Kommentar Warum Deutschland ein bundesweites Zentralabitur braucht

In jedem Bundesland werden andere Abiturprüfungen geschrieben. Das in Bayern gilt als schwerstes. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Andere Wahlmöglichkeiten, schwierigere Aufgaben: Die Abiturprüfungen sind von Bundesland zu Bundesland anders. Das ist unfair, findet unsere Autorin Anna Roppelt. Sie fordert ein deutschlandweites Zentralabitur.

Schon seit Ella klein ist, hat sie einen großen Traum: Sie will Ärztin werden. Vor Kurzem hat sie ihr Abitur an einem bayerischen Gymnasium geschrieben. Der erste Schritt zu ihrem großen Ziel. Sie schafft hervorragende Leistungen in fast jedem Fach, außer in Mathe. Dadurch sind ihre Chancen auf einen Medizin-Studienplatz dahin. Hätte jeder deutsche Abiturient die gleichen Abschlussprüfungen wie Ella geschrieben, wäre sie selbst an ihrem Schnitt schuld. Doch das ist nicht der Fall: Derzeit werden 16 verschiedene Abiturprüfungen geschrieben, die sich von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. In Bayern ergibt sich der Abiturschnitt aus den Leistungen der elften und zwölften Jahrgangsstufe und fünf finalen Abschlussprüfungen. Dabei müssen drei Fächer – Mathe, Deutsch und ein selbstgewähltes Fach – schriftlich und zwei weitere Fächer mündlich absolviert werden. Für die Wahl der nicht vorgegebenen Abiturfächer gelten weitere Regeln, zum Beispiel, dass man in mindestens einer Fremdsprache eine Prüfung ablegen muss.

Andere Wahlmöglichkeiten

Ein Blick nach Berlin zeigt: Hier ist es anders. Das Abi besteht dort aus zwei schriftlichen und drei mündlichen Leistungen. Wahlweise kann eine der mündlichen Prüfungen durch eine besondere Lernleistung ersetzt werden. Zwei der fünf Prüfungen müssen in Deutsch, Mathematik oder einer Fremdsprache abgelegt werden. Das Matheabitur ist somit anders als bei uns in Bayern keine Pflicht. Diese Wahlmöglichkeit haben bayerische Abiturienten nicht.

Auch der Schwierigkeitsgrad der Prüfungen ist unterschiedlich. Das zeigte Severin Wenzeck im Zuge seiner Masterarbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er verglich das Aufgabenniveau des Matheabiturs von Berlin mit dem von Bayern. Sein Ergebnis ist eindeutig: Die Berliner Leistungskurse wiesen einen deutlich niedrigeren Schwierigkeitsgrad und zugleich einen geringeren Stoffumfang auf als die Abiturprüfungen in Bayern.

Dass jedes Bundesland ein anderes Abi schreibt, ist unfair gegenüber jedem Abiturienten. Die Chancen bayerischer Gymnasiasten, genauso gut abzuschließen wie die Schüler aus Berlin, sind geringer. Die Abiturienten aus der Hauptstadt hingegen bekommen weniger Anerkennung für ihren Abschluss. Denn Bayerns Abitur gilt als das schwerste und ist somit ein Gütesiegel, mit dem sich bayerische Abiturienten schmücken können. Der einzig gerechte Weg wäre ein deutschlandweites Zentralabitur. Denn nur wenn jeder Schüler die gleichen Prüfungen schreibt, ist keiner benachteiligt.

Aufgabenumfang, Formulierungen und Schwierigkeitsgrad wären einheitlich. Bewertungskriterien würden bundesweiten Standards folgen. Ein vergleichsweise schlechtes Abschneiden wäre dann das alleinige Verschulden des Schülers. Dadurch würde die Leistung der einzelnen Absolventen gewürdigt werden – ohne Hintergedanken an das Bundesland, in dem sie ihr Abi absolviert haben.

Mehr Objektivität

Außerdem würde ein einheitliches Abitur für mehr Objektivität beim Bewerten der Leistungen sorgen. Denn die Bewertung der Schüler würde weniger von den Lehrern abhängen. Das ermöglicht eine bessere Vergleichbarkeit – sowohl zwischen den Schulen als auch zwischen den Schülern. Das würde eine faire Vergabe von Studienplätzen gewährleisten, die oft nach Numerus Clausus verteilt werden.

Obwohl Ella zu den Jahrgangsbesten ihrer Schule gehört, ist ihr Traum vom Medizinstudium vorerst geplatzt. Ihr bleibt nur die Wahl zwischen einem teuren Studium im Ausland oder unzähligen Wartesemestern in Deutschland. Aber ein Trost bleibt ihr: Sie hat ein bayerisches Abitur.

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