Interviewserie "Über den Rand" Lisa Schubert: Wo Dunkelheit und Hoffnung eins werden

Lisa "Vinsterwân" Schubert vor dem von ihr im Jahr 2016 angefertigten Porträt des Rammstein-Sängers Till Lindemann - Acryl auf Leinwand. Foto: Schubert

„Die Menschen lieben die Dämmerung mehr als den hellen Tag, und eben in der Dämmerung erscheinen die Gespenster“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe einst. Dass jede Dunkelheit aber auch Hoffnung in sich birgt, das beweist die 32-jährige Malerin Lisa „Vinsterwân“ Schubert aus Leipzig mit ihrer Kunst. Trotz der meist düsteren Komponente ziehen ihre Werke die Menschen förmlich in ihren Bann. Wie Sie zur Malerei kam und woher sie ihre Inspiration nimmt, das verrät die Künstlerin im idowa-Interview.

In welchem Alter wurde Ihnen klar, dass Sie diese einzigartige Begabung für Malerei haben und damit eines Tages Ihren Lebensunterhalt verdienen möchten?

Lisa Schubert: Gemalt und gezeichnet habe ich schon immer sehr gern und sehr viel. Erst in der Grundschule entwickelte ich einen intensiveren Blick für Farben und Formen. Ich begann, andere Kinder zu porträtieren und für sie fiktive Figuren zu zeichnen. Allerdings stempelte ich diese Fähigkeit eher als nebensächlich ab, da ich mir nie vorstellen konnte, davon zu leben. Geändert hat sich diese Sichtweise erst am Gymnasium durch meine damalige Kunstlehrerin.

Ist denn eine künstlerische Ausbildung in Form eines Studiums zwingend notwendig?

Schubert: Zwingend notwendig ist es nicht, zumal man innerhalb der Ausbildung auch viel mit dem Selbststudium befasst ist. Nichtsdestotrotz verleiht das Studium dem Künstler den letzten Schliff und es hilft dabei, sich allmählich Kontakte aufzubauen sowie Galerien und andere Künstler kennenzulernen. Doch egal, ob mit oder ohne Ausbildung, wichtig ist immer der eigene Anspruch und Ansporn – aber auch Disziplin und das innere Feuer.

Können Sie mittlerweile von der Kunst allein leben? Ist die Kunst nicht bisweilen ein besonders hartes Brot?

Schubert: Das erste Jahr als Freiberufler war sehr schwer. Ich musste auf vieles verzichten, mich einschränken und sehr sehr viel arbeiten. Doch mit der Zeit hat die Arbeit Früchte getragen. Es kamen immer mehr Aufträge, Ausstellungen und Verkäufe hinzu, so dass ich gerade an einem Punkt bin, an dem ich von meiner Kunst und von Aufträgen leben kann. Das macht mich absolut glücklich!

Sie tragen zusätzlich den Künstlernamen „Vinsterwân“. Was hat es damit auf sich?

Schubert: Vinsterwân ist zusammengesetzt aus den mittelhochdeutschen Wörtern „vinster“ (dunkel) und „wân“ (Hoffnung). Meine Werke sind eine Mischung aus beidem. Sie transportieren eine düstere Botschaft. Als Entgegnung verbindet jede Dunkelheit aber auch immer Licht: Schatten existiert nur durch Licht und Licht ruft immer Schatten hervor.

Würden Sie sagen, Sie haben mit Ihren düsteren und häufig surrealen Werken Ihre eigene Nische entdeckt?

Schubert: Das ist eine schwierige Frage. Ich sehe mich nicht in der klassischen zeitgenössischen Kunstlandschaft, sondern eher in der Randgruppe. Meine Motive und mein Stil sprechen für gewöhnlich nicht die breite Masse an. Meine Kunst wird nie in irgendeiner Arztpraxis hängen. Ich denke, ich spreche vielmehr eine bestimmte düstere Liebhaberszene an, aber ganz sicher nicht die künstlerische Kommerzlandschaft.

Inwiefern ist eine eigene Nische heutzutage wichtig, um in der Kunstbranche bestehen zu können?

Schubert: Im Grunde genommen muss man seinen eigenen Stil und Wiedererkennungswert entwickeln. Aber natürlich geht es auch in der Kunstszene viel um die richtigen Kontakte.

Woher schöpfen Sie Inspiration und Ideen für Ihre Werke?

Schubert: Musik nimmt einen großen Stellenwert in meinem Leben ein. Sie muss mich einfach einfangen, empor tragen und mir Bilder in den Kopf zaubern. Dann hat sie es geschafft, mich zu inspirieren. Eine weitere große Inspirationsquelle sind meine eigenen Traumlandschaften. Ich träume sehr intensiv. Es entstehen Bilder oder Symbole in meinen Träumen, die ich in meine Malerei einfließen lasse.

"Auf Knopfdruck kann ich nicht kreativ sein"

Kann man Kreativität auf Knopfdruck abrufen?

Schubert: Ich kann nur von mir sprechen. Auf Knopfdruck kann ich keine Kreativität hervorrufen. Ich brauche immer Zeit, um mich in die Malerei hinein zu denken und hinein zu fühlen. Das ist oft auch stimmungsabhängig.

Sie können Kreativität also durch gewisse Stimmungen steuern…

Schubert: Wie ich schon erwähnte, nimmt die Musik einen hohen Stellenwert bei mir ein. Die musikalische Atmosphäre spiegelt sich auch in den Bildern wider. Für bestimmte Bilder höre ich die passende Musik. Wenn es auf meinen Bildern wilder zugeht, wird die Musik dementsprechend auch härter.

Welche Kunstepoche favorisieren Sie?

Schubert: Ich verehre die Alten Meister wie z.B. die Symbolisten und die Romantiker. Sie vereinigen das Licht, das Erhabene und Reine, aber auch die Dunkelheit, die Sünde und den Tod. Sie sind die besten Lehrer für mich.

Welcher Maler war für Ihre persönliche Entwicklung am wichtigsten?

Schubert: Da gibt es einige. Angefangen von Caspar David Friedrich bis hin zu Nicola Samori. Besonders schätze ich Zdzisław Beksiński. Er vereint in meinen Augen das Göttliche und das Böse in einem Werk. Kein anderer Künstler reicht an ihn heran. Er ist einzigartig.


In unserer Interviewserie „Über den Rand“ sprechen die idowa-Redakteurinnen und Redakteure mit Menschen, die Einblicke in nicht alltägliche Bereiche geben können – weil sie zum Beispiel einen besonderen Beruf haben oder ein ungewöhnliches Hobby. Oder weil sie ein Leben führen, das einfach nicht der Norm entspricht – und genau deshalb Spannendes zu erzählen haben.

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