Kanada Mit dem "Rocky Mountaineer" von Vancouver nach Banff

Die beeindruckenden Landschaften auf der Reise mit dem Rocky Mountaineer sind begehrte Fotomotive. Foto: Rainer Hamberger

Sieben Uhr morgens am Vancouver Pacific Central Bahnhof. Es herrscht schon so früh aufgeregtes Hin und Her. Busse entladen Gäste samt Gepäck. Fahrkarten werden verteilt. Kaffee vertreibt die letzte Müdigkeit, die zusehends verschwindet als ein Dudelsackspieler dem eigenartigen Instrument wohltuende Töne entlockt und das Signal zum Aufbruch gibt. Ein Jubelschrei geht durch die Menge. Nicht nur eingefleischte Eisenbahn-Fans warten gespannt aufs Einsteigen in den im Morgenlicht blau-gelb glänzenden legendären Rocky Mountaineer.

"Haben Sie schon ihren Waggon entdeckt, wo sich Ihre Sitzplätze befinden? Einen Augenblick, der junge Herr wird Sie gleich dorthin begleiten," informiert eine in adretter Uniform gekleidete "Gastgeberin" die Zusteigenden. Die Türen sind geschlossen. Ein langgezogener Pfiff ertönt und die Lokomotiven nehmen ihre Arbeit auf.

Kurze Zeit später verschwinden die Umrisse der Hochhäuser von Downtown Vancouver. Der Zug begibt sich auf eine historische Route: First Passage to the West, von Vancouver nach Banff beziehungsweise umgekehrt. Diese Strecke vereinte vor 125 Jahren Britisch Kolumbien mit dem restlichen Kanada und führt durch Bilderbuchlandschaften.

Vor den Fenstern ziehen Felder vorbei. Im Süden zeigt sich die eindrucksvolle, vergletscherte Kuppe des ruhenden Vulkans Mount Baker. Inzwischen wird Frühstück im Restaurant-Waggon serviert, frisch zubereitet in der Bordküche.

Der Zug nähert sich den Coast Mountains, eine völlig neue Kulisse. Das am Eingang zum Fraser Valley gelegene Städtchen Hope war einst Handelsposten der Hudson's Bay Company. Mit dem 1858 beginnenden Goldrausch geriet der Handel mit Fellen jedoch zur Nebensache.

750 Millionen Liter täglich

Die Felsen rücken näher zusammen. Mit gedrosselter Geschwindigkeit geht es durch den Fraser Canyon. "Ich habe mich lange in den Rocky Mountains aufgehalten, aber noch nie etwas Vergleichbares gesehen", hält Simon Fraser 1808 Eindrücke von dieser Gegend in seinen Aufschriften fest. Ihm und den Kameraden stand zu dieser Zeit nur ein waghalsiger Pfad durch Geröll entlang des nach ihm benannten Flusses für die Durchquerung der Wildnis zur Verfügung. Hier ist die engste Stelle der Schlucht. "Können Sie sich vorstellen, dass 750 Millionen Liter Wasser täglich durch diese etwa 33 Meter breite Öffnung stürzen? Da wundert es einen nicht, wenn diese Stelle als Hell´s Gate, Höllentor, bezeichnet wird." Ein Blick in die Tiefe bestätigt das. Heute führt eine Seilbahn über das Spektakel und eine Brücke. Gegenüber sind Lachsleitern zu erkennen. Sie erleichtern den Fischen in ihrem jährlichen Laichzug das Überwinden der in den Fluss gestürzten Felsmassen.

Todesfalle Geröllmassen

Als 1881 die Canadian Pacific Railway, kurz CPR, mit dem Bau einer transkontinentalen Bahnstrecke begann, um die Provinzen miteinander zu verbinden, war dieser Teil der Strecke gewiss eine der gefährlichsten Herausforderungen. "Männer wurden an Seilen und Strickleitern an den steilen Wänden der Schlucht herabgelassen, wo sie Löcher bohrten und diese mit Dynamit füllten. Die Sprengungen verursachten Gerölllawinen und rissen Menschen und Erdmassen in das schäumende Wasser.

Viel Aufmerksamkeit zieht auch der Rainboy Canyon auf sich. In Regenbogenfarben schillern die im Felsen enthaltenen Minerale. Das ausgedehnte Viehzuchtgebiet bei Ashcroft gehört mit einem jährlichen Niederschlag von nur 250 Millimetern zu den trockensten Gebieten Kanadas. Salbeigewächse gewinnen dieser ariden Landschaft einen gewissen Charme ab. Immer wieder zieht es die Reisenden ins Freie. Die offene Plattform im letzten Waggon ist beliebt bei Fotografen und denjenigen, welche die Landschaft und das Vorbeieilen derselben hautnah spüren wollen.

Selbst bei einer Bahnreise vergeht die Zeit im Flug. So nähert sich der Rocky Mountaineer Kamloops, wo die Fahrgäste im Hotel übernachten. Der Name des Ortes stammt aus der Sprache der Shuswap-Indianer und bedeutet "aufeinandertreffendes Wasser", womit der Zusammenfluss des North mit dem South Thompson River bezeichnet wurde. Nervenkitzel kommt auf, als der Zug auf einer unscheinbaren Brücke hoch über dem Wasser zum Stillstand kommt. Er wartet auf die Einfahrerlaubnis.

Die Rocky Mountaineer-Flotte ist gut aufgestellt. Sie besteht aus 65 Zugteilen, einschließlich neun Lokomotiven mit je 3.000 PS und einem Gewicht von 36 Tonnen pro Fahrzeug, 36 Waggons und 20 Generatorwagen, zwei Salon- und elf Versorgungswagen.

Nur 15 Dollar Beute

"Das muss ihn ja ordentlich geärgert haben, als er die Beute inspizierte: 15 Dollar und eine Dose mit Leberpillen! Ha, ha", Zugbegleiter Henry muss lachen, wenn er die Geschichte vom berühmten Räuber Billy Miner erzählt, der hier nach einem großen Zugüberfall im Jahr 1906 am South Thompson River enttäuscht mit der mageren Beute abziehen musste. Es war übrigens der Letzte dieser Art. Ganz und gar nicht enttäuschend ist der Blick aus dem Fenster. Dort zeigen sich merkwürdige Felsformationen. Die Natur als Baumeister hat nach der letzten Eiszeit diese Erdpfeiler geformt: Bei den so genannten Hoodoos verwittert weicheres Gestein, während härteres als Steinplatte wie ein Hut oben auf dem Gebilde verbleibt; Überbleibsel eines ehemaligen Seebodens.

"Er hätte wohl besser vorher etwas geübt, dieser Mr. Donald Smith, Gründungsmitglied der CPR, bevor er 1885 den letzten Schienennagel einschlug, den Schulterschluss für die transkontinentale Strecke. Der erste geriet krumm, so dass er einen zweiten benötigte." Heute kennzeichnet nur ein Erdhügel die historische Stelle in Craigellachie.

Eine weitere bauliche Meisterleistung war der Bau des Spiraltunnels. Es gelang tatsächlich eine über vierprozentige Steigung zu halbieren, indem der Weg für zwei Spiraltunnel Korkenziehern ähnlich durch die Berge gesprengt wurde. Die Rockies zeigen sich von ihrer besten Seite: stahlblauer Himmel, in der Sonne gleißende Gletscher, türkisgrüne Seen.

"Wisst ihr, woher die Bahnstation Lake Louise ihren Namen hat? Genau, diese Dame war eine Tochter der englischen Königin Victoria und Frau des damaligen Generalgouverneurs von Kanada." Henry deutet auf den als Denkmal geschützten Bahnhof des bekannten Ortes im Banff Nationalpark. Die im Park beheimateten Tiere lassen sich nur selten sehen. Doch auf einer freien Anhöhe zeigen sich Böcke der Dickhornschafe, die gegenseitig ihre Kräfte messen.

Noch ein letztes Glas Wein oder doch lieber ein paar Minuten im offenen Fahrtwind, bevor es Abschied nehmen heißt vom Sitznachbarn und vom freundlichen Zugpersonal? Dann fährt der Rocky Mountaineer in den Bahnhof von Banff ein, wo die Gäste vom "Bodenpersonal" willkommen geheißen werden. Räuber Billy Miner ist heute Legende, jedoch namensgebend für einen üppigen Schokoladen-Kuchen, der in Restaurants als Nachspeise serviert wird. Vielleicht wären da anschließend die erbeuteten Pastillen für die Leber gar nicht schlecht.

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