Iseltrail in Osttirol Zurück zu den Ursprüngen am Lauf der Isel

Das Ziel des Iseltrails ist erreicht. Die Gesteinspyramide markiert den Ursprung der Isel auf 2.500 Metern Höhe. Foto: Hannes Bräutigam

Fünf Tage lang einem Fluss von seiner Mündung zu seinem Ursprung zu folgen ist schon fast eine philosophische Wanderung. In der Mündung ist der Lebensweg des Flusses nicht mehr klar umrissen, er geht auf in ein größeres Ganzes. Der Weg zu seiner Quelle ist eine Reise in die Vergangenheit und doch dazu geeignet, seine jetzige Gestalt zu verstehen. Unterwegs wird der Fluss gebeutelt in den unterschiedlichsten Ausformungen und Lebenslagen.

Osttirol bietet mit der Isel, dem längsten freifließenden Gletscherfluss der Alpen, von der Mündung in Lienz bis zum Ursprung am Gletschertor im Nationalpark Hohe Tauern die Gelegenheit, die Natur zu genießen oder über den Lauf der Dinge nachzudenken. Der gesamte Trail ist 74,19 Kilometer lang mit insgesamt 2.169 Höhenmetern. Seit einem Jahr kann man den Weg in fünf Etappen begehen.

Von der Mündung zur Schneegeburt

Dank öffentlicher Busse kann die gesamte Isel von einer einzigen Unterkunft aus begangen werden, von Teilstrecke zu Teilstrecke mit mehreren Unterkünften oder mit dem Zelt von Campingplatz zu Campingplatz. Für die letzte Etappe zur Gletscherzunge des Umbalkees unterhalb der Dreiherrenspitze mit 3.499 Metern ist eine Übernachtung auf der Clarahütte notwendig.

Die Mündung der Isel in die kleinere Drau bei der Dolomitenstadt Lienz ist noch geprägt von mediterranem Flair. Über das Iseltal, das Virgental und Umbaltal durchläuft der Gletscherfluss romantische Kaskaden, mit Farnen gesäumte Schluchten und für den Menschen lange unerreichbare Felsabstürze, die das Ursprüngliche bereits erahnen lassen. Dass dieses Naturereignis für Wanderer mit mittlerer Gebirgserfahrung erhalten und erfahrbar bleibt, ist eine Leistung, der sich besonders der 82-jährige Pensionär und gebürtige Innsbrucker Dr. Wolfgang Retter verschrieben hat.

Ein Naturschatz mit Wert an sich

Außerhalb des Nationalparks entstand eine kontroverse Diskussion, wie die Naturgewalt der Isel und ihre umgebende Natur genutzt werden kann. Im Sommer könnten die Wassermassen vom Gletscher ein rentables Kraftwerk betreiben, das viel Geld in die Gemeindekassen spülen würde. Die andere Seite sieht in der freifließenden Isel einen Naturschatz, der an sich bereits einen Wert besitzt und für die nachfolgenden Generationen erhalten werden muss. Das Projekt Kraftwerk wurde mit Skepsis betrachtet: "Mit der Stromtrasse, der transalpinen Ölpipeline und dem Hauptkabel der österreichischen Post ist das Tal voll genug", sagt Wolfgang Retter, der sich das Projekt Isel von Anfang an zu Herzen genommen hat.

Sogenannte Ausschüttungsbecken sorgen dafür, dass eine Überschwemmungskatastrophe, wie in den 1860er Jahren passiert ist, nicht noch einmal geschehen soll. Die Osttiroler hatten die Besiedelung des Tales schon beinahe aufgegeben. Teils regen sich noch Diskussionen an den Nebenflüssen, die die Idee von Kraftwerken nicht aufgeben wollen. Dennoch schreitet der Ausbau des Iseltrails voran, mehrere Getränkestationen ermöglichen einen plastikfreien Wandergenuss.

Vom rauhen Ursprung zum Neustart

Über die Schluchtvegetation, die Gamsen und Murmeltiere kommen die Bartgeier immer näher. Die Natur erschließt sich prächtig, lässt man sich von erfahrenen Rangern wie Maria Mattersberger oder Sigi Hatzer führen. Die Gastgeber der Clarahütte vermitteln bei Gitarre, Gesang und hervorragender regionaler Kost den unverfälschten Ursprung, wie er nur noch eine Übernachtung am Fluss entfernt ist. Wer nicht bis zur Hütte will, erfährt ähnlichen Genuss in der "Heimat". Die Pension haben sich ein Fünf-Sterne-Manager mit seiner Lebensgefährtin, die gleichzeitig naturheilkundliche Expertin ist, wie es der Name schon verrät, zu einer Heimat gemacht.

Das Ziel, eine Gesteinspyramide unterhalb des Gletschers, muss sich verdient werden. Über kurze gesicherte Passagen, die Reibungskletterei erfordern, spannt sich ein nahezu versandeter Gletschersee, an dem sich ein paar Schafe tummeln. Hier lohnt sich ein Innehalten, ein Nachdenken angesichts eines ehemals tösenden Gletscherflusses, der sich hier friedlich seine Bahn durch Grasmatten sucht. Danach geht es wieder zurück nach Virgen, ins Meran Osttirols, um gestärkt seinen eigenen Weg weiterzugehen.

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Osttirol.

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