Interviewserie “Über den Rand” Matthias Horx: „Ich habe noch kein digitales Bier gesehen“

Zukunftsforscher Matthias Horx Foto: Andreas Seidl

Matthias Horx kennt die Zukunft von Berufs wegen – er ist „Zukunftsforscher“. Im idowa-Interview spricht er über die Zukunft der Arbeit und des Automobils, die Gegenwart der Smartphone-Hysterie und über Fehler in der Vergangenheit.

Der Mann betreut als Berater große Konzerne, er hat Anhänger und auch Kritiker. Vielfach ist er in deutschen Medien vertreten, wenn es um Zukunftsthemen geht: Matthias Horx. Nach seiner Tätigkeit als Redakteur bei der Wochenzeitung Die Zeit gründete er 1998 das „Zukunftsinstitut“ mit Sitzen in Frankfurt am Main und Wien. Auf Einladung der Kanzlei fruhstorfer+partner war der 64-Jährige bei einem Vortrag in Straubing. Mit idowa hat er über sein Denkmodell und seine Wahrnehmung der Welt gesprochen.

Herr Horx, was muss man mitbringen, um als Zukunftsforscher sein Geld zu verdienen? Sie haben ein Soziologiestudium und publizistische Erfahrung als Basis. War das für Sie eine gute Grundlage?

Matthias Horx: Im Prinzip kann sich jeder Zukunftsforscher nennen, das ist kein geschützter Beruf. Es gibt zwar Kurse an Hochschulen, zum Beispiel gibt es an der Humboldt-Universität einen Grundkurs Zukunftsforschung, ebenso auch an weiteren internationalen Hochschulen. Aber im Prinzip kann sich jeder so nennen. Man kann die Tätigkeit auch in unterschiedlicher Form betreiben. Manche tun das sehr journalistisch, andere eher ökonomisch, oder sehr von der Technik her. Ich selbst komme aus der Gesellschaftsanalyse. Mich hat in der Folge Zukunfts-Modellbildung stark interessiert und ich habe ein autodidaktisches Studium von Systemtheorie, Spieltheorie, Probabilistik und Kybernetik aufgenommen, also von verschiedenen Ansätzen, die Modelle beschreiben. Es geht ja um die Frage: Wie verändert sich die Welt? Und das können Sie nur mit der Systemtheorie behandeln.

Sie selbst sprechen unter anderem von „Megatrends“. Man könnte hier etwa „Digitalisierung“ anführen. Würden Sie einen Trend herausgreifen, der alle anderen überstrahlt? Oder würden Sie eher davon ausgehen, dass alle diese Trends ineinander verschränkt sind?

Horx: Es gibt in der Tat eine Verschränkung der unterschiedlichen Phänomene untereinander und das eine ist ohne das andere nicht vorstellbar. „Individualisierung“ können Sie nicht verstehen ohne „Verstädterung“ und letzten Endes auch nicht ohne „Globalisierung“. „Individualisierung“ heißt ja Zunahme von Wahlmöglichkeiten und Entscheidungs-Zwängen im Leben. Hätten wir keine „Globalisierung“, dann hätten wir beispielsweise in der deutschen Küche nur Bratwurst und dergleichen, wir hätten also keine so große Wahl. „Gesundheit“ als Megatrend hängt massiv mit „Alterung“ zu-sammen. Neben den Megatrends könnte man auch noch eine höhere Kategorie benennen: Metatrends oder Gigatrends. Da ist man dann bei der Frage, wohin sich die Welt ganz generell entwickelt. Und an dieser Stelle könnte man zwei Begriffe nennen: „Komplexität“ und „Vernetzung“.

Nun schürt die Wahrnehmung gewisser Trends auch Ängste. Denkt man etwa an die „Digitalisierung“, dann mag bei manchem die Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes aufkommen. Sehen Sie solche Gefahren in Zusammenhang mit der „Digitalisierung“?

Horx: Alles ist gefährlich. Die ganze Welt ist gefährlich. „Globalisierung“ ist gefährlich. Alles was sich verändert, erzeugt Ängste. Und Ängste entwickeln und formen sich durch menschliche Meme [Anm. d. Red.: Informationseinheit, die durch Kommunikation weitergegeben werden kann], die von den Medien wiederum ausgelesen und geformt werden. „Globalisierung“ etwa verändert sicher die Arbeit massiv. Aber in welche Richtung? Wir haben jetzt schon einen Teil der billigen und schmutzigen Arbeitsplätze nach China delegiert und haben uns auf der Leiter nach oben bewegt in Richtung Dienstleistung und Kreativberufe. Und das wird sich durch die „Digitalisierung“ fortsetzen. In der Tat zerstören diese Veränderungsprozesse alte Arbeitswelten. Aber das ist gut so. Denn ansonsten würden wir immer auf der Stelle hocken und heute noch mit der Hacke Kartoffeln ernten. Arbeit generell verschwindet aber durch diese Veränderungsprozesse nicht, sondern sie wird immer mehr.

 

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