Jahn-Geschäftsführer im Interview - Teil 3 Wie lange haben Sie noch Lust auf den Jahn, Herr Keller?

Geschäftsführer Christian Keller hat den SSV Jahn Regensburg in die 2. Bundesliga geführt, wo der Verein vor dem zweiten Klassenerhalt in Folge steht. Foto: imago

Wie geht der SSV Jahn Regensburg mit den geweckten Begehrlichkeiten um? Und wie schaltet Christian Keller eigentlich mal ab? Das verrät der Geschäftsführer im dritten Teil des idowa-Interviews.

Vor nicht einmal vier Jahren ist der SSV Jahn Regensburg in die Regionalliga abgestiegen und lag in der öffentlichen Wahrnehmung am Boden. Was folgte, war eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Im Eiltempo ging es in die 2. Bundesliga, wo sich die Jahnelf auch im zweiten Jahr anschickt, den Klassenerhalt zu realisieren. In einem dreiteiligen Interview mit Geschäftsführer Christian Keller (40) blickt idowa zurück auf die Entwicklung der vergangenen Jahre. Im dritten und letzten Teil spricht er über die Entwicklung in der 2. Bundesliga, geweckte Begehrlichkeiten und verrät, wie er persönlich abschalten kann.

Der Jahn ging mit vielen Spielern in die 2. Bundesliga, die knapp ein Jahr zuvor noch in der Regionalliga gespielt hatten. Waren Sie von Anfang an überzeugt, dass das funktionieren würde, Herr Keller?
Christian Keller: Ja, davon war ich überzeugt. Wenn wir einen Spieler holen, versuchen wir ja nicht primär das aktuelle Leistungsvermögen zu sehen, sondern die Fantasie zu haben, wo er sich hin entwickeln kann. Ich habe bei vielen Spielern das Gefühl gehabt, die können noch mehr. Aber selbst wenn ich diese Überzeugung nicht gehabt hätte, wären wir mit diesen Spielern hochgegangen, weil die sich das einfach verdient hatten.

Wie bewerten Sie die sportliche Entwicklung der Mannschaft seit dem Zweitliga-Aufstieg?
Keller: Ich finde, dass wir uns im Vergleich zur vergangenen Saison sehr weiterentwickelt haben, was der akribischen Arbeit von Achim Beierlorzer und seinem Trainerteam zu verdanken ist. Wir haben viel weniger Spiele, in denen wir unterlegen sind. Außer dem Spiel in Paderborn und dem Unentschieden in Sandhausen, als wir uns für den Punkt fast geschämt haben, fallen mir nicht viele Spiele ein. Ganz im Gegenteil sind wir immer öfter in der Lage, weite Teile eines Spiels zu dominieren. Deshalb sehe ich da eine sehr starke Weiterentwicklung.

Haben Sie hinter den Klassenerhalt innerlich schon einen Haken gesetzt?
Keller: Nein. Wenn ich das machen würde, wäre das nicht gut. Wenn alle einen Haken machen, dann macht jeder unterbewusst vielleicht ein paar Prozent weniger.

Erfolg weckt bekanntlich Begehrlichkeiten. Wie optimistisch sind Sie, den Großteil der Mannschaft sowie den Trainer halten zu können?
Keller: Wenn wirklich größere Clubs anfragen sollten und ein Spieler das machen möchte, dann können wir ihm diesen Schritt ja nicht verwehren. Da geht es auch um Glaubwürdigkeit. Wenn wir einen Spieler hierher holen, dann sagen wir auch immer zu ihm, dass das ein Sprungbrett für ihn ist. Wenn ein Spieler den nächsten Schritt machen kann, heißt es ja unweigerlich, dass er uns weitergeholfen hat. Stand heute gibt es keine einzige Anfrage. Aber es liegt schon auf der Hand, dass die eine oder andere Anfrage kommen könnte. Wenn eine kommt, dann muss man das im Einzelfall betrachten. Die Grundhaltung ist allerdings: Wir werden keinem Spieler die Chance verwehren, sich weiterzuentwickeln. Damit wir diese Chance ermöglichen, muss der Jahn aber natürlich auch ein schönes Taschentuch in Form von einer finanziellen Entschädigung bekommen, damit wir die Tränen sanft abwischen können (lacht).

Brauchen Sie bei der Trainerpersonalie im Sommer ein Taschentuch?
Keller: Das kann ich noch nicht sagen. Mein Wunsch ist natürlich, dass ich es nicht brauche. Aber da gilt grundsätzlich die gleiche Aussage. Wir haben den Vertrag beidseitig aus voller Überzeugung bis 2022 verlängert, weil es einfach überragend zusammenpasst. Aber klar ist auch: Achim Beierlorzer hat aus meiner Sicht alle Fähigkeiten, um auch in der 1. Bundesliga zu trainieren. Gerne zeigt er das aber erst in ein paar Jahren. Man wird sehen, was kommt, aber auch hier gibt es bislang keine Anfrage.

Beinhaltet der Vertrag des Trainers eine Ausstiegsklausel?
Keller: Zu Vertragsinhalten sage ich nichts. Klar ist: Wenn Achim Beierlorzer den Jahn verlassen sollte, dann gibt es ein ganz sanftes Taschentuch. Es wurde ja teilweise über mich gesagt, ich könnte keine Verträge machen. Aber glauben Sie mir: Der Jahn hat gute Verträge.

Gehen wir davon aus, der Jahn bleibt in der Liga. Was müssen dann die Ziele für kommende Saison sein?
Keller: Dann geht es für uns wieder nur darum, schnellstmöglich die 40 Punkte zu holen. Wenn vergangene Saison Kaliber wie Kaiserslautern und Braunschweig absteigen konnten und der FC Ingolstadt mit seinen Möglichkeiten aktuell Letzter ist, dann müssen wir als „kleiner“ Jahn Regensburg um jedes Spiel und jeden Punkt in der 2. Bundesliga dankbar sein. Das mag nach außen vielleicht langweilig klingen. Aber mit langweilig fährt der SC Freiburg seit Jahrzehnten auch sehr gut.

Wenn Sie den Jahn heute betrachten. Was freut Sie in der Entwicklung der vergangenen Jahre am meisten?
Keller: Der größte Entwicklungsschritt ist für mich, wie der Club wahrgenommen wird. Als ich am Tag nach dem Hamburg-Spiel meine Hemden in die Reinigung gebracht habe und Einkaufen war, bin ich bestimmt von 25 Leuten angesprochen worden. Da haben viele gesagt: Herr Keller, wir sind so stolz auf unseren Jahn. In dieser Aussage freuen mich zwei Aspekte besonders. Dass die Leute stolz sind und dass sie von „unserem Jahn“ sprechen. Das war natürlich auf das Hamburg-Spiel gemünzt. Aber dass die Leute das überhaupt mal sagen, das wäre vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen. Dass die Leute stolz auf den Jahn sind und bleiben, das ist für uns eine Permanentaufgabe und deshalb auch die Vision, die wir für uns gewählt haben.

Wir haben in Teil eins des Interviews über Ihre Emotionen beim Abstieg gesprochen. Was macht die aktuelle Situation mit Ihnen?
Keller: Ich bin glücklich, dass wir alle zusammen das so hingekriegt haben und dass wir aus der damals sehr schwierigen Situation im Kollektiv mit der gleichen Grundhaltung gestärkt hervorgegangen sind. Ich freue mich auch, dass die Mitarbeiter und Spieler, die schon länger da sind, in der aktuellen Erfolgsphase charakterlich genau die gleichen Menschen geblieben sind wie damals in der Misserfolgsphase.

Die vergangenen Jahre waren äußerst zeitintensiv. Was macht Christian Keller, um abzuschalten?
Keller: Sport hilft mir. Ich schaue noch konsequenter als vor drei Jahren, dass ich dreimal pro Woche Sport mache. Ich gehe Laufen, fahre Fahrrad oder gehe in unseren Fitnessraum – meistens zu Zeiten ganz früh oder ganz spät, wo es nicht immer Spaß macht. Alle paar Wochen, wenn es der Spielplan erlaubt, verbringe ich mal ein oder zwei Tage daheim in meinem 800-Einwohner-Heimatdorf Gutmadingen. Da interessiert der Jahn zwar mittlerweile auch alle, aber da ist im positiven Sinne gar nichts los. Wenn ich dort bin, dann schau ich mir mal ein Bezirksligaspiel an und unterhalte mich danach ein bisschen über Fußball. Manchmal schaue ich auch im Fernsehen etwas, das leichte Kost ist – Two and a half men zum Beispiel. Das habe ich übrigens mit Achim Beierlorzer gemeinsam, wie wir kürzlich festgestellt haben. Auch er schaltet bei seichter Unterhaltung im TV gut ab.

Zum Abschluss: Wie lange haben Sie noch Lust auf den Jahn?
Keller: Ich habe noch Vertrag bis 2020 und eineinviertel Jahre sind im Fußball brutal lange. Ich sehe das hier als Projekt und ein Projekt ist dadurch definiert, dass es einen Anfang und ein Ende hat. Wann das Ende ist, weiß ich nicht. Es gibt schon noch ein paar Meilensteine, bei denen ich gerne mithelfen würde. Irgendwann wird aber der Punkt kommen, an dem für mich das Projekt beendet ist. Vielleicht auch deshalb, weil ich dann der Überzeugung bin, dass es einen anderen Impuls braucht, damit es beim Jahn positiv weitergehen kann.

"Das begeistert mich mehr als Platz fünf in der 2. Liga": Lesen Sie hier Teil eins des Interviews mit Christian Keller.

"Alles außer Gewinnen hätte in einem Fiasko geendet": Lesen Sie hier Teil zwei des Interviews mit Christian Keller.

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