Interviewserie Über den Rand Ein Wunsch

Wie beurteilen Sie die Entwicklung? Hat sich die Lage im letzten Jahr entspannt?

Baumgartner: Ganz im Gegenteil. Die Lage ist kritischer geworden. Die Boote mit Flüchtenden fahren. Es ist eine Utopie, anzunehmen, dass weniger Boote fahren, wenn weniger Rettungsboote vor Ort sind. Man kriegt es nur nicht mit. Die Leute sterben, weil niemand vor Ort ist. Die Entwicklung geht dahin, dass es umso wichtiger ist, dass Rettungsschiffe auf hoher See unterwegs sind. Einmal sollten wir die Geretteten der lybischen Küstenwache übergeben. Aber das dürfen wir nicht. Das Gegenteil davon steht in der Genfer Flüchtlingskonvention. Man darf die Leute nicht dahin bringen, wo sie herkommen. Man muss erst prüfen, ob sie einen Flüchtlingsstatus haben oder nicht. Diese Prüfung ist jedoch eine staatliche Aufgabe, die uns privaten Seenotrettern weder zusteht, noch wollen wir uns diese Aufgabe anmaßen. Das Boot der lybischen Küstenwache hat uns aufgefordert, die Leute zu übergeben. Das haben wir aber strikt abgelehnt. 

Gehen Sie nochmal an Bord?

Baumgartner: Rein von der Motivation her, kann ich mir das auf jeden Fall vorstellen. Ich habe aber auch einen vollen Terminplan. Ich studiere, arbeite, trainiere eine Leichtathletikmannschaft und bin Trainer im Hochschulsport. Ich würde mir wünschen, dass es unnötig wird, dass NGOs wie wir überhaupt gebraucht werden. Seenotrettung sollte von europäischer Seite betrieben werden. Es sollte nicht auf den Schultern von privaten, unbezahlten Menschen liegen, die Menschenrechte zu wahren und zu schützen.

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In unserer Interviewserie „Über den Rand“ sprechen die idowa-Redakteurinnen und Redakteure mit Menschen, die Einblicke in nicht alltägliche Bereiche geben können – weil sie zum Beispiel einen besonderen Beruf haben oder ein ungewöhnliches Hobby. Oder weil sie ein Leben führen, das einfach nicht der Norm entspricht – und genau deshalb Spannendes zu erzählen haben.

 
 
 

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