Interviewserie „Über den Rand“ So etwas vergisst man nicht

Wünschen sich Franzosen zum Beispiel mehr Beratung als Deutsche? Gibt es einen Unterschied zwischen der Kundschaft in den beiden Ländern?

Meine französischen Kunden konnten zum Teil zwar sehr schwierige Sachen auf Deutsch lesen, aber nicht so gut Deutsch sprechen. Ich musste also die deutsche Literatur, die vor mir lag, meinen französischen Kunden auf Französisch empfehlen. Das ist schon eine Herausforderung, wenn man nicht Muttersprachler ist. Aber es hat mir viel Spaß gemacht.

Gibt es einen Moment aus den vergangenen fünf Jahren, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Nach den Attentaten wurde aus Sicherheitsgründen der Ausnahmezustand ausgerufen. An unserem ersten Ladenstandort wohnte schräg gegenüber ein hochrangiger Politiker. Er musste Tag und Nacht bewacht werden. Wenn man in den Laden ging, dann begrüßte man die Polizisten. Es waren welche dabei, die schnell realisiert haben, dass da gegenüber eine deutsche Buchhandlung war. Und dann haben entweder sie selber oder ihre Frauen bei mir etwas gekauft. Und das wäre ohne diese Situation nie passiert. Als ich dann mal eine schwere Lieferung bekommen habe, haben sie mir geholfen, die Kartons zu schleppen. So etwas vergisst man nicht.

Nun schließen Sie Ihren Laden. Wieso?

Ich muss nicht aus finanziellen Gründen schließen. Ich könnte auch so weiterarbeiten wie über die letzten fünf Jahre. Aber ich kann mir niemanden einstellen, damit ich vielleicht die Öffnungszeiten erweitern könnte. Pro Jahr habe ich ungefähr 1,5 Tonnen Bücher ausgepackt – es ist also auch körperlich ein ungemein anstrengender Beruf. Und das ist so ein Punkt, bei dem ich sagen muss: Das will ich einfach nicht mehr. Warum nun der Umsatz nicht so hoch ist, das liegt an verschiedenen Gründen. Der Hauptgrund sind die Strukturen in Frankreich und vor allem hier in Paris. Es gibt kaum mehr Schüler, die Deutsch lernen. Diese zweisprachigen Klassen, die es früher mal gab, wurden nach einer Reform abgeschafft.

Wurde diese Klassen einfach gestrichen?

Die Schüler machen eh Englisch und wählen dann eine andere Sprache noch dazu, zum Beispiel Spanisch. Weil es immer weniger Schüler gibt, die Deutsch lernen, gibt es auch immer weniger Germanistik-Studenten in Frankreich. Damit sinkt auch die Zahl der Lehrer. Und unter den Lehrern gibt es diejenigen, die Deutsch als Elitensprache verkaufen. Und das ist negativ. Welcher junge Mensch möchte etwas lernen, das zur Elite gehört? Gegen diese Meinung habe ich mich oft gewehrt.

Sie sprachen bei den Gründen auch von den speziellen Umständen in Paris …

Da kann man die Gelbwesten-Bewegung anführen, die Streiks und Demonstrationen. Man kann sagen, dass es über die vergangenen zwei Jahre kaum mehr einen Samstag gab, der normal lief. Und deswegen kamen die Kunden aus dem Umland nicht mehr herein. Die Hauptkunden kommen nicht unbedingt aus der Stadt, sondern aus dem Umland. In Paris selbst wohnen zwei Millionen Menschen, aber täglich kommen 12 Millionen in die Stadt, zum Beispiel wegen der Arbeit. Wenn die aber nicht kommen können, weil etwa die öffentlichen Verkehrsmittel nicht funktionieren oder die halbe Stadt blockiert ist, dann macht keiner Umsatz.

 

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