Interviewserie Über den Rand Von der Theorie in die Praxis

Für die Uni habe ich mich über ein Jahr lang sehr intensiv mit dem Thema Seenot auseinandergesetzt. Ich habe eine Seminararbeit mit dem Titel „Pflichten eines Kapitäns gegenüber Migranten in Seenot“ geschrieben und mich der Fragestellung gewidmet: Was passiert, wenn ein Kapitän auf hoher See auf ein Boot mit Flüchtlingen trifft, das offensichtlich in Seenot ist? Was ist eine Seenot? Und hat der Kapitän überhaupt das Recht, in einen Hafen einzulaufen? 

Und wie sind da die Regelungen? 

Baumgartner: Für jeden Kapitän gibt es die Pflicht zur Rettung. Die Pflicht geht so weit, dass die Personen in Seenot mit an Bord genommen werden müssen, wenn die Seenot nicht auf andere Art und Weise abgewendet werden kann. Es gibt nur eine Einschränkung: Wenn die Sicherheit der Mannschaft oder des Schiffs nicht gewährleistet werden kann, gilt diese Pflicht nicht mehr. In diesem Moment kann ein Kapitän auch sagen: „Ich helfe diesen Menschen nicht.“

Sie waren aktiv an Rettungen beteiligt. 17 Personen haben Sie aus dem Wasser gezogen. Wie läuft ein Einsatz mit Sea-Eye ab?

Baumgartner: Meine Crew und ich waren an zwei Rettungen beteiligt. Bei der ersten Rettung kamen 17 Menschen an Bord. Die Geretteten befanden sich auf einem kleinen Fischerboot aus Holz für zwei bis drei Personen, das sicherlich nicht hochseetauglich war. Das Holzboot haben wir am frühen Morgen bei Tageslicht gesichtet. Die Rahmenbedingungen bei uns auf der "Professor Albrecht Penck" waren gut, für das Holzboot war es jedoch durchaus kritisch. Die Menschen waren teils unterkühlt. Eine Person lag im Boot und wir konnten nicht feststellen, ob sie ernsthaft gefährdet war oder nicht. Für ein kleines Boot mit dieser Personenanzahl an Bord besteht jederzeit, bereits bei einer kleinen Welle, die Gefahr des Kenterns oder die Gefahr, das einzelne Menschen über Bord gehen.

Beim zweiten Einsatz hatten wir komplett andere Bedingungen. Die Seenotrettungsleitstelle aus Malta hat uns informiert, dass in der Nähe unseres Schiffs ein langes Rubber-Boat sei. Die Anfahrt dauerte knapp fünf Stunden und wir sind um 1 Uhr nachts dort angekommen. Der Wind hat stark geweht, wir reden hier von Windstärke 6. Die Wellen waren mehrere Meter hoch. Schon im Vorfeld war für uns klar: Nur wenn es zwingend notwendig ist, würden wir die Rettungsboote ins Wasser lassen. Die maltesische Küstenwache ist etwa zeitgleich mit uns eingetroffen. Die haben die Personen gerettet. Wir sollten auf Abruf bereitstehen. Letztendlich waren wir aber nicht aktiv an der Rettung beteiligt.

Was ist aus den Geretteten geworden?

Baumgartner: Das wissen wir nicht. Wir vermuten, dass die Küstenwache die Menschen nach Malta gebracht hat. Die Leute, die wir gerettet haben, sind bei uns an Bord geblieben. Zwölf Tage mussten wir ausharren. Wir durften einfach nirgendwo anlegen. Wir konnten nur rumfahren, durften uns aber keinem Hafen nähern. Die Lösung war dann: Die maltesische Küstenwache ist mit einem Schiff gekommen und hat die Menschen an Bord genommmen. Es gab zuletzt nach wie vor keinen Hafen, an dem unser Schiff anlegen durfte. Die aktuellsten Infos liegen mir allerdings nicht vor.

Wie würden Sie Ihre Zeit auf hoher See beschreiben?

Baumgartner: Es ist ein gutes Gefühl, Menschen zu retten. Wenn wir nicht da gewesen wären, würden diese Menschen vielleicht nicht mehr leben. Es wäre auch kein anderes Schiff da gewesen. Ich habe aber auch gemischte Gefühle. Diese Menschen werden wahrscheinlich nach einem langwierigen Asylverfahren wieder abgeschoben. In gewisser Hinsicht geht das aber für mich auch in Ordnung. Denn Asyl und Seenotrettung sind für mich zwei Begriffe, die nichts miteinander zu tun haben. Jemanden vor dem Ertrinken zu retten, steht für mich außer Frage. Ob jemand Asyl bekommt, darüber kann man diskutieren. Ein sehr bewegender Moment war für mich die Übergabe der Menschen an die maltesische Küstenwache. Die Menschen haben sich so sehr gefreut, dass sie endlich an Land durften. Das war letzte Woche, am 9. Januar. Gleichzeitig war es aber auch ernüchternd, weil wir als Crew zunächst nicht an Land durften und auch nicht wussten, ob wir überhaupt irgendwann in Malta an Land gehen dürfen. Da fragt man sich schon: Auf welchem Kontinent lebe ich denn eigentlich, wenn ich ihn nicht betreten darf, wann ich will? Nach zwei schwierigen Tagen durften wir dann in Malta anlegen. Wir konnten endlich nach Europa.

Lesen Sie auf den Folgeseiten das weitere Interview. 

 
 
 

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