Jahn-Verteidiger im Interview Oli Hein: "Es fühlt sich einfach gut und richtig an"

Oliver Hein, hier vor der Hans-Jakob-Tribüne im Regensburger Stadion, hat seinen Vertrag beim SSV Jahn Regensburg um eine Saison verlängert und wird seine Karriere dann beenden. Foto: Fabian Roßmann

Rechtsverteidiger Oliver Hein (29) hat vergangene Woche seinen Vertrag beim SSV Jahn Regensburg um ein Jahr verlängert, gleichzeitig aber auch sein Karriereende für den Sommer 2021 angekündigt. Damit hat Hein seine gesamte Profilaufbahn bei nur einem Verein verbracht - etwas, das heutzutage nicht mehr viele Spieler schaffen. Im idowa-Interview spricht Hein über seine Entscheidung, seine Zukunft und die aktuelle Situation.

Herr Hein, Sie haben vergangene Woche verkündet, noch ein Jahr beim Jahn zu bleiben, dann Ihre Karriere aber zu beenden. Wie kam es zu diesem Entschluss?
Oliver Hein: Die Überlegungen haben sich über mehrere Monate hingezogen. Wenn man erste schwerere Verletzungen hat, dann kommt allgemein der Zeitpunkt, an dem man sich auch über die Zeit nach der Karriere Gedanken macht. Bei mir war das nicht nur verletzungsbedingt, ich habe mir schon öfters Gedanken gemacht, was danach kommt. Die Verletzungen haben das Ganze dann nochmal intensiviert. Ich habe auch einen Plan für die Zeit danach im Kopf. Man kann das dann nach hinten rausschieben, bis man 35, 36 Jahre alt ist. Aber das wäre für mich nicht infrage gekommen. Ich finde, dass dafür 2021 der richtige Zeitpunkt kommt.

Gab es auch die Überlegung, schon im kommenden Sommer aufzuhören?
Hein: Diese Überlegungen waren natürlich auch dabei, für mich war vorab auch nie in Stein gemeißelt, 2021 aufzuhören. Aber ich fühle mich im Moment gut, soweit es die Folgen meiner Verletzungen zulassen. Und wenn ich ehrlich bin, hätte ich jetzt im Sommer kein gutes Gefühl, wenn ich aufhören würde.

Warum nicht?
Hein: Wir verlieren mit Marco Grüttner und Andi Geipl zwei wichtige Spieler, die sehr viel Identität reinbringen. Auch deshalb ist für mich noch nicht der Punkt gekommen, an dem ich sage: Da kann ich ruhigen Gewissens meine Schuhe schon an den Nagel hängen. Ich glaube schon, dass ich da noch ein wichtiger Faktor sein kann für die Mannschaft. Dann ist es 2021 aber auch gut, den Weg freizumachen und die Verantwortung an jüngere Spieler abzugeben.

Wie sehen sie denn die aktuelle Entwicklung in der Mannschaft?
Hein: Wir befinden uns in einer kleinen Umbruchphase. Es ist wichtig, dass man sich die Identität erhält und vor allem den Neuen, die dazu kommen, das auch immer wieder bewusst macht, was das alles hier bedeutet. Man darf nie vergessen, wo man herkommt. Wenn man die Enttäuschung der Zuschauer nach dem Spiel gegen Dresden sieht, dann ist das für uns als Fußballer natürlich einerseits verständlich, andererseits erkenne ich darin aber auch die Gefahr, dass man ein wenig den Blick dafür verliert, was das hier alles bedeutet für den Jahn. Die aktuelle Situation ist tagtäglich immer noch ein Geschenk. Das muss man sich immer wieder bewusst machen und auch bewusst nach außen tragen. Natürlich kann man enttäuscht sein, aber man muss trotzdem noch wissen, wo man herkommt.

Die Stimmung nach der Dresden-Niederlage war gerade online in Teilen extrem. Haben Sie das Gefühl, dass sich viele dessen nicht mehr bewusst sind, wo der Verein noch vor gar nicht langer Zeit war?
Hein: Ich lese relativ wenig über uns selbst. Aber natürlich kriegt man am Rande mit, wie die Stimmung ist. Ich habe schon das Gefühl, dass die aktuelle Situation beim ein oder anderen, der das von außen betrachtet, schon als Selbstverständlichkeit gesehen wird. Dadurch dass es das dritte Jahr zweite Liga ist und dass wir immer noch gut dastehen. Es ist extrem schwierig, wenn man auf einer so positiven Welle wie die letzten Jahre surft, immer wieder runterzukommen und zu schauen, was war unter der Welle? Wie ging die Welle los? Dass da davor ein Felsen war, gegen den die Welle gebrandet ist und hier alles fast zusammengebrochen ist, bis sich die Welle erst hat entwickeln können, das darf man nicht vergessen, das ist extrem wichtig. Die Gefahr besteht auch für uns Spieler, Dinge als Selbstverständlichkeit zu sehen. Wir dürfen mit in den schönsten Stadien Deutschlands spielen. Das ist schon ein Privileg. Ich weiß noch gut, wie es war, in der Regionalliga auf Dorfsportplätzen aufzulaufen. Sich das immer wieder bewusst zu machen, ist wichtig. Man darf nichts als selbstverständlich ansehen.

Was vermitteln Sie Spielern, die nicht mehr das alte Jahnstadion, die Geschäftsstelle in Containern oder die alten Trainingsplätze kennen?
Hein: Das ist schwierig. Identität kann man nicht verpflichten, die muss man schaffen und leben. Die Erfahrungsschätze, die man aus der Vergangenheit hat, kann man durch Erzählungen weitertragen, aber das wird nie so intensiv sein, wie wenn man es selbst miterlebt hat. Trotzdem muss man versuchen, sich das zu bewahren. Auch wenn Fußball ein Kommen und ein Gehen ist und sich die Mannschaft immer wieder verändern wird, sind wir ein Club, für den es wichtig ist, dass er aus seiner Vergangenheit lernt, sonst wird es schwierig.

In der Mannschaft sind kommende Saison – Stand jetzt – mit Ihnen, Sebastian Nachreiner, Markus Palionis, Marc Lais und Jann George nur noch fünf Spieler, die die Regionalliga-Saison mitgemacht haben. Mit Marco Grüttner und Andi Geipl verabschieden sich im Sommer zwei Spieler, die in den letzten Jahren das Gesicht und auch die Mentalität der Mannschaft geprägt haben. Wie schafft man es, sich dennoch die Identität der letzten Jahre zu bewahren?
Hein: Es geht schon darum, sich die Identität zu bewahren, aber trotzdem nicht darauf zu beharren, dass alles starr so bleiben muss. Die Identität muss sich mitentwickeln, weil neue Spieler auch viel frisches Blut in die Mannschaft bringen und daraus auch etwas Gutes entstehen kann. Man muss schauen, dass man das richtig einsetzt, dass man den alten Geist weiterentwickelt. Ich glaube, es ist extrem schwierig, dass man eine gewisse Identität in neue Spieler hineinbringt, weil die nur durch Erlebnisse, durch Erfolge oder Niederlagen, entstehen kann. Es ist trotzdem wichtig, dass man einen Rahmen vorgibt, dass man klare Werte hat, für die der Jahn und die Mannschaft stehen wollen und dass man alles daran setzt, dass man möglichst viele positive Erlebnisse hat, die eine neue Identität prägen können.

Die Mannschaft hat in den vergangenen Jahren auch eine besondere Mentalität, niemals aufzugeben, ausgezeichnet. Von außen hat man schon den Eindruck, dass das nicht mehr in der Ausprägung vorhanden ist, wie es zu Hochzeiten der Fall war. Täuscht das Gefühl?
Hein: Ich würde es anders ausdrücken: Im Moment ist es auf jeden Fall so, dass wir nicht die nötige Durchschlagskraft entwickeln können. Wir kriegen es nicht hin, wenn wir in Rückstand geraten, dieselbe Power und Intensität zu entwickeln und zu sagen: Jetzt geht‘s erst richtig los. Zu wissen, jetzt fliegen die Bälle rein und es brennt lichterloh beim Gegner. Dieses Gefühl zu erzeugen, schaffen wir aktuell nicht ganz. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir da alle in die Verantwortung nehmen. Nicht nur wir Spieler, auch von der Tribüne, vom kompletten Stadion aus, kann viel entstehen. Für uns geht es darum, dass wir das wieder finden und dass wir als Kollektiv daran glauben, dass wir das haben. Ich glaube nicht, dass wir unsere Mentalität verloren haben. In gewissen Situationen haben wir aktuell einfach auch nicht das Quäntchen Glück, dass wir Tore zum richtigen Zeitpunkt machen. Das ist etwas, das muss man sich hart erarbeiten, irgendwann kommt das auch wieder zurück.

Wenn man sich daran erinnert, wie die Mannschaft ein 0:3 gegen Düsseldorf oder ein 0:2 gegen Ingolstadt jeweils in einen Sieg gedreht hat, dann hat man von außen nicht das Gefühl, dass das aktuell auch möglich wäre.
Hein: Ich glaube schon, dass uns da im Moment die letzte Entschlossenheit, das letzte Durchsetzungsvermögen ein bisschen fehlt, nochmal am letzten Spieler vorbeizugehen, den letzten Zweikampf zu gewinnen, den Ball quer oder über die Linie zu grätschen. Das Gefühl kann man deshalb vielleicht schon haben, das kann ich nachvollziehen. Aber ich weiß auch, dass jeder Spieler das Beste will. Es gibt eben Situationen, in denen es nicht ganz so funktioniert. In solchen Phasen geht es darum, erstens an sich zu glauben und zweitens hart daran zu arbeiten. Durchsetzungsvermögen und Willensstärke sind schon Dinge, die man sich Tag für Tag hart erarbeiten muss. Es ist eine gefährliche Phase, weil wir mit 32 Punkten auch gut dastehen, es ist grundsätzlich alles in Ordnung. Trotzdem muss man immer wieder Druck aufbauen auf sich selbst, dass man nicht zufrieden wird.

Sie selbst mussten in den letzten Jahren oft die Außenperspektive einnehmen. Wie fühlen Sie sich aktuell nach Ihren Verletzungen?
Hein: Nachwirkungen sind nach solchen Operationen immer da. Aber es ist soweit, dass ich trainieren und spielen kann. Ich bin glücklich, dass ich auf dem Platz stehen kann. Aber ich muss auch keinen Hehl daraus machen, dass es nicht mehr so ist wie früher, dass das alles nicht spurlos am Körper vorübergegangen ist.

Fällt es Ihnen dadurch auch leichter, die aktuelle Rolle, nicht unumstrittener Stammspieler zu sein, anzunehmen?
Hein: Vor allem wenn man länger verletzt ist, definiert man seine Rolle auch neu. Das gibt einem Zeit, über gewisse Dinge nachzudenken. Es spielt mit Sicherheit eine Rolle, dass ich durch die Verletzungen auch erkannt habe, dass es wichtigere Dinge gibt als immer nur jedes Wochenende auf dem Platz stehen zu müssen und sein Glück und seine Persönlichkeit allein darüber zu definieren.

Aber Sie sind sicher dennoch niemand, der sagt: Jetzt gebe ich mich noch eineinhalb Jahre mit der Rolle hintendran zufrieden.
Hein: Das natürlich nicht. Ich sehe meine Rolle schon darin, das Bestmögliche zu tun, damit die Mannschaft bestmöglich funktioniert und wir das Ziel, uns in der 2. Liga zu etablieren, auch erreichen. Dabei gibt es verschiedene Wege, das zu tun. Dort, wo ich gebraucht werde – ob auf dem Platz, im Training oder im Gespräch mit Mitspielern -, will ich mein Bestes geben.

Wenn Sie 2021 Ihre aktive Karriere beenden, dann werden Sie seit dem Nachwuchs kein anderes Trikot als das des SSV Jahn getragen haben. Wie stolz macht Sie das?
Hein: Sehr stolz natürlich. Das hätte ich mir davor so wahrscheinlich auch nie erträumt. Es ist schon etwas Besonderes und so fühlt es sich auch an. Ich habe oft das Gefühl, es ist schon so nah, dass ich aufhöre, aber es sind ja doch noch eineinviertel Jahre hin. Hin und wieder kommen solche Gefühle aber schon auf, vor allem auch Dankbarkeit und Demut. Das muss ich aktuell immer noch ein bisschen unterdrücken, weil noch einiges ansteht. Es ist noch nicht vorbei.

Sie haben in Dingolfing ein Haus mit Praxisräumen gebaut und haben eine Ausbildung zum Heilpraktiker abgeschlossen. Wie wird es 2021 für Sie weitergehen?
Hein: Es wird beruflich dann sicherlich in diese Richtung gehen. Erst einmal steht für mich dann aber ein halbes Jahr Pause an. Ich hatte über meine aktive Karriere hinweg nie die Zeit, wirklich in Ruhe zu reflektieren. Ich habe mein Abiturzeugnis erhalten und vier Tage später war mein Start in der Profimannschaft. Da blieb nie die Zeit, gewisse Dinge zu verarbeiten. Die werde ich mir dann nehmen und freue mich dann auf die neuen Aufgaben. Für mich persönlich kommt der Punkt, an dem ich mich neu orientiere. Fest steht, dass ich dann die Ausbildung zum Osteopathen machen werde.

Sie haben schon verlauten lassen, dass Sie sich nur sehr schwer vorstellen können, dass der Jahn nicht auch zukünftig eine Rolle bei Ihnen spielt.
Hein: Ich kann mir gut vorstellen, im Verein weiter meine Erfahrungen einzubringen. Das ist noch nicht konkret, aber ich glaube, dass ich schon auch Erfahrungswerte entwickelt habe, die unabhängig von der Position als Spieler wichtig sind und vor allem auch Jüngeren weiterhelfen können. In der Entwicklung junger Spieler, vielleicht auch im Übergangsbereich oder mit dem einen oder anderen neuen Ansatz vielleicht auch schon bei den Profis zu arbeiten, das kann ich mir schon gut vorstellen.

Können Sie sich auch vorstellen, einmal in die Richtung Trainer zu gehen?
Hein: Trainer eher nicht. Ausschließen kann man es nie, aber ich glaube, ich habe meine Stärken eher in der individuellen Arbeit mit Einzelnen.

Stand heute ist Ihre Bilanz mit zwei Abstiegen und drei Aufstiegen mit dem Jahn positiv. Wie wichtig ist es Ihnen, dass das auch 2021 noch so ist?
Hein: Das ist das Entscheidende für mich aus sportlicher Sicht. Für den Jahn und seine Zukunft ist es wichtig, sich in der 2. Liga zu etablieren. Wenn man es hinkriegt, einen ähnlichen Weg wie zum Beispiel Heidenheim zu gehen, und dadurch Entwicklungen anschieben kann, die in der 3. Liga einfach nicht möglich sind, wäre es enorm wichtig. Der Jahn hat einiges aufzuholen, hat in den Jahren davor sehr viele Entwicklungen verpasst. Dafür braucht man auch das nötige Kleingeld, dass man eben nicht nur in Beine, sondern auch in Steine investieren kann. Es ist mein persönliches Ziel, mich mit einer +1-Statistik, wie es im Eishockey heißen würde, verabschieden zu können (schmunzelt).

Was bedeutet Ihnen der Jahn?
Hein: Vieles. An sich selbst zu glauben, seinen Werten treu zu bleiben und dass es sich lohnt, all in zu gehen, also alles reinzuhauen. Das sind drei Punkte, die mich diese Zeit besonders gelehrt hat. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich die Schritte der letzten Jahre mitgemacht habe. Es waren nicht immer einfache Schritte, es waren auch schwere Zeiten dabei. Da ist man oft auch am Überlegen, ob man sich neu orientieren will, ob seine Qualitäten überhaupt noch gefragt sind. Es kam auch der Punkt, an dem man sich selbst fragt: Bin ich hier noch richtig, kann ich hier überhaupt noch mithelfen? Diese Momente waren sehr schwierig, im Nachgang aber sehr wertvoll.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie während Ihrer Karriere auch die Möglichkeit hatten, zu einem größeren Verein zu wechseln. Gab es wirklich mal Überlegungen wegzugehen?
Hein: Ja, gab es. Man macht sich da natürlich Gedanken. Ich habe mir immer vorgenommen, Dinge für mich so zu analysieren und so zu handhaben, dass ich nie sagen muss, einen Entschluss zu früh oder zu schnell getroffen zu haben. Ich finde es grundsätzlich wichtig, dass man sich in Ruhe Gedanken über etwas macht - egal, ob es sich im ersten Moment als eine Monsteridee oder als eine Schnapsidee darstellt. Man muss allem erst einmal eine Chance geben und darüber nachdenken. Wer weiß, was aus einer Schnapsidee entstehen kann. Bei mir waren es in meiner Karriere immer wohlüberlegte Entscheidungen. Deswegen geht es mir auch in Summe so gut, weil ich weiß, es waren immer Entscheidungen, die mit meinen Werten und meiner Einstellung einhergehen. Es fühlt sich einfach gut und richtig an.

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