Jahresrückblick Was wir vom Corona-Jahr 2020 gelernt haben

Wir mussten uns beschränken, konnten Freunde und Verwandte nicht sehen. Aber 2020 war nicht alles schlecht. Foto: Anna-Lena Weber

Videokonferenzen, Urlaub daheim und echte soziale Netzwerke: Das nahmen wir aus dem Corona-Jahr 2020 mit. 

Matthias Keck: Selbstfindung durch andere

Wir brauchen Orte, an denen alles zusammenkommt. In der Schule geschieht das. Das wurde mir in diesem Pandemiejahr klar. Alles, das sind: alle Interessen, alle Arten von Menschen, alle Stimmungslagen. Bis zum Frühjahr 2020 musste ich mich jede Woche mit Lehrern herumschlagen, die mir auf die Nerven gingen. Um mich herum waren nicht nur meine Freunde, sondern auch Mitschüler, die ganz anders ticken als ich. Dann kam der Lockdown.

Zu Hause war ich auf Social-Media-Seiten unterwegs, die mich interessierten. Ich telefonierte mit Leuten, die ich mochte. Die Folge: Ich kreiste um mich selbst, stand still. In der Schule war das anders. Der Typ in der Reihe vor mir wollte Physik studieren – eines meiner Hassfächer. Und das Mädchen neben mir interessierte sich für Reitsport, im Gegensatz zu mir. Sich auch mit ihnen zu unterhalten, ist wertvoll. Nur wenn ich sehe, wie andere denken, erkenne ich mich selbst ganz. Nur wenn ich andere um mich habe, entwickle ich mich weiter. 

Stefanie Sobek: Echtes soziales Netzwerk

Ja, ich gebe es zu: Ich tippe mich liebend gerne durch Insta-Stories und WhatsApp-Status. Doch was ich 2020 gelernt habe, hat nichts mit digitalen Inhalten zu tun. Denn nach zweimal zwei Wochen Quarantäne weiß ich: Das, was zählt, ist ein echtes soziales Netzwerk. Es hat uns als Familie tief bewegt, wie lieb sich unsere Freunde in diesen Zeiten um uns gekümmert haben. Ob Milch, Brot, Duschgel oder Hausaufgaben – wir wurden versorgt. Und spätestens, als Oma und Opa am Sonntag einen Schweinebraten mit Knödeln vor die Tür gestellt haben, war uns klar: Wir sind auch im echten Leben nicht allein. 

Sebastian Geiger:

Im April hatte ich meinen großen Streamingdurchhänger. Auch wenn man Netflix nicht fertigschauen kann, das Gefühl kann sich trotzdem einstellen und einen in tiefster Langeweile zurücklassen. Also habe ich mich meinem riesigen Noch-zu-lesen-Bücherstapel gewidmet und festgestellt: Auf eine gewisse Weise ist Lesen noch viel besser als Netflix. Man hat nicht nur länger etwas davon, es regt auch die Vorstellungskraft an und macht mit einer heißen Tasse Tee gleich doppelt so viel Spaß.

Sophia Häns: Momente aus der Kindheit

Als Kind hatte ich vor allem eines: Zeit. Die habe ich genutzt. Wahrscheinlich habe ich in meiner Kindheit beinahe täglich etwas Kreatives angefangen. Viele Jahre später hatte ich während des ersten Lockdowns erneut vor allem eines: Zeit. Und habe mich zurückerinnert an all die Dinge, die ich als Kind getan, aber als Erwachsene aufgegeben habe.

Nun nehme ich mir für Selbstfürsorge und Persönlichkeitsentwicklung wieder bewusst Zeit. Für mich alleine, ohne Ablenkung, ohne Handy. In diesen Minuten male, schreibe oder stricke ich, mache Yoga, Dehnübungen, gehe laufen oder eine Runde Spazieren. Vor allem Letzteres habe ich vorher nie getan, seit März aber ständig. Tut gut und kann laut aktueller Forschung auch Depressionen oder anderen Erkrankungen vorbeugen.

Kerstin Bauer: Gassi-müde Hunde

Wer einen Hund hat, weiß: Man hat nicht immer Lust auf Gassigehen. Doch unsere Vierbeiner sind jedes Mal total aus dem Häuschen, wenn sie endlich raus dürfen. Das alles änderte sich in diesem Jahr. „Ich geh jetzt dann mit den Hunden“, verkünde ich fröhlich. „Ich bin aber vorher schon eine große Runde mit ihnen gegangen“, entgegnet die Mama. „Ich wollte auch noch mit ihnen gehen“, hört man aus einem anderen Zimmer von der Schwester.

Der eigene Hund wurde durch Corona zum begehrten Flucht-Objekt aus den eigenen vier Wänden. Unsere Wauwaus waren bald ziemlich ausgelaugt vom ganzen Spazierengehen. Und lagen nur noch regungslos auf der Couch, wenn wieder jemand sagte: „Gehen wir Gassi?!“

Florian Wende: So schön ist Deutschland

Campen? Verschwitzte Nächte in einem klebrigen Zelt. Puuuh ... muss nicht sein! In Deutschland? Weiße Tennissocken in beigen Sandalen, dazu Karohemd und Sonnenhut. Niemals! Dachten wir bis zu diesem Sommer auch und wurden eines Besseren belehrt – zum Glück! Denn Camping in Deutschland war für uns das Beste, was diesen Sommer möglich war. Reisen außerhalb Europas waren praktisch nicht möglich, die Corona-Lage in der EU uns zu unsicher, ein gemietetes Campmobil die perfekte Lösung.

Und dann erst Deutschland selbst! Sehnsucht nach dem Grün Südostasiens? Ab zur Saarschleife! Lust auf rote Felsen wie im Westen der USA? Nichts wie hin zu den Altschlossfelsen! Vorliebe für kleine Gässchen und schnuckelige Häuser wie in Prag? Willkommen in Quedlinburg! Und dann haben wir noch nicht über die Sächsische Schweiz, die Schwäbische Alb und das Mosel-Gebiet gesprochen! Deutschland ist eine Reise wert. Mindestens eine!

Sandra Bauer: Wertvolles Grün

Manchmal kann er echt nerven: Unkraut jäten, Rasen mähen, Laub rechen – ein Garten macht viel Arbeit. Doch noch nie waren meine Familie und ich so dankbar für unser eigenes Grün wie in diesem Corona-Frühling. In Berlin duften Passanten nicht mal mehr auf einer Parkbank Platz nehmen. Eine vierköpfige, befreundete Familie fristete die endlos-scheinenden Tage in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung in München. Ohne Balkon wohlgemerkt. Und wir? Wir genossen die aus dem Winterschlaf erwachende Natur und die Frühlingsluft in vollen Zügen. Täglich. Und noch nie waren unsere Beete so hingebungsvoll gepflegt wie in diesem Jahr.

Anna-Lena Weber: Klein und unbedeutend

Corona hat uns wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht. Betrachtet man das große Ganze, ist der Mensch klein und (relativ) unbedeutend. Kaum kommt ein winziges Virus ums Eck, geht der allmächtige, ach so tolle Mensch k.o.

Fakt ist: Wir brauchen die Erde und nicht anders herum. Deshalb sollten wir doch auch bitte respektvoller mit ihr umgehen. Corona ist vielleicht ein guter Anstoß dafür, unsere Arroganz zu überdenken.

David Voltz: Unnötiger Uni-Druck

Freitag, 9 Uhr: Ich sitze in Jogginghose am Schreibtisch, schaue gezwungen nachdenklich in die Kamera und habe gerade ein Online-Seminar. Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, wie Corona mein Studium verändert, hätte ich ihn ausgelacht. Und jetzt sitze ich Tag für Tag zu Hause und vermisse den Campus.

Aber ich habe auch etwas aus dieser turbulenten Zeit gelernt: Die Regelstudienzeit wird überbewertet! Jeder setzt sich im Studium unter Druck, rechtzeitig fertig zu werden. Aber was bringt’s einem am Schluss? Außer Stress doch gar nichts! Das habe ich akzeptiert, denn die Pandemie zeigt mir: Das Leben ist unberechenbar. Und so unberechenbar ist auch die Zeit, die man braucht, um ein Studium zufrieden abzuschließen.

Sonja Ettengruber: Neue digitale Einblicke

Bis März sind wir quer durchs Land geflogen oder gefahren, haben Stunden im Stau verbracht. Das Seminar, die Sitzung, die private Feier waren uns selbstverständlich wichtig, kein Weg dorthin zu weit. Dann kam der Lockdown und mit ihm die erste Einladung zu einem ZOOM-Meeting. Plötzlich sah man auf dem – meist heimischen – Bildschirm die Kollegen oder Freunde aneinandergereiht wie bei einem Adventskalender am Küchentisch in die Kamera winken. Wie aufregend! Und doch so entspannt. Ganz neue Einblicke.

Natürlich war anfangs alles wacklig und verzerrt. Eine Viko (Videokonferenz) musste erst geübt werden. Nun wissen wir, dass das Mikro aus bleibt, wenn ein anderer spricht und dass man die Hand hebt, wenn man etwas sagen will. „Digital shift“ nennt ein Kollege diesen Wandel.

Ja, jetzt zeichnen wir Vikos auf, streamen, schalten uns auf unterschiedlichen Plattformen zusammen, egal wo der Einzelne gerade ist. Das wird auch nach Corona bleiben und unser wirkliches Leben ergänzen. Wir sind dann hybrid unterwegs. Und sehnen jetzt schon die Treffen live und in Farbe herbei!

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