Judentum Drei Menschen, ein Glaube: Wie Juden in Bayern leben

Blumen und Kerzen stehen neben der Tür zur Synagoge in Halle, vier Tage nach dem rechtsextremistischen Anschlag auf die Gemeinde. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Zwischen Antisemitismus und Alltag: Rund 16 000 Juden leben in Bayern. Mit dreien von ihnen haben wir über ihre Erfahrungen, Wünsche und Ängste gesprochen.

München Giesing. Heinrich Rotmensch sitzt auf einem Metallstuhl und nimmt einen Schluck Schwarztee. Vor ihm steht ein Glastisch mit Blumendecke. Darauf die Keramiknachbildung einer Synagoge (Die Erklärung zu allen Wörtern, die im Text gefettet sind, findest du hier), stapelweise Kassetten und Fotos. Erinnerungsstücke aus 94 Jahren, Heinrich Rotmenschs bisherigem Leben. Er beginnt zu erzählen. Melodisch, die schlesische Färbung deutlich hörbar.

14 sei er gewesen, als ihn die SS aufgegriffen habe. Im Winter 1939, wenige Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen. Ein schmächtiger Junge mit blonden Locken. Dass ein SS-Mann einige Tage zuvor seinen Vater erschossen hatte, habe er damals nicht geahnt. Wie auch. Im Lager Johannesdorf habe er seine Familie nicht kontaktieren können.

Die französische Armee befreite Heinrich Rotmensch

Später, im KZ Fünfteichen und in Buchenwald, habe die Ungewissheit noch zugenommen. Schlimm sei das alles gewesen, am schlimmsten aber in Spaichingen. „Die Nazis haben Mörder aus den Gefängnissen geholt und als Aufseher eingesetzt, um uns zu vernichten“, sagt Heinrich Rotmensch. Seine Stimme wird brüchig. Mit bloßen Händen habe er in einer Lehmgrube geschuftet. In Lumpen gehüllt. Frierend und hungrig. „Viele haben das nicht ausgehalten und sich erhängt.“

Kurz vor Kriegsende räumte die SS das Lager, trieb die Häftlinge Richtung Südosten, erschoss die Schwachen. Bei Bad Wurzach befreite die französische Armee die Überlebenden. „Moi, juif“, habe Heinrich Rotmensch gerufen, „ich bin Jude.“ Sein Gegenüber habe das Maschinengewehr gesenkt, sei auf ihn zugegangen und habe ihn umarmt. Sehr, sehr lange. Der Sohn des Rabbis von Casablanca, wie sich später herausstellte. Nach dem Krieg hat Heinrich Rotmensch einen erfolgreichen Jeansladen in München betrieben, wo er seit den 50er-Jahren lebt. „Ich habe hier viele Menschen kennengelernt und wurde von den meisten gut aufgenommen.“ Er zeigt auf die Kassetten, die sich vor ihm türmen: „Kennen Sie eigentlich Klezmer?“, fragt er. „Ich habe über 1 000 jiddische Songs gesammelt.“ Am besten gefalle ihm „Meine jiddische Mamme“ von Hana Hegerová, weil es so schön sei und so traurig.

Jiddisch erinnert Diana Liberova an ihre Kindheit

Selbstverständlich hat auch Diana Liberova das Stück im Repertoire. Mit ihrem kraftvollen Sopran tritt die Nürnbergerin in verschiedenen Klezmer-Formationen auf. Für sie sei das wie eine Oase im Alltag. „Ich nutze jede Gelegenheit, um Jiddisch zu singen, weil ich es liebe“, betont sie und lächelt.

Die 38-Jährige erinnert die Sprache an ihre Kindheit in St. Petersburg, dem damaligen Leningrad. Da Religionen in der Sowjetunion verboten waren und jüdisch als ethnische Zugehörigkeit galt, hätten vor allem die Lieder, die sie mit ihren Großeltern verbinde, Kultur transportiert. „Wir singen mit Freude über leidige Geschichten des Lebens. Ich glaube, das ist typisch jüdisch“, so Diana Liberovas Einschätzung. Wenn sie heute vor Publikum steht, will sie zeigen, dass es in Deutschland eine moderne jüdische Kultur gibt.

Für Diana Liberova selbst und ihre Familie spielt die Religion eine wichtige Rolle. Sie geht mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in die Synagoge, hält sich an die Essensvorschriften. Im Großen und Ganzen fühlt sie sich in Deutschland sicher – auch nach dem Attentat von Halle. Dort hatte ein Rechtsextremist diesen Oktober versucht, in die Synagoge im Paulusviertel einzudringen. Es misslang ihm, auf seiner Flucht erschoss er zwei unbeteiligte Menschen. Nur manchmal, wenn Rechte in der Stadt aufmarschieren, steigt ein mulmiges Gefühl in Diana Liberova hoch.

Antisemitismus gibt es nach wie vor in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Für Diana Liberova ist das mit ein Anreiz, sich zu engagieren. Schon während ihres Studiums war sie im Ausländerbeirat, seit 2014 sitzt sie für die SPD im Nürnberger Stadtrat.

Davids Botschaft: „Ich bin Jude – und ein ganz normaler Mensch“

Mitglied eines politischen Gremiums ist David Weissmann nicht. Dennoch liegt dem 19-jährigen Münchner viel daran, jüdisches Leben sichtbar zu machen. Deswegen beteiligt er sich beispielsweise an Likrat, einem Dialogprojekt, bei dem Juden mit Schulklassen ins Gespräch kommen. Seine Botschaft lautet: „Ich bin Jude – und ein ganz normaler Mensch.“ Seinen Freunden sei das sowieso klar. Am Anfang hätten sie sich zwar gewundert, dass Cheeseburger wegen der Kaschrut für ihn tabu seien und er am Sabbat nicht U-Bahn oder Fahrrad fahre. Da David aber offen über seinen Glauben spricht und ihn erläutert, haben die Irritationen bald nachgelassen.

Dass er seine Kippa im Alltag unter einer Kappe versteckt, sei Prävention. „In Deutschland ist mir bisher nie etwas passiert, in Georgien schon.“ Diesen Sommer hat er sich in Tiflis mit einer Gruppe jüdischer Jugendlicher auf den Weg zur Synagoge gemacht. Die Kippa auf dem Kopf, Gebetsbücher in der Hand. „Da kam ein Mann und hat gefragt, ob er uns die Thora abkaufen könne. Schließlich müsse man seine Feinde kennen. Danach hat er uns vorgeworfen, wir hätten den Zaren auf dem Gewissen und seinen Gott getötet“, erinnert sich David.

Er senkt den Blick, der Schreck scheint immer noch tief zu sitzen. Die Kippa sei für jüdische Männer übrigens ein Zeichen, dass man an Gott denken soll. Frauen hätten das nicht nötig. „Männer sind wie ein Knopftelefon, das eine Antenne braucht. Frauen sind Smartphones, die schon alles integriert haben.“ Eine Erklärung, bei der man sich nicht wundert, dass David Informatik studiert.

 

Die Erklärung zu allen Wörtern, die im Text gefettet sind, findest du hier.

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