K.-o.-Tropfen Hilflos - So gefährlich ist GBL

Die Grenze zwischen high und hilflos ist fließend. Denn ein Milliliter GBL putscht, ein zweiter aber macht bewusstlos. Foto: Florian Wende

Zwischen Euphorie und Tod liegen rund zwei Milliliter. Sie entscheiden, ob ein Abend berauschend, bewusstlos oder bedrohlich für das eigene Leben endet. Es geht um K.-o.-Tropfen. Der Stoff, der fast immer dahinter steckt, nennt sich GBL. Und das Schlimmste: Er ist leicht zu bekommen.

Hinweis: Die kursiv gedruckten Szenen sind in unserer Region passiert. Sie wurden von Bekannten oder den Betroffenen selbst rekonstruiert. Die Namen der Personen wurden geändert.

Der schlimme Verdacht kommt Anna am Tag danach. Sie erhält von Freunden ein Foto. Darauf ihre Bierflasche vom Abend zuvor mit der Frage, warum sie nicht ausgetrunken habe. Hätte sie das, wäre der Abend wohl noch bedrohlicher für sie verlaufen. Anna ist auf einer Geburtstagsfeier, zwei Biertische voll mit Gästen. Einen Teil kennt sie gut, den Rest flüchtig. Sie öffnet ihr erstes Bier, geht kurz an die frische Luft und lässt ihre Flasche aus den Augen. Als sie zurückkommt, trinkt sie ein wenig. Dann wird ihr komisch. Sie fühlt sich nicht mehr gut, ihr ist schwindelig. Anna schreibt ihrem Papa, dass er sie sofort abholen soll. Im Auto erzählt sie wirres Zeug. Immer wieder muss sie sich in der Nacht übergeben. Auch am nächsten Tag ist ihr noch übel.

GBL wird zu GHB ist gleich k. o. So kurz, knapp und chemisch oberflächlich lassen sich K.-o.-Tropfen beschreiben. Der Reihe nach: GBL, das ist Gamma-Butyrolacton. Das Lösungsmittel entfernt zum Beispiel Graffiti von Wänden. Wer es aber konsumiert, bei dem wandelt die Leber GBL in Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB) um, auch bekannt als Liquid Ecstasy. „GHB ist ein Narkosemittel, das schon in geringen Mengen stark wirkt“, erklärt Apothekerin Heidi Lachner aus Straubing. Zuerst aufputschend, dann betäubend. Und bei zu hoher Dosis tödlich. Die Grenze zwischen high und hilflos ist fließend. Denn ein Milliliter GBL putscht. „Man wird euphorisch und sehr sozial“, sagt Heidi Lachner. „In der Techno-Szene wird der Stoff GBL häufig als Aufputschmittel missbraucht.“ Wer rund zwei Milliliter GBL konsumiert, klappt zusammen. Und das schnell. Je nach Körperbau wirkt der Stoff schon nach fünf Minuten. Spätestens nach rund zehn bis zwanzig Minuten ist das Narkosemittel in der Blutbahn. Alkohol beschleunigt die Wirkung. Denn: „Dieser wird ja auch in der Leber abgebaut“, erklärt die Apothekerin.

Von gut ausgebildeten Mitarbeitern und welchen, die auf jeden Fall helfen wollen

Eine Barkeeperin, die in Cham und Bad Kötzting arbeitet, hat selbst schon Erfahrung mit K.-o.-Tropfen machen müssen. An dem Abend ist sie auf einmal immer wieder zusammengesackt, ihre Freunde riefen den Notarzt. Am nächsten Tag erwachte sie in einem hellen Raum voller Kabel, mit Katheter, Blutdruckmessgerät und Infusionen – auf der Intensivstation.

Eine Woche lang war sie nicht fähig, länger als etwa 15 Minuten zu stehen. Der „Gratis-Trip“ des Unbekannten war wohl sehr riskant dosiert. „Ich wünsche das absolut keinem Menschen, es ist widerlich und wirklich lebensgefährlich.“

Seitdem hat sich für sie viel verändert: „Ich habe mein Getränk immer bei mir, sage Freunden immer Bescheid, wo ich hingehe.“ Die ekelerregenden Gedanken, was der Täter damals mit ihr hätte anstellen können, beschäftigen sie manchmal noch heute. Wenn sie arbeitet, beobachtet sie viel. Geschult wurde sie für mögliche Fälle aber nicht. „Das Einzige, was wir tun können, ist, die Augen offen zu halten.“ Einer Straubinger Barkeeperin geht es ähnlich: „Wir wurden nicht geschult. Ich würde aber selbstverständlich eingreifen.“

Ein Mitarbeiter der „Stars Projekt und Event GmbH“, die Discos in Straubing, Landshut und Regensburg betreibt, sagt, dass das Personal gut ausgebildet und aufmerksam sei. „Bei uns kam es wegen der hohen Security-Präsenz und der Kamera-Überwachung bisher zu keinem einzigen Fall mit K.-o.-Tropfen.“ Er kann nicht bestätigen, dass K.-o.-Tropfen heute häufiger verabreicht werden als noch vor einigen Jahren.

Auch Ronny Conrad, Inhaber eines Dingolfinger Clubs, sieht das so. Er findet, die Sensibilität bei Clubgängern habe zugenommen. Sein Personal schult er regelmäßig. „Es kann sich heute keiner leisten, bei der Sicherheit der Gäste nachlässig zu sein“, sagt er.

Es ist eine Faschingsparty wie jede andere – das denkt Lena, bevor sie die Kontrolle über ihren Körper verliert. Die 18-Jährige bestellt einen Cocktail. Sie stellt ihn kurz bei Freunden ab. Als sie zurückkommt, trinkt sie einen Schluck. Plötzlich wird ihr übel. Eine unerträgliche Hitze steigt in ihren Kopf, während Gänsehaut auf ihren Armen andeutet, dass ihr eigentlich kalt sein sollte. Gesichter und Gegenstände verschwimmen. Lena torkelt. Sie kann nur noch geradeaus sehen, rundherum wird alles schwarz. Die laute Musik klingt dumpf. Lena hat nur noch ein Ziel: Raus hier! An der frischen Luft muss sie sich mehrmals übergeben. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass Vorfälle mit K.-o.-Tropfen nicht sinken. In der Oberpfalz gab es dazu im vergangenen Jahr 25 Anzeigen, genau wie 2017. 2016 waren es 23 Anzeigen, im Jahr davor 14. Seit 2009 wurden in der Oberpfalz 220 Anzeigen zu K.-o.-Tropfen erstattet.

Die niederbayerischen Zahlen fallen etwas geringer aus. 2018 und 2017 gab es je elf Anzeigen, die K.-o.-Tropfen betrafen. 2016 war der Höchststand der vergangenen Jahre mit 24 Anzeigen, 2015 gab es 15. Seit 2009 wurden in Niederbayern 154 Anzeigen zu K.-o.-Tropfen erstattet. Die Zahlen in den Städten sind höher als die in Gemeinden. Klar, in den Städten gibt es mehr Lokale und Discos.

All diese Zahlen betreffen nur Anzeigen, die Betroffene bei der Polizei erstattet haben. Diese erfolgen meist im Zusammenhang mit Raubdelikten oder Sexualdelikten. „Die Geschädigten stellen die Vermutung an, dass ihnen Mittel verabreicht wurden, die einen Filmriss auslösten“, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz. Oft liege auch übermäßiger Alkoholkonsum vor, eine Verabreichung von K.-o.-Tropfen sei aber nicht auszuschließen. Viele aber – wohl die Mehrheit aller Betroffenen – gehen nicht zur Polizei. Die Gründe dafür sind verschieden. Sie schämen sich. Sie haben Angst. Oder sie wollen nicht, dass Freunde und Familie davon erfahren.

GHB wirkt im Körper zwischen einer und drei Stunden. Wie verhält sich jemand, der K.-o.-Tropfen bekommen hat? Ähnlich, wie jemand, der zu viel getrunken hat.

 

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