Interviewserie "Über den Rand" Vom Flohmarkt ins digitale Archiv

Wie oft trifft man auf so einem Flohmarkt Menschen, die gar nicht wissen, was sie da eigentlich Wertvolles haben?

Thomas Haug: Ab und zu kommt das vor. Wobei ein „Schatz“ ja relativ ist. Ein Schatz ist für mich, wenn ich zum Beispiel eine alte Urkunde der Gemeinde finde. Die hat materiell einen Wert von fünf Euro. Für mich als Ortsarchivar ist sie unbezahlbar. Es gibt aber auch objektiv wertvolle Sachen. Einen alten Brief zum Beispiel, mit wertvollen alten Marken drauf. Aber für mich steht das nicht so im Vordergrund. Die Geschichte dahinter ist mir wichtig.

Wie geht man dann weiter vor, wenn man so ein Objekt gesichert hat?

Thomas Haug: Entweder es kommt in die private Sammlung, die Heimatsammlung mit Belegen und ich bring sie nach drüben in die Schule, wo mittlerweile viel eingelagert wird. Vorher wird es bei mir eingescannt. Ich hab dafür von der Gemeinde einen großformatigen Scanner bekommen, für die ganz großen Sachen. Zu Hause hab ich noch einen normalen Scanner. Die Dokumente hab ich alle auch im PC. Dort kommt dann auch noch eine Beschreibung dazu, mit allem, was ich über das Dokument oder das Bild herausfinde. Vor einiger Zeit hab ich von einem Stephansposchinger ein altes Foto bekommen aus den 70er Jahren. Das zeigt, wie die Stephansposchinger Dorfjugend zu der Zeit ausgesehen hat, die Motorräder, mit denen die Leute unterwegs waren, und wie alt und jung damals noch verbunden waren. Ein sehr aussagekräftiges Foto. Wenn ich so ein Bild in der Sammlung anlege, scanne ich es ein und frag in der Bevölkerung herum, wer da drauf ist. Wenn ich die Antworten habe, wird es archiviert. Bei den Fotos schreib ich meistens zusätzlich auf die Rückseite, wer da drauf ist. Das sind Dinge, die sonst verloren gehen würden.

Über die Jahre kommt da bestimmt was zusammen. Wurde das auch schon mal gebündelt ausgestellt?

Thomas Haug: Mit den Räumlichkeiten und der Organisation ist das immer relativ schwierig. Im Prinzip bin ich ein Ein-Mann-Betrieb. Ich bekomme zwar alle Unterstützung, wenn ich was kaufen oder investieren möchte. Aber vom Organisatorischen her ist man dann doch auf sich alleine gestellt.

Also präsentiert wird das Ganze dann publizistisch?

Thomas Haug: Richtig. Entweder in Papierform oder auch im Gemeindeblatt. Ich versuche dann immer, ein bestimmtes Thema abzuhandeln mit dem entsprechenden Material. Einmal zum Beispiel die Geschichte der Raiffeisenbank in Michaelsbuch. Die wurde abgerissen, ist also im Ortsbild nicht mehr vorhanden. In einer vierseitigen Publikation habe ich die Geschichte des Gebäudes und der Bank dargestellt. Ich bemühe mich, alles zu erfassen, von Bulldog- und Fahrzeugweihen bis hin zu Etiketten aus einem Gemischtwarenladen. Das sind alles Dinge, die eigentlich schon lang verloren wären, wenn man sie nicht sortieren und aufheben würde. Pro Ordner kommen dann schon mal 232 Fotos und Dokumente zusammen.

Wenn man so eine historische Aufarbeitung braucht, wie tritt man normalerweise an Sie heran?

Thomas Haug: Meistens sind es die Verantwortlichen vom Verein, die auf mich zukommen. Die Gemeinde fragt auch ab und zu mal nach zu bestimmten Ereignissen. Als in der Lindenstraße die Bäume gefällt worden sind, wollte die Gemeinde das gerne dokumentieren, wie lange es die Lindenstraße schon gibt. Es kommen aber auch Leute, die gerne Familienforschung machen wollen und einen Stammbaum brauchen. Am besten zurück bis 1820 und mit allen Daten drin (lacht). Das kann ich dann leider nicht abdecken. Das schaffe ich nicht nebenbei. Ich mache die öffentlichen Sachen, die für jeden interessant sind, aber ich kann mich nicht zwei Jahre für eine Familienforschung hinsetzen.

… aber ein bisschen Unterstützung gibt‘s schon, oder?

Thomas Haug: Ja gut, ein bisschen Anleitung gibt‘s. Und natürlich kann man auch von mir bestimmte Daten haben, die bei der Recherche helfen. Wenn jemand Eigeninitiative ergreift, dann fördere ich das gerne. Für Festschriften der Vereine liefere ich Daten und Material. Da unterstütze ich die Schriftführer, beim Zusammenstellen einer Chronik zum Beispiel.

Daneben gibt es Vorträge von Ihnen. Wie muss man sich die vorstellen?

Thomas Haug: Mir ist es wichtig, dass es nicht so wissenschaftlich rüberkommt. Die Vorträge über historische Bilder in Stephansposching werden sehr gut angenommen. Ich versuche, nicht mit Zahlen zu langweilen, sondern ich zeige ein Bild, beschreibe etwas dazu, wer da drauf ist und in welchem Zusammenhang das entstanden ist. Meist entsteht schon dadurch eine Kommunikation. Die Leute sagen: „Ja, die Geschichte hab ich auch schon gehört“ oder „ja, den auf dem Bild kenne ich“. Es soll schon immer fundiert sein, vor allem aber soll es der Bevölkerung gefallen, die Leute sollen ihren Spaß dran haben.

Ortsheimatpfleger sind Sie seit 2015…

Thomas Haug: Ja, damals hab ich mein Buch rausgebracht und gleichzeitig bin ich Ortsheimatpfleger geworden.

Lesen Sie im dritten Teil unseres Interviews mehr zu den Zukunftsplänen für das Ortsarchiv und warum auch die Stephansposchinger Schüler bald von ihm profitieren sollen.

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