Jahn-Kapitän vor Spiel in der Heimat Marco Grüttner: "Ein kleiner Traum geht in Erfüllung"

Marco Grüttner spielt mit dem SSV Jahn am Samstag bei seinem Ex-Verein VfB Stuttgart. Foto: imago

Als Kind war Marco Grüttner oft beim VfB Stuttgart im Stadion. Am Wochenende darf er als Kapitän des SSV Jahn Regensburg erstmals in der Mercedes-Benz-Arena auflaufen.

Wenn der SSV Jahn Regensburg am Samstag zu Gast beim VfB Stuttgart ist, dann wird es für Stürmer Marco Grüttner ein ganz besonderes Spiel sein. Er kehrt in seine schwäbische Heimat zurück. In Ludwigsburg geboren und in Erdmannhausen aufgewachsen, wohnt er inzwischen in Weiler zum Stein. Ohne Verkehr (Grüttner augenzwinkernd: „Wer den Stuttgarter Verkehr kennt, kann über den Regensburger Verkehr nur lachen.“) sind es 20 Minuten zur Mercedes-Benz-Arena. Im idowa-Interview spricht der Jahn-Kapitän über die aktuelle Situation des Jahn, seine Kindheit als VfB-Fan und das anstehende Highlight-Spiel in Stuttgart.

Herr Grüttner, im vorletzten Spiel, beim 0:6 in Bielefeld, hat der Jahn einen rabenschwarzen Tag erwischt. Schon nach dem 0:2 hatten Sie sich fast Ihr Trikot vom Leib gerissen. Was war los?
Marco Grüttner: In dem Moment habe ich mich einfach nur geärgert, wie wir das Tor bekommen haben. Das war die einzige Phase des Spiels, in der wir ein bisschen drin waren. Mit dem 0:2 ist dann vieles zusammengebrochen. Man sieht es dann so dahin schwimmen.

Warum hat man keinen Zugriff auf die Partie bekommen?
Grüttner: Wir haben es schon probiert, der Wille war da. Aber uns ist an diesem Tag einfach nichts gelungen. Wir haben ein richtiges Katasrophenspiel abgeliefert. Bielefeld hat uns an dem Tag die Grenzen aufgezeigt. Ärgerlich waren die letzten Gegentore, denn 0:6 ist dann schon eine andere Hausnummer als 0:3 oder 0:4. Zumal das unserer Art des Fußballs nicht gerecht wird, denn normalerweise lassen wir uns als Mannschaft nicht so abschlachten.

Haben Sie ein ähnliches Spiel, in dem wirklich gar nichts funktionieren will, schon einmal erlebt?
Grüttner: Ja, in der Oberliga gab es mal ein solches Spiel, da haben wir auch 0:6 verloren und sind nur hinterher gelaufen. Es gibt immer wieder Spiele, in denen du merkst, dass nicht viel geht und der Gegner einfach besser ist. In Bielefeld kamen wir uns vor, als wären wir eine Kreisliga-Mannschaft gewesen.

Sie haben sich kurz vor dem Ende noch Ihre fünfte Gelbe Karte abgeholt. Eine Frustreaktion?
Grüttner: Da war sicherlich viel Frust dabei. Ich wollte aber auch zeigen, dass wir uns nicht einfach abschlachten lassen und es uns nicht egal ist. Zu dem Zeitpunkt war es sicher unnötig, aber wer mich kennt, der weiß, dass ich ein sehr emotionaler Spieler bin.

Das Positive: Sie haben nicht riskiert, durch eine Gelbe Karte gegen Wiesbaden das Spiel in Ihrer Heimat, beim VfB Stuttgart, zu verpassen.
Grüttner: Ich habe schon zu Beginn der Rückrunde gesagt: Mit der neuen Regelung, durch die die Schiedsrichter sehr schnell Gelb zeigen, werde ich wahrscheinlich in jedem Spiel eine Karte sehen, weil ich einfach so emotional auf dem Platz bin. Letztlich war es gut, wie es gelaufen ist. Die Mannschaft hat das Wiesbaden-Spiel auch ohne mich gewonnen und ich habe die blöde Sperre endlich weg. Denn wenn man von einer Sperre bedroht ist, hat man das doch immer im Hinterkopf. Das ist jetzt vorbei und jetzt kann ich auch wieder in die Zweikämpfe reinfegen (schmunzelt).

Folglich mussten Sie im so wichtigen Spiel gegen Wiesbaden zuschauen. Wie war das für Sie?
Grüttner: Das war wirklich schlimm, weil ich nicht helfen konnte. Man sitzt auf der Tribüne und kann gar nichts machen. Ich bin wirklich froh, dass die Mannschaft das Spiel auf unsere Seite gezogen hat, das war ein brutal wichtiger Sieg in einem richtungsweisenden Spiel. Elf Punkte Vorsprung sind nun schon ein Brett, darauf wollen wir aufbauen.

Marco Grüttner auf der Tribüne – wie muss man sich das vorstellen?
Grüttner: Dieses Mal war ich relativ ruhig. Das war vor allem dem geschuldet, dass ich meine Tochter auf dem Schoß hatte. Sonst wäre ich auch da wohl emotionaler gewesen. Unser Physiotherapeut Tobias Rutzinger hat nicht ohne Grund gesagt, er will nicht, dass ich bei dem Spiel auf der Bank sitze (lacht).

Am Wochenende steht nun das Spiel beim VfB Stuttgart, in Ihrer Heimat, an. Ein besonderes Spiel?
Grüttner: Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass mir das nichts bedeutet. Ich war als kleiner Junge schon beim VfB im Stadion, mein Papa hat mich zu jedem Heimspiel mitgenommen. Ich habe viel im Stadion erlebt, ob ein Champions-League-Spiel gegen Manchester United oder die Deutsche Meisterschaft 2007. Ich freue mich unheimlich darauf, damit geht für mich auch ein kleiner Traum in Erfüllung. Zudem wird meine Familie im Stadion sein.

Wie viele Karten mussten Sie besorgen?
Grüttner: Ich glaube, dass für Bekannte, Freunde und Familie schon rund 50 Karten über die Theke gingen.

Waren Sie als Kind ein klassischer VfB-Fan mit Trikot und allem drum und dran?
Grüttner: Ich hatte tatsächlich einmal ein VfB-Trikot. Nummer 9, Giovane Elber. Das magische Dreieck mit Elber, Fredi Bobic und Krassimir Balakow – das war schon eine Zeit, die einen prägt.

Schmerzt es bei diesen Erinnerungen auch ein wenig, dass Sie dem VfB nun als Zweitligisten begegnen?
Grüttner: Für mich ist es super, dass ich noch einmal gegen den Verein spielen darf. Aber für den VfB ist die zweite Liga natürlich eine Katastrophe. Der Verein hat so viel Potenzial, müsste jedes Jahr unter den ersten Acht in der Bundesliga sein. Man sieht ja, wie viele Zuschauer selbst in der 2. Liga ins Stadion kommen. Ich hoffe, dass sie den Schritt zurück in die Bundesliga schaffen – und gehe auch davon aus. Gerne sammeln sie die nötigen Punkte dafür aber erst nach dem Duell gegen uns.

Wagen Sie von außen eine Analyse, wie der VfB in die aktuelle Situation kommen konnte?
Grüttner: Das ist von außen tatsächlich immer sehr schwierig zu sagen, man bekommt die Facts aus dem Innenleben nicht mit. Aber man hat ja in den letzten Jahren immer wieder Vereine gehabt, die nach vielen Jahren in der Bundesliga abgestiegen sind. Hamburg, Hannover, der VfB. Die Konkurrenz schläft einfach nicht, alle Klubs werden besser. Früher hatte man ein größeres Gefälle, da war eigentlich klar, welche Mannschaften gegen den Abstieg spielen und welche vorne dabei sind. Aber das ist heutzutage nicht mehr so, aktuell ist ja auch Werder Bremen ein Beispiel dafür. Beim VfB muss in den letzten Jahren irgendwas nicht gestimmt haben, sonst kommt man nicht in diese Situation. Was genau das war, ist aus der Ferne aber nicht seriös zu beurteilen.

Was wird für den Jahn wichtig, um in Stuttgart zu bestehen und den Favoriten womöglich ärgern zu können?
Grüttner: Wir müssen da anknüpfen, wo wir in dieser Saison schon oft waren, richtig Leidenschaft zeigen und unsere Mentalität auf den Platz bringen. Wir müssen uns da nicht verstecken. Der VfB ist sicherlich mehr unter Druck als wir, sie müssen das Spiel gewinnen. Sie tun sich aber auch manchmal schwer, wie man bei den Heimniederlagen gegen Wiesbaden oder Kiel gesehen hat. Ich bin davon überzeugt, dass wir dort auch etwas mitnehmen können, wenn wir an unsere Leistungsgrenze kommen.

Zumal der Jahn in der Vergangenheit gerade bei den vermeintlich Großen schon für Überraschungen gesorgt hat, zum Beispiel in Hamburg und Köln gewonnen hat.
Grüttner: Wir wissen schon, was wir können. Auch in dieser Saison haben wir zum Beispiel vier Punkte gegen Bundesliga-Absteiger Hannover geholt. Wir sind immer wieder für Überraschungen gut und für eine solche wollen wir auch in Stuttgart sorgen. Was wir allerdings merken, ist, dass uns die anderen Mannschaften nicht mehr unterschätzen und sich auf uns einstellen. Das zeigt, was wir die letzten Jahre geleistet haben, die Gegner beschäftigen sich mit uns. In den letzten Jahren habe sie das vielleicht noch nicht in dem Maße gemacht, haben sich gedacht: Regensburg? Da kennen wir ja gar keinen Spieler. Schauen wir einfach mal. Dann ging‘s eben nach hinten los. Jetzt geht es für uns darum, dass auch wir darauf vorbereitet sind, wenn sich der Gegner auf unsere Spielweise einstellt und uns einen Plan B zurechtlegen.

Haben Sie sich persönlich etwas Besonderes vorgenommen für die Partie?
Grüttner: Man wünscht sich natürlich, gerade in einem solchen Spiel ein Tor zu schießen. Aber letztendlich geht es um den Mannschaftserfolg. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, wieder alles in die Waagschale werfen auf dem Platz. Dann kommt das andere von ganz alleine.

Sie haben zweimal in Ihrer Karriere gegen die zweite Mannschaft des VfB gespielt und dabei vier Tore erzielt. Sie scheinen gerne gegen den Verein zu treffen.
Grüttner: (lacht) Scheint so, ja. Das waren damals besondere Spiele mit den Kickers. Beim VfB stand übrigens André Weis in beiden Spielen im Tor und es ist einfach gut gelaufen. Aber das kann man nicht vergleichen, die zweite Mannschaft und die Profis sind zwei Paar Stiefel. Aber wenn es wieder mit einem Treffer klappen würde, dann würde es mich natürlich freuen.

Was macht das Stuttgarter Stadion aus, das Sie bislang ja nur aus der Zuschauerperspektive kennen?
Grüttner: Für ein so großes Stadion ist man relativ nah dran. Dazu ist es oft voll und es kann enorm laut werden. Es ist ein Stück weit Bundesliga-Flair, das macht es schon besonders. Es ist einfach etwas anderes, ob man vor 50.000 oder vor 20.000 Zuschauern spielt. Wenn wir ein ordentliches Siel abliefern und die Stuttgarter ein bisschen ärgern, dann kann die Stimmung aber auch schnell kippen im Stadion – und dann wird es interessant.

Sie haben selbst drei Jahre für die zweite VfB-Mannschaft gespielt. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?
Grüttner: Es war sehr intensiv, ich habe sehr viel dazu gelernt. Ich durfte bei den Profis trainieren und habe da viel mitgenommen. Leider sind wir im letzten Jahr abgestiegen. Das tat schon weh, den Verein auf diese Art verlassen zu müssen. Aber wären wir damals nicht abgestiegen, wäre ich nicht nach Regensburg gekommen und hätte wahrscheinlich niemals 2. Liga gespielt. Deshalb hatte es für mich persönlich auch irgendwo etwas Gutes.

Sie haben bereits angekündigt, den Jahn am Saisonende verlassen und in Ihre Heimat zurückkehren zu werden. Spielt der VfB in Ihren Überlegungen eine Rolle?
Grüttner: Ich suche etwas, wo ich mir auch beruflich für die Zeit nach der Profikarriere etwas aufbauen kann. Ich weiß nicht, was der VfB will, aber in der zweiten Mannschaft gibt es ja auch die U23-Regel. Und es steht außer Frage, dass ich noch ein bisschen Fußball spielen will. Es wird sich zeigen, was sich ergibt.

Können Sie sich mittelfristig vorstellen, zum VfB zurückzukehren, etwa als Nachwuchstrainer?
Grüttner: Im Fußball darf man grundsätzlich nie etwas ausschließen. Ich bin da nach allen Seiten offen und habe auch noch Kontakte in den Verein. Fußball ist so schnelllebig und keiner kann sagen, was in zwei oder drei Jahren passieren wird. Man muss das einfach abwarten. Jetzt freue ich mich aber ohnehin erst einmal auf meine letzten Monate in Regensburg, das wird noch einmal eine intensive Zeit.

Weitere Artikel

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading