Interviewserie “Über den Rand” "Die Zukunft einer Ehe lässt sich gut prognostizieren"

Es hat ja auch bestimmte Konsequenten – etwa im Hinblick auf den Bedarf an seltenen Erden für Batterien, also im Hinblick auf ökologische Fragestellungen und soziale Standards in den Förderländern.

Horx: Das haben Sie ja sicherlich recherchiert, also kennen Sie die Antworten. Lithium ist ein ziemlich häufiges Element der Erde, ob wir Kobalt weiter brauchen, das wissen wir nicht, weil technologische Schübe schnell für einen Materialwandel sorgen können. Aber natürlich bedingt jede neue Technologie auch neue Standards, die sich im Laufe der Zeit entwickeln müssen. Die ersten Ölbohrungen waren auch erstmal ziemlich wild, und das Öl sprudelte nur so hervor und verschmitzte alles. Man muss Entwicklungskaskaden der Technik mitdenken, die Adaptionen, die Technologien durchlaufen, und in der Elektromobilität stehen wir ja erst am Anfang eines solchen Zyklus. Außerdem: Was wäre die Alternative?

Sie sind der Zukunftsforscher, sagen Sie es mir…

Horx: Wir müssen im Hinblick auf die Zukunft über Veränderungen nachdenken, nicht über die alten Modelle. Vor zehn Jahren habe ich Seminare gemacht für die deutsche Energieindustrie. Die haben einerseits satte Gewinne erwirtschaftet, andererseits stellte sich die Frage: Was ist die nächste große Veränderung? Meine Antwort war klar: Erneuerbare Energien. Es wurde dann von Branchenvertretern immer darauf hingewiesen, dass in Deutschland vermutlich nie mehr als fünf oder sechs Prozent des Energiebedarfs mit regenerativen Ressourcen gedeckt werden könnten. Das hätten „wissenschaftliche Studien“ erwiesen. Man konnte sich einfach nicht vorstellen, dass man Erneuerbare Energien billiger und effektiver machen konnte. Das ging dann aber plötzlich sehr schnell, als die politischen und ökonomischen Weichen gestellt wurden. Heute sind wir bei etwa 37 Prozent, und an rund 50 Tagen wird die ganze Energie Deutschlands von Wind und Sonne bestritten. Derweil entwickeln sich die Speichertechniken so, dass wir in wenigen Jahren bei 100 Tagen sein werden.

Stichwort „Verstädterung“. Welche Konsequenzen hat denn ihrer Meinung nach Verstädterung für kleine und mittlere Städte wie etwa Straubing? Profitieren solche Städte davon, oder werden sie von der nächstgrößeren Metropole selbst erodiert?

Horx: Entscheidend ist für ländliche Räume: Wenn Sie in der Provinz Kulturen schaffen, die urbanisiert sind, im Sinne eines guten Angebots an Dienstleistungen, Bildung und so weiter, dann bleiben die Menschen oder gehen auch wieder aus den Großstädten zurück. Wir arbeiten mit mehreren Mittel-Städten an Positionierungsprojekten, und es gibt immer ein Paar Bedingungen, von denen abhängt, ob sie boomen, oder nicht. Es hängt ganz stark vom Personal ab, also etwa von einem cleveren Bürgermeister. Es hängt an der Kooperationsfähigkeit der Gemeinde, der Offenheit nach außen. Was den Stadt-Land-Widerspruch betrifft, muss man aber auch sagen, dass sich dieser zum Teil auflöst, was auch mit der Ortlosigkeit des Internets zu tun hat. Es entstehen dörfliche Strukturen in der Stadt, mit Co-Working-Spaces und Genossenschaften. Und großstädtische Kulturen auf dem Land.

"Manche Technologien sind auf ihrem Zenit" 

Ein größeres Interview beim Deutschlandfunk mit Ihnen war überschrieben mit: „Die Rückkehr des Analogen“. Wann kommt es denn wieder?

Horx: Erst mal ist es ja nicht weg. Diejenigen, die sich quasi ausschließlich im Internet bewegen, sind ja noch immer relativ wenige. Ich habe auch noch kein digitales Bier gesehen. Manche Technologien sind auf ihrem Zenit oder haben diesen schon überschritten. Betrachtet man sich das Smartphone, dann sieht man, wie es zunehmend im Alltag der Menschen wieder in Frage gestellt wird. Weil es einfach zu sehr in unser Aufmerksamkeit-System eingreift. Wir sehen auch, dass sich viele Märkte nur sehr zäh entwickeln, etwa Smart-Home. Denken Sie an die „Google Glass“-Brille, an „Augmented Reality“ [Anm. d. Red.: Mix aus virtueller und realer Darstellung]. Viele dieser überdigitalen Phantasien scheitern an den Märkten. Gut sind Ansätze dann, wenn zum Digitalen etwas Analoges kommt. Die Kombination beider Welten. Wir nennen das „Realdigital“.

Wie genau lässt sich denn die Zukunft prognostizieren? Ich frage das deshalb, weil Sie vor einigen Jahren postuliert haben, dass Facebook spätestens in fünf oder sechs Jahren keine Rolle mehr spielen würde. Heute ist Facebook als Gesamtkonzern größer denn je.

Horx: Manche Dinge lassen sich gut vorhersagen, andere Dinge nicht. Die Zukunft einer Ehe lässt sich gut prognostizieren, die Börsenkurse nicht. Auf was Sie anspielen, war ein Wutausbruch von mir vor etwa zehn Jahren. Mir war klar, dass es ein Riesen-Problem geben würde mit Facebook. Damals war noch eine Pionierzeit, in der viele Alternativen zu Facebook angeboten wurden. Ich habe mich in dem Interview damals sehr aufgeregt. Unterschätzt habe ich aber klar den ökonomischen Faktor, den Plattform-Effekt, nachdem im Internet immer nur eine Plattform alle User gewinnt. Jetzt, zehn Jahre später, scheint es mir so, dass Facebook quasi darum bettelt, zerschlagen zu werden. Und die User-Zahlen gehen in den USA und Europa zurück.  Facebook, denke ich, wird sich selbst deutlich verändern. Generell ist aber natürlich auch ein Zukunftsforscher nicht vor Fehlern gefeit. Letzten Endes ist das „work in progress“. Wir irren uns nach oben. Unfehlbarkeit kann ich leider nur dem Papst überlassen.

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In unserer Interviewserie mit dem Titel "Über den Rand" sprechen unsere Redakteure regelmäßig mit Menschen, die sie ganz einfach spannend finden – weil sie zum Beispiel einen außergewöhnlichen Beruf haben, eine ganz eigene Weltsicht, ein besonderes Hobby oder einen speziellen Lebensstil. Oder weil sie schlicht anders sind als wir Normalos. Die Gesprächspartner kommen dabei aus der Region oder von weit her. Wir schauen also bewusst mit unserer Serie über den Rand, nämlich über den des eigenen Tellers. Viel Spaß mit den Interviews.

 
 
 

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