"Kein Schlusspunkt" Kardinal Marx zur Missbrauchsaufarbeitung der Kirche

Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising. Foto: Armin Weigel/dpa

Das Münchner Missbrauchsgutachten hat die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttert. Nun haben Bayerns katholische Bischöfe in Regensburg beraten – mit dem Ergebnis, die Aufarbeitung voranbringen zu wollen. Die Reformbewegung «Wir sind Kirche» reagierte enttäuscht.

Die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche wird Kardinal Reinhard Marx zufolge nie ganz zu Ende gehen. Es gebe da "keinen Schlusspunkt", sagte der Erzbischof von München und Freising am Donnerstag in Regensburg. Dort hatten im Rahmen der Freisinger Bischofskonferenz – deren Vorsitzender Marx ist – die Bischöfe der sieben bayerischen katholischen Diözesen getagt. Weitere wichtige Themen standen auf der Tagesordnung: etwa die Hilfe für Ukraine-Flüchtlinge, Kirchenasyl und das Engagement der Kirche für Demokratie und Menschenwürde.

Zwei Monate nach der Vorstellung des viel beachteten Münchner Missbrauchsgutachtens seien in sämtlichen Bistümern Aufarbeitungskommissionen und fast überall Betroffenenbeiräte eingesetzt worden, so Marx. Unter den Bischöfen gebe es den gemeinsamen Willen, Aufarbeitung und Prävention voranzubringen. Wie das konkret aussehe, sei den Bistümern überlassen. Marx sagte über die Kirche auch: "Wir müssen transparenter, klarer und selbstkritisch werden".

Massive Folgen bei den Kirchenaustritten

Die Folgen des Missbrauchsskandals sind für die Kirche massiv – ablesen lässt sich das an der Entwicklung der Zahl der Kirchenaustritte. Allein in München traten nach Angaben des Kreisverwaltungsreferates seit Jahresbeginn bis Mitte März knapp 7.000 Menschen aus der Kirche aus. Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum rund 3.300 und im Jahr 2020 rund 3.800. Andere Kommunen berichteten von ähnlichen Zahlen.

Die Distanz zu Kirche sei immer dann sprunghaft gestiegen, wenn es Skandale gegeben habe, sagte Marx. Die Entwicklung mache den Bischöfen "sehr große Sorge". Es gebe keine einfachen Rezepte und der Trend lasse sich nicht mit wenigen Maßnahmen stoppen. "Das tut schon weh." Die Lösung liege letztlich in der Erneuerung der Kirche. Marx betonte die Bedeutung der "zweifelnden, suchenden und kritischen Menschen" in der Kirche. "Wir brauchen eine synodale Kirche, wo man miteinander ringt." Denn: Es geht darum, was das Christentum für die Zukunft des Landes bedeutet. Es geht nicht darum, dass die Kirche erhalten bleibt, sondern, dass das Evangelium verkündet wird. Und wer soll das tun?"

"Wir sind Kirche" enttäuscht von Tagung

Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" äußerte sich nach der Tagung enttäuscht über das Ergebnis. Dieses sei bei der "Mammutaufgabe der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs" vage und unbefriedigend. "Warum wurde nicht auch hier ein detaillierter Bericht über die einzelnen Diözesen vorgelegt? Stattdessen bleibt es beim Austausch über den Stand der Aufarbeitung in Bayern sowie bei Überlegungen, wie in diesen Fragen weiter kooperiert werden kann."

Als Konsequenz aus seiner Rolle bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising hatte Anfang der Woche der langjährige Leiter des Katholischen Büros, Prälat Lorenz Wolf, seinen Rücktritt vom Amt erklärt. Das Büro gilt als Schnittstelle zwischen Politik und katholischer Kirche im Freistaat. Bayerns Bischöfe kamen Marx zufolge der Bitte Wolfs nach, er wurde entpflichtet. Als Kommissarische Leiterin setzte die Freisinger Bischofskonferenz die Juristin und bisherige Stellvertreterin Wolfs, Bettina Nickel, ein. Die Stelle werde ausgeschrieben, so Marx.

Zum Engagement der Kirche in der Ukraine-Hilfe forderte Marx staatliche Unterstützung, vor allem bei der Integrationsberatung. Die Arbeit könne nicht aus Kirchensteuermitteln finanziert werden. In zahlreichen Klöstern, Priesterseminaren, Pfarrhäusern und Privatwohnungen seien Flüchtlinge untergekommen. Die Bistümer hätten große Summen an Sondermitteln bereit gestellt.

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