerste Tankjahr aller Zeiten. Schon zwei Monate vor Jahresende wäre daran selbst dann nichts mehr zu ändern, wenn Benzin und Diesel ab Sonntag verschenkt würden, wie Berechnungen der Deutschen Presse-Agentur auf Basis von Daten des ADAC zeigen.

Bei Superbenzin der Sorte E10 wurde die Grenze mit dem Samstag überschritten, beim besonders stark von den Preissteigerungen betroffenen Diesel war sie schon vor einem Monat gefallen.

Im bisherigen Rekordjahr 2012 hatte E10 im Schnitt 1,589 Euro pro Liter gekostet, Diesel 1,478 Euro. Im laufenden Jahr gab es noch keinen einzigen Tag, an dem auch nur eine der Sorten im bundesweiten Durchschnitt billiger gewesen wäre. "2022 ist ein bezüglich der Kraftstoffpreise extremes Jahr", sagt der ADAC-Experte Christian Laberer. "Die Spritpreise befinden sich nach wie vor auf einem überteuerten Niveau, insbesondere bei Diesel."

Ukraine-Krieg treibt Preise in die Höhe

Seit sie kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges in die Höhe geschossen waren - Diesel kostete damals kurzzeitig mehr als 2,30 Euro, Benzin über 2,20 Euro pro Liter - sind die Preise nicht mehr auf alte Niveaus gesunken. Zwar ging es streckenweise nach unten und die vorübergehende Steuersenkung im Sommer dämpfte für drei Monate die Kosten.

Doch wenn man für den Rest des Jahres etwa gleichbleibende Spritpreise annimmt, werden an dessen Ende Durchschnittspreise stehen, die die alten Rekorde geradezu pulverisieren. Bei E10 ergäben sich ein Jahresdurchschnitt von etwa 1,88 Euro - rund 29 Cent über dem alten Rekord. Bei Diesel ergäbe sich ein Wert von rund 1,98 Euro pro Liter - das sind ganze 50 Cent mehr als der bisherige Rekord.

Schnelle Entspannung ist nicht unbedingt in Sicht. "Es besteht die Gefahr, dass sich die hohen Preise für längere Zeit am Markt verfestigen", sagt Laberer. Um das zu verhindern, müssten die Verbraucher ihre Marktmacht nutzen und bewusst günstig tanken, um den Wettbewerb anzukurbeln.

Situation bei Diesel "sehr viel härter"

Ein kleines bisschen Hoffnung macht Laberer Autofahrern allerdings: "Im Moment sind wir noch weit von einer Normalisierung entfernt, zuletzt schien der Wettbewerb aber zumindest bei Benzin wieder stärker zu greifen, so dass die Preise nicht mehr so deutlich vom Ölpreis entkoppelt sind, wie in den Monaten seit Beginn des Ukraine-Krieges. Es gibt aber noch viel Luft nach unten", sagt er.

Und bei Diesel sei die Situation "sehr viel härter". Dazu tragen auch Sondereffekte bei, wie Laberer erklärt: "Die Industrie ersetzt Gas durch Diesel und aktuell zieht die Nachfrage nach dem sehr ähnlichen Heizöl wieder an. Aber das rechtfertigt nicht, wie stark die aktuellen Preise überhöht sind."

Wie stark die hohen Spritpreise Autofahrer belasten, hängt davon ab, wie viel ihr Fahrzeug verbraucht und wie weit sie jedes Jahr fahren. Doch geht man von den hochgerechneten Werten für das Gesamtjahr aus, zieht typische Fahrzeuge und Fahrleistungen heran und vergleicht mit den Durchschnittspreisen der zehn Jahre davor, sind es Hunderte Euro.

Bei einem Diesel mit einer Jahresfahrleistung von 20.000 Kilometern und einem Verbrauch von 6 Litern auf 100 Kilometern steigen die Kosten um rund 860 Euro im Jahr. Benziner legen in der Regel kürzere Strecken zurück, verbrauchen aber mehr. Setzt man hier typische 10.500 Kilometer und 7,5 Liter auf 100 Kilometer an, liegen die Mehrkosten bei rund 360 Euro.

Spritkosten dämpfen nicht den Verbrauch

Wer darauf gehofft hat, dass die hohen Spritkosten dem Klimaschutz helfen, wird allerdings enttäuscht. Bislang ist kein starker dämpfender Effekt auf den Spritverbrauch festzustellen. Direkte Zahlen gibt es hier zwar nicht, die vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle veröffentlichten Inlandsablieferungen für Diesel und Benzin geben aber einen guten Anhaltspunkt.

Und hier steht nach sieben Monaten - aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor - sogar ein Anstieg: 9,66 Millionen Tonnen Benzin wurden ausgeliefert - das sind 7,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Bei Diesel waren es 19,5 Millionen Tonnen - 1,1 Prozent mehr als im Vorjahr.

Der Anstieg geht wohl vor allem darauf zurück, dass es 2022 deutlich weniger Corona-Restriktionen gab als noch im Vorjahr. Dieser Effekt war offensichtlich stärker als mögliche Auswirkungen der gestiegenen Preise. Allerdings liegt das diesjährige Auslieferungsniveau unter dem der Jahre vor der Pandemie.

Auf die Wahl, welches Benzin in den Tank kommt, scheinen die gestiegenen Preise aber Auswirkungen zu haben: Der Anteil des günstigeren E10 am Benzinverbrauch ist kräftig gestiegen. In den ersten sieben Monaten des Jahres lag er bei 22,8 Prozent, im Vorjahreszeitraum erst bei 15,8. Und noch viel mehr Autofahrer könnten so sparen, sagt Laberer. "Fast alle Benziner vertragen das, wenn es sich nicht gerade um Oldtimer handelt. Der Preisunterschied beträgt meist 5 bis 6 Cent. Trotzdem wird immer noch viel mehr normales Super als E10 getankt."