K.-o.-Tropfen Hier geht's zum zweiten Teil

Ob jemand Opfer von K.-o.-Tropfen geworden ist, weiß der Betroffene oft selbst nicht sicher. Der Nachweis ist schwierig und die Erinnerung weg. Foto: Florian Wende

Dem Betroffenen wird schlecht, er hat Kreislaufprobleme, torkelt umher, wird müde. „Als Außenstehender kann man kaum feststellen, ob jemand K.-o.-Tropfen erhalten, oder einfach nur zu viel getrunken hat“, sagt Heidi Lachner. Und: K.-o.-Tropfen sind im Körper schwer nachweisbar. Nämlich nur dann, wenn ein Arzt während des Rauschzustands Blut abnimmt. Danach hat der Körper den Stoff abgebaut. Betroffene wissen am Tag danach oft selbst nicht sicher, ob sie Opfer von K.-o.-Tropfen geworden sind.

Für die Polizei ist die Aufklärung schwierig, „da in den wenigsten Fällen der Nachweis erbracht werden kann“, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz. Alfons Windmaißer, Chef der Polizeiinspektion Cham, meint: „Es handelt sich beim Verabreicher selten um eine Person, die noch nie Kontakt zum Betroffenen hatte.“

Der Gürtel ist nicht das einzige, was Tobias nach seinem Volksfestbesuch fehlt. Die Erinnerung an den vergangenen Abend ist weg. Seinem Kumpel Sebastian geht es ähnlich. Die 16-Jährigen teilen sich eine Maß Bier. Was danach passiert, weiß keiner von ihnen. Nur ihre Begleitung bemerkt, dass sich die Jungs komisch verhalten. Tobias wird schlapp, kann sich kaum auf den Beinen halten. Er übergibt sich und schläft auf einer Bierbank ein. Der sonst zurückhaltende Sebastian dreht durch. Er rennt umher und will jedes noch so halsbrecherische Fahrgeschäft ausprobieren. Wo kommt das GBL her, das manche als K.-o.-Tropfen missbrauchen? Das Bundesgesundheitsministerium teilt mit, dieses werde „überwiegend in Asien hergestellt und über Internet-Shops im Ausland bezogen“.

Die Onlineshops versprechen „Deutsche Ware“ und „99 Prozent Reinheit“

Bei der Recherche erscheinen schon nach kurzer Zeit mehrere Shops, über die man GBL beziehen kann. Sie wirken gar nicht mal unseriös, versprechen „Deutsche Ware“ und mindestens „99 Prozent Reinheit“. Als Anwendungsmöglichkeiten wird das Entfernen von Rost, Ölflecken, Kleberesten oder Nagellack genannt. Warum kann man so leicht an GBL kommen? Das Bundesgesundheitsministerium antwortet: „GBL ist eine Industriechemikalie, die weltweit in sehr großen Mengen hergestellt, gehandelt und industriell verarbeitet wird.“

Philipp Lang, ein Mit-Betreiber von Discos in Cham, Bad Kötzting und Regensburg, setzt auf Videoüberwachung: „Damit ist auch nachträgliche Aufklärung möglich.“ Zudem kontrolliere der Sicherheitsdienst Gäste beim Betreten stichprobenartig auf das Mitführen gefährlicher Substanzen. Er beobachte in den vergangenen Jahren einen leichten Anstieg der Verdachtsfälle.

Joschi Schindler, Besitzer einer Landshuter Bar, fällt auf, dass Gäste ihre Getränke nur noch selten aus den Augen verlieren. Seine Bar hat sich der Initiative „Luisa ist hier“ angeschlossen. Wenn sich eine Frau bedroht oder belästigt fühlt, kann sie mit dem Codesatz „Ist Luisa hier?“ das Personal auf sich aufmerksam machen.

Eine Clique sitzt in einer Bar. Als Stefan und Andreas zahlen, fällt ihnen der ältere Mann in Lederjacke auf. Er wirft interessiert einen Blick in ihre Geldbeutel, die gut gefüllt sind. Später in einer Disco: Stefans Blicke irren umher, er torkelt. Als die Gruppe die Disco verlässt, zwängt er sich zwischen zwei Lastwägen hindurch, verdreckt dabei seine Jacke stark. Doch eigentlich ist Stefan eine sehr reinliche Person. Der nächste Tag beginnt für ihn um 17 Uhr, erst da wacht er auf. Erinnern kann er sich an nichts mehr. Andreas schläft ebenfalls lange. Auch bei ihm endet die Erinnerung an den Abend zuvor beim Verlassen der Bar. Ihr Geld haben beide noch.

GBL ist farblos und geruchsneutral. Der Geschmack wird in Foren als salzig oder seifig beschrieben. Nur Tests, wie zum Beispiel Stäbchen zeigen, ob K.-o.-Tropfen im Getränk sind. Doch die Tests können nur einmalig verwendet werden. Man müsste sie immer wieder machen. Und mal ehrlich: Das würde die Partylaune ganz schön verderben. Apothekerin Heidi Lachner sieht nur eine Lösung: „Man müsste GBL vergällen.“ Das bedeutet: durch Bitterstoffe ungenießbar machen.

Bayern möchte GBL ins Betäubungsmittelgesetz bringen – doch das ist schwierig

Der Vorschlag, GBL zu vergällen, erscheint dem Bundesgesundheitsministerium nicht zielführend: „Der zugefügte Bittergeschmack könnte leicht übertönt beziehungsweise der Vergällungsstoff wieder entfernt werden.“ Bayern setzt sich dafür ein, GBL dem Betäubungsmittelgesetz zu unterstellen, wie ein Sprecher des Bayerischen Gesundheitsministeriums sagt. Solche Gesetzesänderungen können jedoch nur vom Bund getroffen werden. Dieser ist der Forderung bislang nicht nachgekommen. Das Bundesgesundheitsministerium erklärt dazu: „Als Industriechemikalie untersteht GBL nicht dem Betäubungsmittelgesetz.“ Das Narkosemittel GHB aber schon.

Es ist ein Dilemma: GBL wird in der Industrie in zu großen Mengen benötigt, um den Stoff zu verbieten oder zu vergällen. Doch viel zu oft landen wenige Milliliter in den Getränken junger Leute und bescheren diesen einen schrecklichen Abend, der schlimme Folgen nach sich ziehen kann.

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading