Kinder- und Jugendhilfe Hofkirchen 25 Kinder, drei Dächer, eine Familie

Durch die großen Fenster werden die Räume vom natürlichen Sonnenlicht hell ausgeleuchtet. Foto: Hanna Vogel

Wenn ihre Eltern nicht anrufen, wenn sich wieder keiner meldet und die Kinder den ganzen Telefontag lang warten. Wenn sie ihr weinend im Arm liegen, da könne sie die Tränen nicht immer zurückhalten, sagt Christine Mühldorfer. Sie leitet die stationäre Kinder- und Jugendhilfe in Hofkirchen (Landkreis Passau), die sie gegründet hat. 25 Kinder und Jugendliche leben dort in drei Häusern, weil ihre Eltern sich nicht alleine um sie kümmern können.

Probleme gebe es in allen Familien, sie ziehen sich durch alle Schichten, sagt Mühldorfer. In manchen Fällen merken Eltern selbst, dass sie professionelle Hilfe brauchen, in anderen muss sich das Jugendamt einschalten. Anfragen, ob ein Kind oder ein Jugendlicher in ihrem Heim aufgenommen werden kann, bekommt sie fast täglich. Doch sie muss fast immer ablehnen, da alle Plätze belegt sind.

Die Jüngsten, die aufgenommen werden, sind drei, die ältesten 16. Das Kind muss zur Gruppe passen und die Eltern müssen zustimmen, mit der Einrichtung zusammenzuarbeiten, sagt Mühldorfer.

In einem speziellen Vertrag müssen die Eltern sich beispielsweise zu regelmäßigen Gesprächen oder Hausbesuchen bereit erklären und sich darum kümmern, dass sie die Auflagen des Jugendamts - wie Entzug, Therapie - erfüllen. Unter gewissen Voraussetzungen können die Kinder jedes zweite Wochenende ihre Eltern besuchen.

Arbeit auch mit den Eltern - Kinder sollen zurückkehren

"Wir können die Eltern natürlich nicht ersetzen, die Kinder aber ein Stück des Weges begleiten, bis sie entweder selbst Verantwortung für sich übernehmen können oder bis die Eltern wieder bereit sind, für ihre Kinder Verantwortung zu übernehmen", sagt Mühldorfer. Elternarbeit sei besonders wichtig, das ist auch im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert. Das Ziel ist es, dass die Kinder wieder ins Elternhaus zurückkehren. Dieser Prozess ist aber oft unheimlich zäh und langwierig. Für die Kinder ist es schwer, wenn sie nicht zu ihren Eltern können oder kein Besuch stattfinden kann, weil Mama und Papa die Auflagen nicht erfüllen.

Wenn die Eltern sich zu lange nicht ändern, ist das Ziel nicht länger die Rückkehr zu ihnen, sondern die Selbstständigkeit. In einem Haus gibt es in der sogenannten Verselbstständigungsgruppe fünf Plätze für Jugendlichen ab 14.

"Wir packen den Kindern einen Rucksack fürs Leben"

Eigenverantwortlichkeit kommt mit vielen Aufgaben - vom Lebensmitteleinkauf bis hin zu Behördengängen. In der Wohngruppe sollen die Jugendlichen das alles erlernen, um später einmal unabhängig zu sein. "Unsere Aufgabe ist, den Kindern und Jugendlichen einen Rucksack fürs Leben zu packen", sagt die Leiterin. "Irgendwann ziehen sie da später einmal etwas heraus: wie mache ich das, wo kann ich mir Hilfe holen, wie organisiere ich das, und so weiter."

Deswegen sind die Bewohner der Häuser im Alter und Geschlecht gemischt, wie in einer Familie auch. So sei es für die Jüngeren möglich, von den Älteren zu lernen und zu profitieren, sagt Mühldorfer. Die Großen könnten so lernen, dass man auf die Kleinen Rücksicht nehmen muss. "Wenn's drauf ankommt, halten sie auch immer alle zusammen. Wenn mal etwas angestellt wird, halten's alle zam, ...", sagt die Leiterin. "Oder wenn im Freibad mal einer gemein angesprochen wird, ist oft einer der Größeren da, der sagt: ‚Hey du, lass den in Ruhe!'"

Wie eine Familie gestalten sie auch die Freizeit und verbringen jeden Tag gemeinsam: Im Sommer gehen sie jeden Tag zum Schwimmen ins Freibad in Hofkirchen, machen Ausflüge, etwa in den Skylinepark im Unterallgäu, und fahren in den Urlaub. Christine Mühldorfer will, dass es den Kindern, die zu ihr kommen, gut geht, sagt sie.

Deswegen gibt es auch viele Freizeitmöglichkeiten in den drei Häusern in Hofkirchen: ein Kino, einen Fitness- und Musikraum, Billardtische, Kickerkästen, Airhockey-Tische und ein Gartenhaus voll mit Fahrzeugen für die Kleinen.

Bei der stationären Kinder- und Jugendhilfe Hofkirchen arbeiten hauptsächlich Erzieher, Heilerziehungspfleger, Sozialpädagogen und Psychologen. Die Kinder werden auch von Ergotherapeuten und Logopäden sowie bei Bedarf von einem Kinder- und Jugendpsychiater unterstützt. Mühldorfers Schwester und deren Tochter arbeiten bereits lange bei ihr. Ihre Nichte ist stellvertretende Heimleiterin, eines Tages soll sie übernehmen. Irgendwann müsse man ans Aufhören denken, sagt Mühldorfer. Sie ist mittlerweile 60 Jahre alt. "Jetzt macht's aber halt noch Spaß, es ist nie langweilig, immer aufregend."

Zur Autorin

Die Autorin Hanna Vogel studiert in Passau Journalistik und strategische Kommunikation. Der Beitrag ist in einer Lehrredaktion entstanden, die in dem Studiengang integriert ist. Die Lehrredaktion wird von Redakteuren unserer Mediengruppe betreut.

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